Donnerstag, 16. September 2010

Aufhebungsvertrag - Noch eine Drehung an der Schraube

Die alten Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, sind vorbei und kommen nicht wieder – auch bei Hugendubel nicht. Letztes Jahr gab es Entlassungen, dieses Jahr gibt es Aufhebungsverträge.


Mehreren langjährigen MitarbeiterInnen wurde angeboten, das bestehende Arbeitsverhältnis gegen eine mehr oder minder hohe Abfindung in beiderseitigem Einvernehmen zu beenden und die Firma zu verlassen. Andere sollten – ebenfalls per Aufhebungsvertrag und gegen eine Abfindung – ihr Vollzeitarbeitsverhältnis in ein Teilzeitarbeitsverhältnis umwandeln.

Dem Betriebsrat wurde zwar versichert, dies sei lediglich in „Einzelfällen“ geschehen - und man dürfe keineswegs von einer ganzen „Welle“ von solchen Aufhebungsangeboten sprechen. Außerdem – so hieß es – seien davon nur Kolleginnen und Kollegen betroffen, die dies durch ihr Verhalten über Jahre hinweg provoziert hätten: Leute, von denen man annehmen müsse, dass sie sich in der Firma ohnehin nicht mehr so ganz wohl fühlen.

Das kann man glauben oder auch nicht. Tatsache jedenfalls ist, dass während der letzten Monate allein in München mindestens sieben Aufhebungsverträge angeboten wurden – und firmenweit noch sehr viel mehr. Die Betroffenen waren in der Regel alles andere als irgendwelche Stinkstiefel, bei deren Weggang überall die Sektkorken knallen würden, sondern Kolleginnen und Kollegen, die über viele Jahre hinweg gute Arbeit geleistet haben und noch leisten, aber ihrem Arbeitgeber nun – man kann nur raten – vielleicht zu alt und zu teuer werden.

Gewiss: wenn man die Sache ganz nüchtern betrachtet, ist das Problem mit den Aufhebungsverträgen eigentlich gar keines. Wer von seinem Vorgesetzten einen angeboten bekommt, was laut Manteltarifvertrag übrigens in schriftlicher Form zu geschehen hat, muss ja nicht unterschreiben. Theoretisch bestünde zwar die Gefahr, dass einzelne Anbieter versuchen, ihrem Angebot einen gewissen Nachdruck zu verleihen, indem sie auf die betroffenen MitarbeiterInnen Druck ausüben. Aber das widerspräche nicht nur Hugendubelscher Unternehmenskultur, sondern scheint auch nicht der Fall zu sein. – Und dann stellt sich ja doch eigentlich nur noch die Frage nach einer möglichst umweltverträglichen Entsorgung der entsprechenden Schriftstücke.

Aber leider fällt es bei dieser Sache nicht so ganz leicht, sie nüchtern zu betrachten. Denn gerade ältere MitarbeiterInnen, die schon lange bei und für Hugendubel arbeiten, lieben ihren Beruf und ihre Firma: sie sind noch immer – wie man früher, als das Wünschen noch geholfen hat, oft sagen hörte – „Buchhändler mit Leib und Seele“ und „alte Hugendubler“ obendrein. Und es ist für die meisten von ihnen nicht nur eine große und herbe Enttäuschung, jetzt halt einfach nicht mehr so recht gebraucht zu werden, sondern – und das ist das Schlimmste – es zehrt am Selbstwertgefühl.

Deshalb sei an dieser Stelle allen Aufhebungsvertrags-Kandidaten eines ganz deutlich gesagt: ihr braucht euch nicht zu schämen. Ihr habt nichts verkehrt gemacht. Denn es geht hier letztlich um etwas, das uns alle betrifft: um unsere Arbeitsplätze.

Was jetzt geschieht und was euch geschieht, ist die Folge eines Denkens, in dem Menschen (warum auch immer?) nur noch als Kostenfaktoren betrachtet werden – und das hat bei allen Nachteilen zumindest den einen Vorteil, dass auch keiner mehr etwas persönlich muss. Es ist halt einfach so, wie es ist: letztes Jahr gab es Entlassungen, dieses Jahr gibt es Aufhebungsverträge. Letztes Jahr ist man durch unsere Reihen mit dem Mähdrescher gefahren, dieses Jahr versucht man, ob sich nicht auch freiwillig noch das eine oder andere Hälmchen knicken lässt. Es wird geschaut, auf wen man noch verzichten kann, und Nachlese gehalten. Und jeder weiß – man muss kein Prophet sein, um es zu wissen: ein Erntedankfest ist längst nicht in Sicht!

Arbeitgeber sprechen in diesem Zusammenhang gern von der „Personalkostenschraube“, an der sich als einziger noch drehen lässt. Aber für uns Arbeitnehmer ist diese Schraube inzwischen zu einem Folterwerkzeug geworden. Denn jede Drehung bedeutet entweder mehr Arbeit und mehr Stress oder mehr Angst und Sorge um den Arbeitsplatz oder beides. Und es wurde in der letzte Zeit fürwahr nicht wenig gedreht: die Entlassungen, die Auslagerung der Internetabteilung, die Schließung unserer Nürnberger Filiale, die Fremdvergabe der Inventur, die Fremdvergabe von Teilen des Remissionswesens und nun auch Aufhebungsverträge – all das war immer noch eine weitere Drehung dieser Schraube – und folgen könnte noch eine und noch eine und so weiter.

Und weil davon jeder betroffen sein könnte, liebe Kolleginnen und Kollegen, sollten wir uns auch alle dagegen wehren, so gut es geht. Das wichtigste Instrument, das wir dabei im Augenblick zur Verfügung haben, ist der ver.di-Sozialtarifvertrag. Er würde dem Arbeitgeber Kündigungen erheblich erschweren und unsere Arbeitsplätze für die Zukunft entsprechend sicherer machen.

Einen Haken hat die Sache allerdings: auch hier hilft das Wünschen allein schon lange nicht mehr. Die Unterschrift der Geschäftsleitung unter einen Sozialtarifvertrag wird einem nicht auf dem silbernen Tablett serviert – nicht einmal als kleines Dankeschön vom Personalchef für irgendwelche Karikaturen, in denen er sich als extraterrestrisches Ungeheuer wiederfindet. (So ein Pech aber auch!)

Mit einem Wort: es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als zusammenzuhalten und gemeinsam für unseren Sozialtarifvertrag zu kämpfen. Denn die Auseinandersetzung über dieses Thema soll zwar ernsthaft und sachlich bleiben, aber vor allem muss sie stattfinden – und sie muss hier und heute stattfinden. Morgen kann es schon zu spät sein.

Kommentare:

  1. Es gibt auch Kollegen, die schon lange ihren Vollzeitvertrag in eine 50 % Teilzeitstelle umwandeln wollten und erst durch diese Maßnahme dazu Gelegenheit haben
    Ich behalte meinen Job - endlich 50% reduziert - und Hugendubel einen langjährigen Mitarbeiter

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  2. Es ist egal ob einige Mitarbeiter diese Aufhebungsverträge annehmen oder auch nicht, ob dies eine persönliche Verbesserung ist oder nicht...

    Wichtig ist doch die Tatsache, dass das Unternehmen weiterhin versucht Stellen abzubauen, obwohl die meisten Läden schon lange die Personaluntergrenze erreicht haben.
    Ab einem gewissen Punkt muss die Firma für genügend Personal sorgen, dies soll wohl auch in Zukunft mit noch weniger Stammpersonal und mit noch mehr Leiharbeitskräften passieren.

    B.

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  3. Als langjähriger Mitarbeiter mit klassischer Buchhändlerausbildung fühle ich mich in der Firma langsam wie ein aussterbendes Relikt, das dem angestrebten Discountkonzept im Wege steht. Qualifikationen spielen so gut wie keine Rolle mehr, es geht nur noch um die Senkung der Kosten. Ich glaube, die GL ist froh über jeden von uns, der freiwillig geht.

    Natürlich kann man die Meinung vertreten, das Wohlergehen der Beschäftigten ist sekundär; Hauptsache, die Firma überlebt. Aber ich frage mich, ob der eingeschlagene Weg wirklich in die Zukunft weist. Viele kleine Buchhandlungen, aber auch das Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin (siehe: www.buchreport.de/nachrichten/handel/handel_nachricht/datum/2010/09/15/ich-traue-dem-frieden-nicht) und Anbieter anderer "wertiger" Produkte im Einzelhandel setzen zunehmend auf individuelle Atmosphäre, konsequenten Service und persönlich engagierte, kompetente Mitarbeiter. Ob das, was bei Aldi und Saturn funktioniert, in Zeiten des Internet auch bei Büchern erfolgreich ist, wird sich zeigen.

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  4. @Büchermensch und auch @alle anderen

    Nicht nur der Buchhändler, sondern jeder Mitarbeiter bei Hugendubel ist ein aussterbendes Relikt.

    So wie es ausschaut, werden in den kommenden Jahren entweder unrentable Flächen geschlossen (es laufen demnächst mehrere Mietverträge aus) oder Filialen in Centern werden so umgebaut (häufig besteht das Centermanagement nach einer gewissen Anzahl an Jahren auf einen Umbau und Neumöblierung), dass man weniger Personal benötigt, weil es zukünftig nur noch wenige Infos bzw. Infos mit integrierter Kasse geben wird.

    Tja, wozu braucht man dann uns? Im November wird es ein weiteres Beispiel dafür geben, dass Hugendubel allen Grund hat, uns wegrationalisieren.

    Die erste, zumindest auf den ersten Blick, fast mitarbeiterlose Filiale wird dann nach einer Komplettrenovierung ihre Pforten öffnen.

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  5. Wußtet ihr eigentlich, daß manche Filialen ohne Telefonnummern im Telefonbuch stehen? Dies betrifft Amberg, Regensburg, Würzburg, die beiden Nürnberger.
    Wenn ich Kunde wäre und den Hugendubel in meiner Stadt anrufen wollte und im Telefonbuch nur noch die Adresse und den Hinweis auf die Website vorfände, dann wäre ich aber ganz schön verblüfft: soviel Aufmerksamkeit schenkt man mir? Ist das eine neue Art, Interesse und Wertschätzung zu vermitteln? Oder will man mich etwa mundtot machen?
    Ob die Konkurrenz wohl auch nach solchem „Erfolgsrezept“ verfährt? Die Hugendubelkundschaft hat sich jetzt jahrelang an das HSC gewöhnen müssen, und kam sich dabei oft bevormundet oder gar abgezockt vor…Was passiert wohl, wenn man den Leuten signalisiert, daß sie altmodische Provinzler sind, wenn sie es wagen sollten, im Telefonbuch nach einer Telefonnummer zu suchen – und der Eintrag der Konkurrenz gleich nebendran steht?
    Aber vielleicht gilt das ganze auch in erster Linie den betroffenen Filialen und dem HSC – macht euch keine Illusionen, das hat hier für euch keine Zukunft, orientiert euch anderweitig (dann müssen wir euch nicht selber rausschmeißen).Offenes Mobbing hat es in dieser Firma glücklicherweise noch nicht gegeben; aber das Erschweren von Arbeitsbedingungen greift immer mehr um sich, und das scheint System zu haben. Oder kann sich jemand erklären, warum sich die Büros der Münchner Hugendubel-Internetabteilung auf einmal räumlich in Augsburg zu befinden haben („eine Bahnfahrt die ist lustig…“)?

    Früher betrachtete man unser Verhältnis zum Kunden gerne unter der Fragestellung „wie behandeln wir jemanden, von dem wir leben?“ Das gilt natürlich auch auf einer höheren Hierarchieebene, im Hinblick auf die Angestellten – wie wollen wir mit denen umgehen? Interessiert das da oben überhaupt noch jemanden?
    Es kommt mir zynisch vor, Mitarbeiter zu demotivieren und trotzdem bis zum Schluß eine gute Arbeitsleistung von ihnen zu erwarten. Aber geradezu selbstzerstörerisch ist es doch, der Kundschaft den Zugang zu unseren Dienstleistungen zu erschweren –im Angesicht erdrückender Konkurrenz!

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  6. Eine der Begründungen für den Personalabbau lautet, die Kunden seien heutzutage selbständiger und informierter als früher und wollten meistens keine Beratung mehr. Das stimmt natürlich. Worauf sie aber sicher trotzdem noch Wert legen, ist ein angenehmes Ambiente. Nur, wenn die Gesamtatmosphäre stimmt, kommen Kunden auch gerne wieder.

    Was ich bei uns im Laden erlebe, sind Schlangen an den Kassen und den Infos, chaotische Regale und Pyramiden (weil keiner mehr zum Aufräumen kommt) und Kollegen, deren Sortimentskenntnis zunehmend oberflächlicher wird. Letzteres nicht aus Desinteresse oder Faulheit, sondern weil sie keine Zeit mehr haben, sich mal intensiver einem Regal, einer Verlagsvorschau oder einem Klappentext zu widmen und jeder permanent alle Bereiche im Laden mitbedienen muß.

    Auch wenn die Beratungshäufigkeit zurückgegangen ist: Wir werden immer noch täglich von Kunden nach unserer Meinung gefragt oder um die Einschätzung von Titeln gebeten. Das wäre eigentlich die Gelegenheit, sich gegenüber Amazon & Co. zu profilieren und den Leuten das zu bieten, was sie so nur bei uns bekommen (Aufmerksamkeit durch reale Buchhändler, persönliche Ansprache). Aber so, wie die Rahmenbedingungen sind, wird die Chance vertan und dem Kunden signalisiert, daß er sich in einer Art Abhollager für Bücher befindet.

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  7. Ja, Büchermensch, da hast Du in sehr vielen Punkten recht und beschreibst auch zu großen Teilen die Zustände in meiner Filiale.
    Darüber hinaus finde ich es sehr traurig, daß das Arbeitsklima auch so dermaßen leidet, was sich ja letztlich auch auf den Kundenkontakt auswirkt. Der Buchhändler Verkauf weiß fast täglich nicht mehr, wann er die ganze Arbeit, die nicht zuletzt schon aus dem Selbstverständnis des Berufes heraus zu erledigen wäre, noch schaffen soll um dem Kunden ein kompetenter Ansprechpartner zu sein und einen schönen, strukturierten Laden zu präsentieren. Außerdem ist er sowieso das Auffangbecken für vom Abteilungsleiter/Einkäufer delegierte zusätzliche Arbeitsaufträge. Langsam aber stetig wird der Kunde auch irgendwie zum Störfaktor und der Kollege zum Ventil.
    Man hat bei der GL halt einfach gerechnet. So und soviel ist mit Personalreduzierung und Outsourcing einzusparen und das wird jetzt gemacht, dann bringt man es überfallartig den Mitarbeitern bei und riskiert ja keinen Seitenblick, ob das vielleicht auch anders ginge.
    Wie dieser Großumbau im Unternehmen aber "an der Front" genau funktionieren soll ist mit weniger Akribie angegangen worden.
    Der Buchhändler Verkauf ist für mich einer der Hauptverlierer, er erstickt in Arbeit, hat nix zu sagen/entscheiden und muß oft genug feststellen, daß Abteilungs- und Filialleitung mit ihrer Leitungs- und Führungsfunktion im abgespeckten System völlig überfordert sind und dementsprechend mit Ahnungslosigkeit glänzen, wie man der neuen Situation eigentlich begegnen könnte.
    Wenn Mitarbeiter mit Leidenschaft, Kompetenzstreben und Leistungsbereitschaft systematisch überbelastet werden, hat man als Unternehmer die rote Karte verdient.

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