Montag, 4. Juli 2011

Die Zukunft von Hugendubel (8): Gewerkschaftsarbeit bei Hugendubel

Akteure im Betrieb:  Mitglieder - Betriebsrat - Management

Eine Gewerkschaft ist eine "Vereinigung von abhängig Beschäftigten zur Vertretung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Interessen" (zitiert nach Wikipedia). Diese agiert nicht nur auf Betriebsebene, sondern geht weit über die Ebene des Einzelunternehmens hinaus und hat dadurch eine gesamtpolitische Dimension.
Betriebsräte können Gewerkschaftsmitglieder sein, müssen es aber nicht. Ebenso kann es in einem Unternehmen mehrere Gewerkschaften geben, was bei uns aber nicht der Fall ist. Gewerkschaftsarbeit bei Hugendubel heißt de facto Gewerkschaftsarbeit von Haupt- oder Ehrenamtlichen von ver.di.
Im folgenden betrachten wir verschiedene Aspekte und Akteure von Gewerkschaftsarbeit in unserer Firma.

Management und Gewerkschaftsarbeit

Was die Führungsriege unseres Unternehmens von Gewerkschaftsarbeit bei Hugendubel hält, läßt sich präzise in einem einzigen Wort ausdrücken:  Nichts.  Gewerkschaftliche Initiativen wie die Kommission für den Sozialtarifvertrag werden als Veranstaltungen zur Mitgliedergewinnung denunziert. Man versuchte den Betriebsrat zu erpressen, auf eine Betriebsversammlung keinen hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionär einzuladen, da man sonst seine Teilnahme absagen würde. Es darf zudem davon ausgegangen werden, daß eine aktive Mitgliedschaft bei ver.di das Ende einer angestrebten beruflichen Karriere bedeuten würde. Diese Herr-im-Haus-Haltung, die man eher aus dem 19. Jahrhundert kannte, führte auch zu dem lächerlichen Argument, daß man mit dem kommenden Mann der Münchner Stadtpoltik, dem Wirtschaftsreferenten Dieter Reiter, in sachen STV  nicht reden wolle, weil er ver.di-Mitglied sei.

Das ist nicht nur lächerlich, sondern auch ein klarer Verstoß gegen Buchstabe und Geist des Betriebsverfassungsgesetzes. Dort heißt es gleich zu Beginn, daß "Arbeitgeber und Betriebsrat ( ) unter Beachtung der geltenden Tarifverträge vertrauensvoll und im Zusammenwirken mit den im Betrieb vertretenen Gewerkschaften und Arbeitgebervereinigungen zum Wohl der Arbeitnehmer und des Betriebs zusammen(arbeiten). Zur Wahrnehmung der in diesem Gesetz genannten Aufgaben und Befugnisse der im Betrieb vertretenen Gewerkschaften ist deren Beauftragten nach Unterrichtung des Arbeitgebers oder seines Vertreters Zugang zum Betrieb zu gewähren, soweit dem nicht unumgängliche Notwendigkeiten des Betriebsablaufs, zwingende Sicherheitsvorschriften oder der Schutz von Betriebsgeheimnissen entgegenstehen." (§ 2 BetrVG - Stellung der Gewerkschaften und Vereinigungen der Arbeitgeber).

Fazit: Was die GL über Gewerkschaftsarbeit bei Hugendubel denkt, kann uns als Gewerkschaftsmitgliedern herzlich egal sein. Die GL vertritt die Interessen der Kapitaleigner, wir vertreten die Interessen der Kolleginnen und Kollegen - also UNSERE Interessen.


Mitglieder, Nicht-Mitglieder und Karteileichen

Die Voraussetzung gewerkschaftlicher Handlungsfähigkeit, egal ob auf Betriebsebene oder in der Gesamtgesellschaft, ist der Organisationsgrad - sprich: die Mitgliederentwicklung. Bei Hugendubel sind im Lauf der Jahre mehr Mitglieder dazugekommen, allerdings weniger, wie man sich wünschen würde und Lichtjahre entfernt vom Organisationsgrad einer IG Metall in der Stahlindustrie. Das liegt an vielen Gründen, unter anderem an einer fehlenden gewerkschaftlichen Tradition im Buchhandel wie auch an einem mangelnden politischem Bewußtsein unter den Buchhändlern. Unter Bewußtsein ist hier die schlichte Erkenntnis zu verstehen, daß man als lohnabhängig Beschäftiger nun mal grundsätzlich andere Interessen hat als die Besitzer der Firma, in der man arbeitet und daß man seine Interessen organisiert vertreten muß.

Das Forum für Gewerkschaftsarbeit in einem Unternehmen ist die ver.di-Mitgliederversammlung.
Sie sollte in regelmäßigen Intervallen stattfinden bzw. zu besonderen Ereignissen einberufen werden.
An ihr können alle teilnehmen, die Gewerkschaftsmitglied sind oder werden wollen.

Was hat Hugendubel, was Thalia nicht hat? Wir haben einen Infoblog.
Was hat Thalia, was Hugendubel nicht hat? Sie haben eine ver.di-Betriebsgruppe.

Die organisatorische Basis für gewerkschaftliche Aktivitäten in einem Betrieb ist die Betriebsgruppe.
In ihr finden sich die Kolleginnen und Kollegen zusammen, die über den bloßen Mitgliederstatus aktive Gewerkschaftsarbeit machen wollen.In der Regel werden aus den Mitgliedern der Betriebsgruppe heraus ein oder mehrere Vertrauensleute als Sprecher der Gruppe gewählt.

Eine ver.di-Betriebsgruppe und das ver.di-Mitgliedertreffen hätten noch eine weitere, sehr wichtige Funktion.
Es wäre nämlich auch ein Forum, wo mit den Betriebsräten, die ver.di-Mitglieder sind, die im Betriebsrat getroffenen Entscheidungen unter gewerkschaftlichen Gesichtspunkten diskutiert werden könnten. Dies würde zu einer Stärkung basisdemokratischer Elemente führen und eine Loslösung des Betriebsrates von der Belegschaftsbasis verhindern.

Selbstkritisch muß man sagen, daß dies das derzeit größte gewerkschaftliche Defizit bei Hugendubel ist:
das Fehlen einer aktiven ver.di-Betriebsgruppe. Daran muß gearbeitet werden. Die Voraussetzung dafür ist jedoch eine ausreichende personelle Basis und der Rückhalt durch eine ver.di-Mitgliederversammlung.
Hier sollte sich jeder an die eigene Nase fassen, der bei den letzten Mitgliederversammlungen nicht anwesend war. Wir haben zu wenige Mitglieder und zu viele Karteileichen.

Und der Infoblog?
In gewisser Weise übernimmt er gewerkschaftliche Basis-Aktivitäten, ohne sie jedoch ersetzen zu können.
Der Infoblog ist ein enorm wirksames Kommunikationsmedium, aber er kann keine lebendige, sichtbare Organisation vor Ort ersetzen. Hier liegt noch eine Menge Arbeit vor uns.


Der Betriebsrat - Mit oder ohne Politik?
Gewerkschaftsarbeit wird oftmals mit Betriebsratsarbeit gleichgesetzt. Beide Formen der Interessenvertretung für lohnabhängig Beschäftigte haben naturgemäß viele Schnittmengen, sind aber nicht identisch. Ein Betriebsrat ist ein gewähltes Organ zur Vertretung der Arbeitnehmerinteressen durch Mitwirkung und Mitbestimmung an spezifizierten betrieblichen Entscheidungen.
 Es gibt Betriebsräte, die Gewerkschaftsmitglieder sind und es gibt Betriebsräte, die dies nicht sind.
Beide sollen (und wollen) die Interessen der Arbeitnehmer vertreten.
Wo liegt also der Unterschied?

Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft ist verbunden mit dem Teilen einer gemeinsamen politischen Position. Das ist nicht parteipolitisch zu verstehen (ver.di und der DGB sind überparteilich), sondern betrifft zentrale Aussagen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik. Dahinter steht die Überzeugung, daß die Rahmenbedingungen in einer größeren Dimension als der des Betriebs mitgestaltet werden müssen.
Und dies ist auch die entscheidende Differenz zu den Betriebsräten (oder auch KollegInnen), die die Meinung vertreten: "Keine Politik im Betrieb!"

Denn das ist der grundlegende Irrtum einer derartigen Haltung: Die Meinung, daß man alles innerhalb des Unternehmens zusammen mit der Geschäftsführung einvernehmlich regeln könne. Denn wie gezeigt, werden die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen außerhalb des Unternehmens festgelegt.
Und zum zweiten sind die Interessen der lohnabhängig Beschäftigten prinzipiell andere als die, denen die Firma gehört. Der in Deutschland oft zitierte Begriff der Sozialpartnerschaft bedeutet ja nicht, daß alle Interessengegensätze aufgelöst sind, sondern daß sie in einer möglichst konstruktiven, dialogorientierten Verfahrensweise verhandelt werden. Die Voraussetzung dieser Sozialpartnerschaft, von der ja in Deutschland nicht mehr allzu viel übrig geblieben ist, ist aber eine schlagkräftige Gewerkschaft.

Das Aushandeln von Interessensgegensätzen auf Betriebsebene ist Kerngeschäft des Betriebsrates. Das geht in vielen Fällen durch das Aushandeln von Kompromissen. Wenn ein tragfähiger, d.h. der Belegschaft auch vermittelbarer Kompromiss verweigert wird, bleibt dem gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmervertreter das Mittel des Arbeitskampfes, sprich: Streik.

Die KollegInnen, die die "Politik-muß-draußen-bleiben"-Haltung vertreten, bleiben die Antwort schuldig, wie sie die berechtigten Interessen der Belegschaft vertreten wollen, wenn der Arbeitgeber eine Lösung blockiert.
Sie bleiben die Antwort schuldig, was nach einem gescheiterten Dialog kommen soll.
Und darüber hinaus bleiben sie die Antwort schuldig, wie sie die Interessen der Kolleginnen und Kollegen vertreten wollen, die den Horizont des Einzelunternehmens übersteigen.

Fazit: Gewerkschaftsarbeit ist immer politisch - wie auch die Betriebsratsarbeit.






















Kommentare:

  1. Ein wirklich interessantes Thema. Schön, dass solche Artikel hier erscheinen.
    Ich kann dem Inhalt nur zustimmen.

    Die GL verhält sich lächerlich, wenn sie sagt, sie kommt nicht auf Betriebsversammlungen, falls jemand von der Gewerkschaft anwesend sein wird. Was ist denn das für ein kindisches Verhalten?
    In anderen Betrieben kommen Gewerkschaft und GL auf JEDE BV!

    Ich finde es gut, dass in dem Artikel klar gemacht wird, dass wir Beschäftigten nun mal andere Interessen haben, als das Unternehmen. Ich glaube viele haben das bis heute nicht wirklich verstanden und sehen sich als 'kleiner Teilhaber'.

    Klar sollte ein BR auch Gewerkschaftsarbeit betreiben. Beide sind meine Interessenvertreter und beide müssen natürlich zusammenarbeiten.
    Eine starke Gewerkschaft bedeutet auch, eine starke Belegschaft. Stark ist eine Gewerkschaft aber nur, wenn sich viele Kollegen organisieren, d.h. auch Mitglied werden!

    Deswegen verstehe ich Kollegen nicht, die von Verdi nichts wissen wollen.
    Das ist MEINE Gewerkschaft, die UNS 'Arbeiter' unterstützt.
    Wir sind nicht die Unternehmer, wir sind nur die Angestellten!
    Hier sollten viele ihre Sichtweise mal überdenken und ändern.

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  2. Es gibt Kollegen/Kolleginnen, die ihre Verdi-Mitgliedschaft verschweigen bzw. verheimlichen. Das spricht weniger gegen die Kollegen als gegen die Zustände in der Firma: Angst vor dem Führungspersonal, keine 'Karriere'-Chancen etc. Die Gewerkschaftsfeindschaft der GL setzt sich nämlich z.T. beim Führungspersonal vor Ort fort.

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  3. In Berlin haben in der Vergangenheit Mitarbeiter ihr Engagement im Betriebsrat aufgegeben, wenn sie Abteilungsleiter geworden sind. Geschah das aus freier Entscheidung oder haben Filialleiter oder der zuständige Regionalleiter bei der Entscheidungsfindung nachgeholfen?
    Von solchen Entwicklungen ging natürlich auch eine gewisse Signalwirkung Richtung Belegschaft aus.

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  4. @Anonym 10:37
    Das ist zwar ein paar Jahre her, das mit der "Signalwirkung" könnte aber hinhauen.

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  5. Jetzt verstehe ich auch, was "unternehmerische Haltung" im Anforderungsprofil für die AL-Stellenausschreibungen bedeutet: nix Gewerkschaft, nix Betriebsrat!

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  6. Die beste Werbung für ver.di macht die GL mit ihrer Zentralisierungs- und Personalabbaupolitik. Viele Kollegen in Berlin sind der Gewerkschaft beigetreten, weil sie irgendwann den Eindruck gewonnen haben, in den Augen der Firmenleitung nur noch lästige Kostenfaktoren zu sein, auf die man lieber verzichten würde. Es ist ja nicht nur so, daß unsere Arbeitsplätze akut bedroht sind, sondern man hat schon seit Jahren das Gefühl, daß jede Form von Mitbestimmung unerwünscht ist. Das betrifft sowohl den Umgang mit der Gewerkschaft als auch das selbständige Arbeiten in der Filiale. Das Ideal der Zukunft ist der anonyme Billigarbeiter, der bei einer Fremdfirma beschäftigt ist und keinerlei Mitsprache einfordert - oder noch besser: das Selbsbedienungsterminal.

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