Montag, 4. Oktober 2010

Die kleine Sprachkritik (1)

Werte Leserin, werter Leser!

Hier und heute wollen wir nicht den Stab über, sondern eine Lanze für unsere Geschäftsführung brechen. Wir möchten ihr zu einer überaus gelungenen Wortneuschöpfung gratulieren, nämlich der sogenannten Optimierungsfiliale.

Ein schlanker, ja fast ein eleganter Neologismus! Dessen wahre Eleganz lässt sich vielleicht erst beim Nachdenken über mögliche Alternativen vollständig erfassen. Wie wäre es mit: Verbesserungsfiliale?
Das ist nicht optimal – es klingt zu sehr nach Besserungsanstalt, als seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Sünderinnen und Sträflinge.

Ein noch unglücklicheres Resultat bekommt man, wenn man beide Bestandteile ins von ausländischen Elementen gereinigte Deutsch überträgt: Verbesserungszweiggeschäft.
Das ist nun in der Tat ein suboptimales Wortungetüm. Man kann nur erneut die Geschäftsführung zu ihrer stilsicheren und geschmackvollen Wortwahl beglückwünschen!

Von der vollkommenen Form schreiten wir nun zur Begutachtung des Inhaltes.

Was soll eigentlich optimiert werden? Die Mitarbeiter? Die Regale? Das Gebäude der Filiale? Die Straße, in der sich die Filiale befindet? Der Stadtteil? Die Stadt? Das Weltall? Oder gar die Kunden?

Die aufmerksame Leserin, der aufmerksame Leser, wird festgestellt haben, daß es sich hier sämtlich um Akkusativobjekte gehandelt hat. Denn wir gehen davon aus, daß das Verb „optimieren“, das dem Substantiv „Optimierungsfiliale“ zugrunde liegt, einen transitiven Charakter hat.

Leider müssen wir zu unserer Bestürzung feststellen, daß das Verb in diesem Falle doch eher intransitive Charakterzüge hat. Es geht nämlich um Zahlen: Umsatz, Rendite, Profit. Es geht also: um Geld.

Ein kleiner, winziger, kaum wahrnehmbarer Zweifel beschleicht uns. Da die Zeitdauer, in der die Optimierungsfiliale eine Optimierungsfiliale bleiben kann, begrenzt ist, keimt ein leiser Verdacht auf.
Ist die Zeit, die man dem Laden noch einräumt, vielleicht nur eine Galgenfrist? Der Verdacht wird böser: Ist vielleicht mit der Ernennung einer Filiale zur Optimierungsfiliale schon längst ihr Ende besiegelt?

Wenn sich die zu verbessernde Filiale in eine zu beendigende Filiale verwandelt hat, müsste die korrekte Bezeichnung dann nicht eigentlich Beendigungsfiliale lauten? Und wenn die Galgenfrist nur eine knapp bemessene Gnadenfrist ist, ist die Optimierungsfiliale dann nicht eigentlich eine Terminierungsfiliale?

Im gegenwärtigen Zeitalter der Ausdifferenzierung gibt es für alles Spezialisten. Man muß sich nicht selbst die Hände schmutzig machen. Für die Beendigung einer Beendigungsfiliale gibt es die Fachkraft für Beendigungsprozesse. Man nennt sie auch Terminator.

Es ist kein kleiner Trost, wenn man weiß, daß das Ende nach genau festgelegten Regeln erfolgt.

In der letzten Sekunde der letzten Minute der letzten Stunde des letzten Tages wird der Terminator die letzte getreue Mitarbeiterin, die bis zum Schluß ausgehalten hat, weil sie die Geschäftsführung nicht im Stich lassen wollte und die nun selbst von der Geschäftsleitung im Stich gelassen worden ist, zu sich rufen.

Er wird sich ganz langsam zu ihr hinunterbeugen.Ihre Köpfe werden sich fast berühren. Er wird dann ganz leise, kaum hörbar, in ihr Ohr flüstern:

„Hasta la vista, baby…“

Kommentare:

  1. Danke für die erhellenden Ausführungen zur Managementlyrik.
    Bei mir stellte sich sofort assoziativ die Frage ein, was eigentlich zur GL-Optimierung getan werden könnte? Nein, ich meine nicht klonen, oder andere SF-Anwandlungen, so amüsant sie auch immer sein mögen… Es geht mir eher darum, daß das, was funktioniert, um mit Otto Rehhagel zu sprechen, auch das Moderne ist.

    Da könnte man doch zum Beispiel die Mitarbeiter einmal wieder ganzheitlicher an ihren Job heranführen, indem sie möglichst alle Tätigkeiten rund um Produkt und Kunde ausführen dürfen. Beraten, bestellen; das, was sie selber bestellt haben, auch selber aufräumen dürfen, usw. Was war eigentlich all die Jahre so grundverkehrt an diesen Übungen, daß man meint, sie auf Biegen und Brechen aus ihrem Zusammenhang reißen zu müssen?

    Man könnte den Mitarbeiter Kündigungsschutz in Aussicht stellen, und eine vielfältigere Tätigkeit, wenn man mit ihnen über eine maßgeschneiderte Bezahlung ins Gespräch kommen will. Man sollte unseren Fleiß und unsere Fähigkeiten endlich wieder wertschätzen anstatt uns a priori als gierige kleine Ich-Kapitalisten zu betrachten.

    Man könnte sich mehr an regionale Gegebenheiten anpassen, spezifische Interessen bedienen, anstatt auf die immer selben Einheizprodukte zu setzen. Dazu gehört vielleicht auch, sich von zentralistischen Vorstellungen und Corporate Identity um jeden Preis ein stückweit zu verabschieden, und den Markt vor Ort wieder stärker in den Blick zu nehmen.

    Es wäre an der Zeit, den Kunden und seine Wünsche wieder mehr in den Mittelpunkt stellen, anstatt ständig neuen Inspirationen hinterherzuhasten. Dazu könnte auch die Möglichkeit zu persönlicher Beratung bei ausreichendem Personalschlüssel gehören … wenn man da nur nicht wieder den leidigen Interessenkonflikt mit Sozialphobikern und Kassenschlangophilen riskieren würde… GL du hast es schon schwer.

    Übrigens, wenn es heißt:
    „die Kunden , die zu uns kommen, sind bestens informiert“, dann gilt ja wohl auch, daß die, die nicht (mehr) kommen, vielleicht sogar noch besser informiert sind… z. B. darüber, daß sie beim kleinen Buchhändler um die Ecke das Gleiche bestellen können, was dann vielleicht sogar vormittags schon abgeholt werden kann. Das größere Angebot, wegen dem man früher gerne zu uns kam, auch wenn man gegenüber dem Tante-Emma-Buchladen ein schlechtes Gewissen hatte – es ist ja nicht mehr.

    Na, dann siecht mal schön.

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  2. In dem Begriff "Optimierungsfiliale" schwingt mit, daß die Zustände in allen anderen Filialen noch nicht optimal sind. Das heißt, die Kosten sind dort immer noch zu hoch und wir (mitsamt unserer Kunden) müssen uns auf weitere Rationalisierungsschritte gefaßt machen. "Optimierung" bedeutet bei der DBH im Moment nichts anderes als Kostensenkung. Schade, daß unseren Verantwortlichen gar nichts anderes mehr einfällt. Daß dann auch noch versucht wird, dies den Mitarbeitern mithilfe schönfärberischer Phrasen als Verbesserung zu verkaufen, finde ich ärgerlich.

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  3. Ach - Auch Hugendubel hat "Optimierungsfilialen"? Ich dachte, die gäbe es nur beim "kranken" Habel.
    Es staunt eine Habel-Frau, die die "Deadline" (Tötungstermin) "ihrer" Filiale auch schon kennt.

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  4. Wo ist denn die Optimierungsfiliale zu finden?

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  5. Die Optimierungsfilialen gibt es Momentan nur bei Habel. Allerdings wird Habel in naher Zukunft mit Hugendubel verschmelzen. Was in der Zukunft sein wird, ist deshalb ungewiss.
    Ich zitiere Herrn Dr. M. Hugendubel (Beitrag: 40%?):

    (..) Einige ganz wenige Standorte sehen wir uns deswegen derzeit genauer an. Wir führen aktuell Gespräche mit den Vermietern und suchen gemeinsame Lösungsoptionen. Welche Veränderungen es gegebenenfalls gibt, werden wir zuerst intern kommunizieren.“ (..)

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