Mittwoch, 27. Juli 2011

"Zwei von Zweihundertfünfzig": Interview mit Nicole Molthan

Gespräch mit der Gesamtbetriebsrats-Vorsitzenden bei Weltbildplus/Jokers  (Teil 1)


Infoblog: Wann warst Du eigentlich das letzte Mal in einem Media-Markt?

Nicole Molthan: Mein letzter Besuch in einem Media Markt ist schon etwas länger her. Ich persönlich schätze eine ruhige und angenehme Verkaufsatmosphäre und das ist für mich bei den meisten Media-Märkten nicht gegeben. Laute Musikberieselung und aggressive, sich penetrant wiederholende Dauerwerbung aus den Lautsprechern ist nicht so nach meinem Geschmack. Außerdem bin ich selten fündig geworden, was z.B. Filme jenseits der aktuellen Blockbuster und Massenware angeht. Daher meide ich die Läden eher.

Infoblog: Weißt Du, was die Weltbildplus- und die Jokers-Filialen mit Media-Markt gemeinsam haben?

Nicole Molthan: Ja, leider. Media Markt ist genauso wie Weltbildplus/Jokers eine bundesweit agierende Verkaufskette mit ca. 230 stationären Filialen. Von diesen ca. 230 Filialen haben meines Wissens bisher nur zwei Filialen einen Betriebsrat gewählt. Und da kommen wir auf die Gemeinsamkeit. Bei den über 250 Filialen von Weltbildplus/Jokers haben bisher auch nur zwei Filialen einen jeweils einköpfigen Betriebsrat gewählt.


Infoblog: Warum gibt es so wenige BR bei Weltbildplus/Jokers?

Nicole Molthan: Von den über 250 Filialen müsst ihr erstmal ca. 77 Filialen abziehen, die aufgrund ihrer Mitarbeiterstruktur (weniger als fünf Beschäftigte in der Filiale, laut BetrVG ist erst ab fünf Beschäftigten eine BR Wahl möglich) zur Zeit nicht in der Lage sind, selber einen BR zu wählen, obwohl ich Kenntnis von Filialen habe, die dieses sehr gerne tun möchten. Mit dieser Problematik, die sicherlich in Zukunft immer mehr Einzelhandelsketten betreffen wird (stetiger Personalabbau), müsste sich mal der Gesetzgeber beschäftigen. Das BetrVG stammt leider aus einer Zeit, in der es nicht so viele Ketten mit Minibesetzung gab.


Infoblog:  Und bei einer Zusammenlegung von Filialen, zwecks Ermöglichung von BR Wahlen, müsste die Geschäftsführung einverstanden sein, oder?

Nicole Molthan: Ja. Bei den restlichen ca. 180 Filialen (die Zahl schwankt ständig, bedingt durch Filialschließungen und durch den Zuwachs der Wohlthat’s Filialen im Bundesgebiet) kann ich natürlich nur Vermutungen anstellen. Zum einen gab es vor 2009 keinen Betriebsrat im Unternehmen. Das heißt, für viele Kolleginnen und Kollegen ist das Thema „Betriebsrat“ und alles, was damit zusammen hängt, ein gänzlich unerforschtes Themengebiet. In der Schule lernt man nichts über Betriebsräte, in vielen Studiengängen vermutlich auch nicht und so kann es durchaus sein, dass man sein gesamtes bisheriges Berufsleben ohne Kenntnis von Betriebsräten und Betriebsratsarbeit durchlaufen hat. Bei vielen Kolleginnen und Kollegen herrscht noch viel Unsicherheit und Angst. „Was kommt da auf mich zu?“ „Kann ich das überhaupt?“ „Was wird mein Vorgesetzter sagen?“


Infoblog: Was gab bei Dir den Anstoß?

Nicole Molthan: Ich selber bin auch erst nach der Entlassungswelle im Mai 2009 aufgerüttelt worden und habe mich daraufhin mal etwas näher mit dem Thema BR befasst. Daher habe ich viel Verständnis für die Kolleginnen und Kollegen, die noch zögern und unsicher sind. Es ist eine Art Denk- und Lernprozess, der sich entwickeln muss und sich auch entwickeln wird.


Infoblog: Was sind die Hauptschwierigkeiten, einen neuen BR zu bilden?

Nicole Molthan: Eigentlich gibt es keine Schwierigkeiten. Die formalen juristischen Wege sind einzuhalten, dabei hilft der GBR (Gesamtbetriebsrat). Interessierten Kolleginnen und Kollegen werden Seminarangebote gemacht, damit die BR Wahl korrekt abläuft. Niemand wird alleine gelassen.

Ganz wichtig ist meiner Einschätzung nach aber, dass das gesamte Team in der Filiale die interessierte Kollegin, den interessierten Kollegen unterstützt. Quasi eine Art Gemeinschaftsentscheidung. Denn die dann hoffentlich erfolgreiche und konsequente Betriebsratsarbeit kommt letztlich dem gesamten Team zugute. Am Anfang wird es sicherlich ein wenig holprig, bis sich die Betriebsratsarbeit wie selbstverständlich in den Arbeitsalltag integriert. Aber auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. An dieser Stelle auch ein ganz herzliches Dankeschön an mein eigenes Team für die Unterstützung und das Verständnis.


Infoblog: Wenn KollegInnen einen BR gründen wollen, was sollten Sie als erstes tun?

Nicole Molthan: Als erstes prüfen, ob die formalen Voraussetzungen vorliegen. Die Personalstruktur ändert sich in den Filialen derart rasant, dass die Listen, die dem GBR vorliegen, meist nur Makulatur sind. Wenn die BR Gründung jedoch möglich ist und der Entschluss feststeht, sollte sich die/der künftige BR zwei Getreue aus der Filiale für den Wahlvorstand an die Seite holen und dann Kontakt mit dem GBR aufnehmen.


Infoblog: Das Management von Media-Markt unternimmt alles, um die Bildung von BR zu behindern. Gibt es ähnliche Erfahrungen bei Weltbildplus/Jokers?

Nicole Molthan: Nach eigener Aussage hat die Geschäftsführung nichts gegen BR Wahlen, wenn sie juristisch korrekt ablaufen. Der GBR hat bereits Wahlvorstände für einige Filialen benannt und die BR Wahlen werden in allernächster Zukunft durchgeführt werden. Ich hoffe nicht, dass es zu Behinderungen kommen wird.



Endes des ersten Teil des Interviews mit Nicole Molthan.
Teil 2 folgt morgen.

Kommentare:

  1. Leider haben Weltbild+/Jokers und Media Markt noch einige andere Gemeinsamkeiten. Wie zum Beispiel ein überdimensioniert aufgeblasenes Filialnetz, Ware die nicht über den Massengeschmack und den Bestseller-Listen hinausgeht. Wer eine angenehme Verkaufsatmosphäre schätzt geht auch nicht unbedingt nach Jokers.-- Mit wenig kauf willigen Kunden ist nun mal kein Geschäft zu machen. Die Steigerung von billig und noch billiger und noch schlechter in der Qualität ist nun mal, Ware zu verschenken bzw Läden zu schließen und dann braucht auch niemand mehr Verkäufer bzw Buchhändler

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  2. Die Zeit für unspezifizierte Warensortimente ist vorbei, wie uns das Karstadtschicksal gezeigt hat. Kundschaft möchte heute mehr Qualität, bessere Beratung und ein angenehmes Einkaufserlebnis, daher ist Media Markt auch nicht mehr erste Wahl für Kunden als Händler. Daher wird auch über kurz oder lang Weltbild/Joker und Hugendubel sich kleinschrumpfen müssen. Ein Sammelsurium von Büchern, Multimedia, Plastikspielzeug und Haushaltsartikeln verführt niemanden mehr zu einem regelmäßigen Einkauf. Wenn dann das Flair in den Filialen mehr an einen Ein-Euro-Shop erinnert denn an eine Buchhandlung bleiben Kunden ganz weg. Ein BR kann für uns da einige Härten mildern, aber ein Blick auf die Karstadtkollegen ist auch ganz hilfreich um nicht so ganz plötzlich "böse" überrascht zu werden

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  3. @Anonym, 17.35 Uhr:
    Wer die aktuellen Nachrichten verfolgt, dem drängt sich eine weitere Parallele geradezu auf. In beiden Fällen hat das Management die wachsende Bedeutung des Onlinehandels zunächst unterschätzt. Statt am Profil der Läden zu feilen, wird eine Neuausrichtung als Internetanbieter mit stationären Läden als Zusatzgeschäft angestrebt. Um sich die Mittel für die notwendigen Investitionen zu verschaffen, kommt es zu einem drastischen Personalabbau.

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  4. Ähnlich wie bei der Diskussion vom 20.Juli über Inflation /Deflation ist doch anzunehmen, daß eine ständige Verfügbarkeit, zu sinkenden Preisen, von jedem Produkt, sei es online oder stationär nicht dazu führt, daß mehr gekauft wird. Jeder Kunde hat doch die Möglichkeit da sein Geld los zu werden, wo er meint den bestmöglichen Nutzen oder die bestmögliche Qualität zum besten Preis zu erhalten und für viele Leute ist das nun mal mittlerweile ein Internet-Shop. Eben auch (leider) weil viele Kollegen und Kolleginnen sich nicht wirklich im klaren darüber sind, daß ein einmal enttäuscht oder vergraulter Kunde in der Regel nicht wieder kommt, sondern ins Internet abwandert. Zusätzlich stimme ich @Hugendubeler zu, dieser Gemischtwarenladen in dem wir tätig sind trägt nicht dazu bei ein gutes, positives Bild zu vermitteln. Also besser den BR unterstützen um nicht so ganz alleine vor einer ungewissen Zukunft zu stehen.

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