Montag, 3. August 2020

ver.di: HDE hat den maroden Handel selbst mitverschuldet

Jetzt fordert er staatlichen Unterstützungsfonds


Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) wirft dem Handelsverband Deutschland (HDE) Doppelbödigkeit vor. Dieser fordert die Einrichtung eines „Innenstadtfonds“ in Höhe von 500 Millionen Euro, um damit vermeintlich der Verödung der Innenstädte entgegenzuwirken. Dazu erklärt Orhan Akman, bei ver.di verantwortlich für den Einzel- und Versandhandel: „Tarifflucht, immense Flächenexpansion auf der sogenannten grünen Wiese, immer mehr Einkaufscenter, verlängerte Öffnungszeiten und Preiskriege haben den Vernichtungswettbewerb im Handel massiv beschleunigt. Der Unternehmerverband HDE hat diese verfehlte Politik mitgetragen und oftmals selber gefördert, zeigt sich nun aber verwundert über das Ladensterben in der Branche und das Veröden der Innenstädte. Solange der HDE an dieser strukturellen Fehlpolitik festhält, helfen keine Fonds, die der Steuerzahler zu tragen hat.“

Die vom HDE unterstützte Tarifflucht habe den Verdrängungswettbewerb unter anderem durch die Verweigerung allgemeinverbindlicher Tarifverträge für alle Beschäftigten im Einzelhandel „enorm geschürt und Löhne und Gehälter zum Spielball des Verdrängungswettbewerbs gemacht“, so Akman.

De facto gäbe es den vom HDE geforderten Fonds bereits, kommentierte der Gewerkschafter die Forderung: Weil die Löhne im Einzelhandel oft zu niedrig zum Leben seien, springe der Staat mit Aufstockungsleistungen ein. Jüngsten Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit zufolge beziehen 13,5 Prozent der im Lebensmittelverkauf beschäftigten Hilfskräfte zusätzlich zu ihrem Gehalt Leistungen nach Hartz IV. Selbst bei den sozialversicherungspflichtig beschäftigten Verkaufsfachkräften liegt der Anteil mit 3,6 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im berufsübergreifenden Schnitt von 1,6 Prozent.

Akman dazu: „Die Beschäftigten werden ausgepresst bis zum Geht-nicht-mehr, und wenn das nicht reicht, wird nach dem Staat gerufen. Vielleicht sollte der Handelsverband in den eigenen Reihen erst einmal mit der Tarifflucht aufräumen. Stattdessen nimmt er, wie im Januar, auch noch einen Versandriesen wie Amazon als Mitglied ganz ‚ohne Tarifbindung‘ (oT) auf, der dann auch noch extrem von der Coronavirus-Pandemie profitiert. So lange der HDE diese fatale Linie fortsetzt, ist ein neuer Fonds keine Lösung.“


Quelle: www.wipo.verdi.de

Montag, 27. Juli 2020

ver.di-Positionen zur gegenwärtigen Situation des Handels

Bayerische Initiative zur Stärkung des Einzelhandels

Verdi Bayern

1.Ausgangslage

 a. 

Differenziertes Bild:   Wir nehmen ein sehr differenziertes Bild wahr. In Betrieben/Unternehmen, welche bisher gut durch die Krise gekommen sind oder sogar zu den Gewinnern der Krise gehören, haben die Arbeitsbelastungen dramatisch zugenommen. Mehr Umsätze mussten mit dem vorhandenen Personal bei stark erschwerten Bedingungen erarbeitet werden. 

Die Beschäftigten erwarten Maßnahmen zu mehr guter Arbeit und dauerhafte Maßnahmen zum Schutz ihrer Gesundheit.In Krisenbetrieben haben Beschäftigte empfindliche Einkommensverluste durch Kurzarbeit und zum Teil Einkommenskürzungen hinnehmen müssen.

Beim Großteil der Beschäftigten in allen Betrieben nehmen wir Verunsicherung und Zukunftsängste wahr.Menschen mit sozialen Einkommen (Renten, Hartz IV, etc.) stellen zunehmend eklatante Preissteigerungen bei Lebensmitteln fest, was zu Umsatzverlagerungen und Unsicherheit auch bei dieser Konsumentengruppe führt.

Samstag, 20. Juni 2020

Mindestlohn: 12 Euro ist notwendiges Minimum!

Gewerkschaftsinstitute fordern Anhebung

Die Grafik zeigt unter der Überschrift "Der gesetzliche Mindestlohn" die Entwicklung des Mindestlohns: 2015 und 2016 betrug er 8,50 Euro, 2017 und 2018 8,84 Euro, 2019 9,19 Euro und ab 2020 wird er 9,35 Euro betragen.
Der Mindestlohn steigt zum 1. Januar 2020.


Berlin, Juni 2020 – Einführung und Erhöhungen des gesetzlichen Mindestlohns haben seit 2015 die Einkommenssituation von Millionen Menschen in Deutschland verbessert, von denen nicht wenige in „systemrelevanten“, aber niedrig bezahlten Berufen arbeiten. Der Mindestlohn hat dadurch die private Konsumnachfrage spürbar unterstützt, die in den vergangenen Jahren wesentlich zum Wirtschaftswachstum in Deutschland beigetragen hat. 

Solche positiven Impulse sind zur Bewältigung der aktuellen Corona-Krise besonders wichtig. Deshalb ist eine schrittweise Anhebung des Mindestlohns auf ein Niveau von 12 Euro ökonomisch und sozial weiterhin absolut vernünftig. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) und des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung in einer neuen Stellungnahme für die Mindestlohn-Kommission.

Dienstag, 16. Juni 2020

"Arbeit: demokratisieren, dekommodifizieren, nachhaltig gestalten!"

 Manifest für ein Wirtschaften nach der Pandemie,
 unterzeichnet von über 3.000 Wissenschaftlern 


Wirtschaften nach der Pandemie: "Die Menschen, die das Leben durch die Pandemie hindurch am Laufen halten", schreiben die Verfasserinnen und Verfasser, "sind der lebende Beweis dafür, dass Arbeit nicht auf ein bloßes Gut reduziert werden kann."


"Die Menschen, die das Leben durch die Pandemie hindurch am Laufen halten", schreiben die Verfasserinnen und Verfasser, "sind der lebende Beweis dafür, dass Arbeit nicht auf ein bloßes Gut reduziert werden kann." © links: EyeEm, rechts: Akos Stiller/​Bloomberg/​Getty Images
 
 
 
Arbeitende Menschen sind sehr viel mehr als bloße Ressourcen. Dies ist eine der zentralen Lehren aus der gegenwärtigen Krise. Die Pflege von Kranken, die Lieferung von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen lebensnotwendigen Gütern, die Beseitigung unseres Abfalls, das Auffüllen der Regale und das Bedienen der Kassen in unseren Lebensmittelgeschäften: Die Menschen, die das Leben durch die Covid-19-Pandemie hindurch am Laufen halten, sind der lebende Beweis dafür, dass Arbeit nicht auf ein bloßes Gut reduziert werden kann.

Die Sorge um die menschliche Gesundheit und die Versorgung der Schwächsten kann nicht allein von Marktkräften geregelt werden. Sonst laufen wir Gefahr, die Ungleichheiten so weit zu verschärfen, dass wir das Leben der am stärksten benachteiligten Gruppen aufs Spiel setzen. 

Wie lässt sich ein solches Szenario vermeiden? Durch die Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an Entscheidungen, die ihr Leben und ihre Zukunft am Arbeitsplatz betreffen – durch die Demokratisierung der Unternehmen. Und indem man Arbeit dekommodifiziert – indem eine nützliche Beschäftigung für alle gemeinsam garantiert wird. Angesichts der enormen Gefahren einer Pandemie und eines ökologischen Zusammenbruchs würden es uns diese strategischen Veränderungen ermöglichen, die Würde aller Bürgerinnen und Bürger zu bewahren und gleichzeitig die kollektive Kraft und Anstrengung zu bündeln, die wir brauchen, um unser gemeinsames Leben auf diesem Planeten zu erhalten.