Montag, 25. Oktober 2010

„Individuelle Filialen und deren Sortimente“

Buchhändler/in: Guten Tag
Kunde: Hallo, ich suche ein Buch (in 30 % der Fälle auch ein Non-Book)
Buchhändler/in: Haben Sie einen Titel oder nähere Angaben?
Kunde: Ja, ich suche einen DuMont Reiseführer für Vietnam.
Buchhändler/in: Einen Augenblick bitte.....haben wir leider nicht im Haus, kann ich Ihnen aber gerne bestellen.
Kunde: Wie? Haben Sie nicht im Haus? Sie waren doch immer so gut sortiert?
Buchhändler/in:
Vietnam ist einfach kein Standard.


Eine buchhändlerische Beleidigung: Standardsortimente
Erst wurden unseren angestellten Buchhändlern Verkauf die Einkaufskompetenzen entzogen, nun dürfen sogar unsere Einkäufer nicht mehr selbstständig auswählen. 
Der erste Schritt begann in den Testfilialen der Sortimentserweiterung mit Musik CDs.
Nicht nur dass der Einkauf dort komplett zentral gesteuert wird, auch die Präsentation wird zentral vorgegeben. Kreativität ist nicht mehr erwünscht. Das Verräumen findet nach einer gedruckten Regalvorlage statt. Dort ist eingezeichnet wo welcher Titel hin soll.

Dann folgte das Standardsortiment Reise. Hier dürfen wir „noch“ selbstständig bestimmen was wo liegt, allerdings haben die Filialkollegen keine Kontrolle mehr über die Menge eines bestimmten Titels. An der Anzahl eines Titels ist erkennbar, welcher Verlag sich mit wie viel Geld in das Standardsortiment eingekauft hat. Denn die Standardsortimente werden nicht alleine von unserem zentralen Einkauf gesteuert, den Verlagen werden Titelplätze im Standardsortiment angeboten. Diese können dann (für die entsprechende Gebühr) ihre Titel platzieren. Unsere Einkäufer dürfen den Mindestbestand dieser Titel nicht anrühren. Daher werden nun die ersten Filialen mit Stapelware überschwemmt. Dabei wird keinerlei Rücksicht auf bauliche Unterschiede der Filialen gelegt. Einzig allein die Umsatzhöhe ist für die Titelanzahl entscheidend.

Dann folgte Jokers
Im Modernen Antiquariat wird unser Sortiment nun auch fremdbestückt. Die Zuteilung erfolgt nach Umsatzhöhe aus dem Jokers Sortiment. Ziel ist es gewesen, eine Marktmacht darzustellen und den MA-Markt leer zu kaufen und die dementsprechenden Einkaufpreise zu erzielen. Probleme ergeben sich in der Zustellung. Denn der Nachbezug der Ware dauert 3-4 Tage. Die Aufkleber (Weltbild) lassen sich schlecht scannen, Fehlbestände im WWS entstehen. In der Filiale kann niemand erkennen, welche Titel wann geliefert werden. Kundenbestellungen sind im MA kaum mehr möglich.

Gräfe & Unzer
Ach wie schön, GU bekommt mit seinen Ratgebern nun auch wieder Sonderflächen. Regale werden umgeschraubt, Backlist wird verramscht, dafür hat Gräfe und Unzer ja auch viel Geld bezahlt. Egal ob im Kochbuch, im Besser Leben oder der Partnerschaft und Familie, Gräfe und Unzer erhält Sonderflächen, wir dafür Sonderkonditionen. Die Titelauswahl wird von Hugendubel und GU gemeinsam ausgearbeitet.

Zurzeit erfolgt in einigen Filialen der Einzug eines Standardsortiments im Esoterik Non-Book.
Sehen wir uns mal an, was noch so alles kommt.
Schöne „neue“ Welt.

Kommentare:

  1. Das Zynische an der Sache ist, daß den Einkäufern erzählt wird, sie würden durch die Standardsortimente "entlastet", damit sie mehr Zeit für Regionalspezifisches und für ihre sonstige Arbeit haben. Dabei kann sich jeder, der 1 + 1 zusammenzählt, ausrechnen, daß es in Wahrheit darum geht, ihre Stellen wegzurationalisieren. Der nächste Schritt ist die Zentralisierung und Automatisierung des Nachbezugs im Bereich der Standardsortimente. Wie sich mittlerweile herumgesprochen hat, wird daran bereits gearbeitet.

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  2. "An der Anzahl eines Titels ist erkennbar, welcher Verlag sich mit wie viel Geld in das Standardsortiment eingekauft hat. Denn die Standardsortimente werden nicht alleine von unserem zentralen Einkauf gesteuert, den Verlagen werden Titelplätze im Standardsortiment angeboten. Diese können dann (für die entsprechende Gebühr) ihre Titel platzieren"
    Ich will ja nicht skeptisch sein, aber woher kommt diese Info? So hat man es zumindest uns nicht erklärt und so wäre es auch betriebswirtschaftlicher Selbstmord. Wobei die Stückzahlen natürlich völliger Blödsinn sind...

    @Schnelldreher: Ich kann Deine Sorge verstehen. Bei uns im Haus haben die Einkäufer allerdings so viel zu tun, daß es eine Erleichterung darstellt, sich nicht mit jedem "Standard" beschäftigen zu müssen. Wenn sie etwas mehr Zeit haben, sich wirklich mit der Feinjustierung des Haustypischen Sortiments zu beschäftigen, fände ich das nicht verkehrt. Und ich glaube nicht, daß ein Einkäufer sein Herz ans Nachbestellen eines BAE Mallorca hängt, oder?
    Das Problem dürfte eher sein, daß entweder die GL über das Ziel hinaus schießt oder die Technik versagt :D

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  3. Also wenn dann scheitert es an bookhit. Es gibt für den Buchhandel nämlich schon Systeme die eigenständig nachbeziehen, siehe z.B. die Systemkomponenten bei der Genossenschaft e-Buch. Möglich wäre es auch, massive Flächen zu "standartisiseren", um mindestens einen Teil der Arbeitsplätze abzubauen. Klassische Rationalisierung. Die Vorwürfe des Regalverkaufs kann ich nachvollziehen, Verlage monieren dies ständig. Sonst hätte Hugendubel keine Gründe bestimmte Verlage zu bevorzugen. Würde außerdem zu Hugendubel passen: schnelles Geld, ohne Gewissen.

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  4. "Betriebswirtschaftlicher Selbstmord"
    Wieso?
    Bessere Konditionen, Werbekostenzuschläge, verbesserte Lieferbedingungen. Unsere Al haben leider oft keinerlei betriebswirtschaftliche Kenntnisse, daher können diese mit solchen Begriffen um sich werfen.

    Problem ist doch: Kunden merken wenn Kompetenztitel abgebaut werden und das Sortiment Weltbild plus plus signalisiert.

    B.

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  5. Hallo B., es macht natürlich nur Sinn , den Bodensatz des Sortimentes zu standardisieren, also die Titel, die wir ohne darüber nachdenken zu müssen, sowieso einkaufen müssen. Es macht sicher keinen Sinn, Titel, die wir NICHT VERKAUFEN zu standardisieren, nur weil ein Verlag zahlt. Bessere Konditionen, WKZuschläge und verbesserte Lieferbedingungen (was soll das bei MairDumont sein?) reichen leider nicht, wenn die Bücher sich nicht verkaufen! Falls die DBH so handelt ist es leider "betriebswirtschaftlicher Selbstmord"! Und B: Ich habe betriebswirtschaftliche Kenntnisse, falls Dich das tröstet ;)

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