Freitag, 22. Juli 2011

Es brodelt bei Hugendubel: Punktsieg, Streik und heiße Ohren

 
Keine Sportreportage (zum 6. Juli am Salvatorplatz):
2:0  – ein klarer Sieg nach Punkten für die Hugendubel-Belegschaft ...


...  ERSTER  PUNKTGEWINN  -  bei  Betriebsversammlung 
(Austragungsort Literaturhaus) 

... und ZWEITER  PUNKTGEWINN  -  bei  Warnstreik 
(Austragungsort „Hugendubel-Stammhaus“)  


So etwas ward noch nicht gesehen bei Hugendubel: 

Die Geschäftsleitung (verkörpert durch Thomas Nitz) bleibt ohnmächtig und sprachlos zurück im Großen Saal des Literaturhauses – während die Belegschaft vor „Aug’ und Ohr“ der anwesenden Chefs ungehindert zum gewerkschaftlichen Warnstreik aufbricht, ausgerüstet mit Megaphon, Plakaten - und starkem Handlungswillen.

Diesen 6. Juli hatten sich die Hugendubel-Chefs mit Sicherheit anders vorgestellt: 

Als bewährter Redner war Geschäftsleitungsmitglied T.N. ins Rennen geschickt worden, um der im Literaturhaus versammelten Münchner Belegschaft das Personalkonzept „Neues Arbeitszeitmodell“ schmackhaft zu machen. 

Dem erwartungsvollen Buchhandels-Publikum verkauft werden sollte eine Novität namens „Regelarbeitszeit“ – als ein äußerst „sinnvolles“, geradezu „notwendiges“, zugleich jedoch völlig „harmloses“  und sogar richtiggehend „mitarbeiterfreundliches“ Produkt zur flexiblen Gestaltung von Hugendubels glorreicher Zukunft. 

In der Münchner „Hilblestraße“ - sowie vor allem an der Augsburger „Steinernen Furt“ (denn dort ist bekanntlich die eigentliche DBH-Befehlszentrale angesiedelt) -  erwartete man derweil die Meldung: „Operation gelungen, Mission erfüllt!“.

Niemand rechnete wohl an diesem historischen Tag (an dem zeitgleich im fernen Durban ein weiteres Werben – nämlich das um ein olympisches Ja für München – in die Schlussrunde ging) mit diesem niederschmetternden Ergebnis:
„Aktion katastrophal misslungen – Zielvorgabe mehr als verfehlt!“


Kurze Zwischenfrage: 
Wozu eigentlich der ganze Aufwand „von oben“? 
Warum geht die Firmenleitung plötzlich so ungewohnt freundlich werbend auf Belegschaft und Betriebsrat zu, um für ihr neues Management-Produkt „Personalplanung à la DHB – garantiert leicht bekömmlich“ zu begeistern? 

Warum läuft das diesmal nicht so ab, wie bei Hugendubel und Weltbild seit mehreren Jahren gewohnt: 
Die intelligentesten Köpfe sitzen bekanntlich ganz oben; 
sie vermehren sich dort von Jahr zu Jahr; 
und, ganz wichtig, sie wissen einfach immer – immer – immer alles am besten, sehr viel besser jedenfalls als der Rest der Firma, vor allem als „der gemeine Mitarbeiter“ vor Ort, am tatsächlichen „Point of Sale“. 

Und deshalb entscheiden selbstverständlich auch nur sie (die da ganz oben, an der Spitze), sie ganz alleine: 
sie sind es, die zuerst die Filialen in großer Menge eröffnen – und bald darauf wieder schließen; 
sie reduzieren Personal und dezimieren die für die Mitarbeiter/innen aufzubringenden Kosten; 
sie stecken das erwirtschaftete Geld – außer in ihre eigenen Gehälter – in Controlling, Marketing, Software …
sie bestimmen autokratisch, wer wann wie was zu tun und zu lassen hat, was in den Läden rumsteht – und was da nichts mehr zu suchen hat …

Warum also aber diese plötzliche Wertschätzung der niederen Angestellten (denn diese rangieren ja angeblich, wie erst im Literaturhaus vernommen, „gleich nach den Kunden“!?), 
wieso dieser Schmusekurs gegenüber dem Betriebsrat, dieses ungewohnte Interesse an der Position der Belegschaft und das hartnäckig-freundliche Werben um Zustimmung?

Des Rätsels Lösung verbirgt sich im Betriebsverfassungsgesetz: 
Dieses nämlich verlangt zwingend die Einbeziehung der Arbeitnehmervertretung, wenn es um unternehmerische Eingriffe in die Arbeitszeitgestaltung der Mitarbeiter/innen gehen soll. 

In diesem Fall also kann eben nicht einfach nur bestimmt und verordnet werden, hier braucht die Leitung tatsächlich mal das Ja der Basis, ist angewiesen auf Zustimmung, gar auf echte Zusammenarbeit. 
Sonst nämlich bleibt sie sitzen auf ihren tollen Planungen (erinnert sich noch jemand an das sang- und klanglose Ende des ATOSS-Modells?) und kann ihr einzigartiges „GL-Produkt“ einfach nicht loswerden. 

Deshalb – und nur deshalb – jetzt also der ganz überraschend sanfte und zahme Ton des Thomas Nitz vor versammelter Hugendubel-Belegschaft …  


Doch nach diesem Tage sieht es ja so gar nicht danach aus, als könne T.N. den GL-Kolleg/innen in München und Augsburg großartige Verkaufserfolge vermelden und Vormerker oder Bestellungen von begeisterten Filialbelegschaften vorweisen. 
Denn nicht einmal ein (wenigstens) klitzekleines Gerangel um die Aufnahme in die Liste der „Testfilialen Regelarbeitszeit“ war da zu verspüren – 
und überhaupt gar niemand scheint da voller Ungeduld auf Lieferung und Eintreffen folgender Novitäten und Topseller zu warten: 

„Ein arbeitsfreier Samstag pro Monat: ist mir persönlich einfach zu viel Freizeit“ – 
oder
„Wir lieben die tägliche Überraschung: Arbeit nur noch auf Abruf“ – 
oder
„Täglich öfter kommen – geteilte Schicht macht doppelte Freud“ – 
oder
„Den Winter über / bleib ich so gern // wochenlang / im Laden: Wie man private Heizkosten spart und dadurch sein (TG I/II –)Gehalt aufbessert“ – 
oder
„Derlei Grausamkeiten lieb ich sehr …“


Dabei hatte doch alles noch so nett und beinahe schon GL-Erfolg-versprechend begonnen: 
Ein HERZLICH WILLKOMMEN war an die Wand gebeamt worden, und Uwe Kramm hatte als Vorsitzender des gastgebenden Betriebsrats die Anwesenden begrüßt – inklusive der Gäste,  sowohl aus Chefetage wie von Seiten der Gewerkschaft ver.di.

Doch bald erfüllten alttestamentarische Worte den Saal: 
„Sei mutig und stark!“ heißt es nicht nur bei Josua – auch für den Münchner Betriebsrat plädierte Jürgen Horn mit biblischem Tiefgang gegen „Versuche am lebenden Objekt“. 

Zuvorderst seien erst einmal sehr grundsätzliche Fragen zu klären: 

Die Menschlichkeit der Arbeitsbedingungen – dies habe zwingend bei allem betriebsrätlichen Tun im Vordergrund zu stehen; 
„gute Arbeit“ - diese basiere auf Freiwilligkeit sowie auf Anerkennung und Wertschätzung; 
und hieraus entwickle sich dann naturgemäß Loyalität bei all denjenigen, die ihren täglichen Leistungs-Beitrag erbringen. 

Genau dies aber stehe jetzt auf dem Spiel und ginge verloren: 
wenn die Beschäftigten sich nur noch ausgenutzt fühlten - und wenn als wahres Ziel des gesamten Arbeitszeitprojekts nichts anderes als fortgesetzter und noch gesteigerter Personalabbau mehr als deutlich durchscheine.

Mit der Geschäftsleitung verhandeln wolle der Betriebsrat durchaus; nicht dagegen beabsichtige er, sich hierbei über den Tisch ziehen zu lassen. 
Deshalb habe er eine Liste erstellt mit denjenigen  Voraussetzungen, die unabdingbar seien für die Zustimmung zu einem etwa möglichen Praxistest zum Thema "Arbeitszeit". 
Bei allem stehe eindeutig das Bemühen im Vordergrund, die künfigen Problemlösungen auf der Grundlage des jetzt geltenden  Arbeitszeitmodells zu erarbeiten. 
Und dieses biete hierfür durchaus genügend Spielraum und Möglichkeiten. 

Umgekehrt dagegen lassen sich „aus Scheiße nun mal keine Bonbons“ produzieren – 
und „Pandoras Büchse“ mit solch grausiger Füllung wie „Jahresarbeitszeitkonten“ und „Regelarbeitszeitplanungen“ bliebe dann besser ganz verschlossen: 

„Pandora geh heim – und nimm die Büchse wieder mit!“ lautete somit schlussendlich die eindeutige, an die GL gerichtete Botschaft. 

Belegschaft wie Betriebsrat stehen nur vor der Aufgabe, „herauszugehen aus der Deckung“ und dabei (so der eingangs zitierte biblische Josua) viel „Mut und Stärke“ unter Beweis zu stellen.    


Eben dies taten die Kolleg/innen (auf Podium und im Plenum) denn auch sogleich. 

Zwar gab Thomas Nitz sich redlich Mühe, den freundlich-umsichtigen GL-Gutmenschen zu verkörpern, dem es einzig darum zu tun sei, 
„die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu berücksichtigen“,  
„ihre Belastungen in einem gemeinsamen Prozess abzubauen“, 
„Überregulierungen zugunsten von mehr Flexibilität zu beseitigen“ 
und das Unternehmen zum Wohle aller Beteiligten „vernünftig und sicher in die Zukunft zu führen.“ 

Doch sein Loblied auf das angeblich „am Markt (und in der Branche)  überdurchschnittlich erfolgreiche“ DBH-Konzept wurde in der sich anschließenden Diskussion aus unterschiedlichen Perspektiven hinterfragt, auf seine Misstöne hin abgeklopft und schließlich gar als der „Unwahrheit“ verpflichtete firmeninterne PR demaskiert und disqualifiziert. 

Das Attribut „verantwortliches und erfolgreiches unternehmerischen Handeln“ wurde nämlich einer Geschäftspolitik abgesprochen, 
die sich einzig und allein durch Sortimentsabbau, Filialschließungen, Entlassungen sowie die möglichst personalfreie Abwanderung in die (Weltbild-dominierte) Multichannel-Onlinewelt auszeichnet. 

Deutlich vermisst dagegen werden: 

Marketing-Konzepte, die das Produkt Buch und seine entsprechend kundigen Kenner/innen und Berater/innen wieder in den Mittelpunkt rückten – 
wodurch auch den nachwachsenden Generationen vermittelt werden könne, „dass Lesen cool ist!“ - 
und dass Besuche in einem Haus voller interessanter Bücher durchaus Vorzüge bieten, die das Internet eben gerade nicht kennt. 

Wenn jedoch stattdessen große Flaggschiff-Filialen dicht gemacht werden 
(wie in Berlin); 
wenn einstige Vorzeigeläden – 
wie kürzlich noch im Falle der Filiale am Münchner „Stachus“ mit großer Vehemenz versprochen 
(doch dies „Versprechen“ wurde wohl nur getan, um die damals bereits öffentlich kursierenden Schließungsgerüchte schnell noch mal zu entkräften!) – 
nun plötzlich doch nicht modernisiert und einladend gestaltet (und vielleicht dann doch bald dicht gemacht??) werden, 
da ist tatsächlich die bange Frage zu stellen: 
„Hugendubel – Quo vadis? - Wie weit unten im Filialgeschäft soll denn diese Reise enden?“

Diese DBH-Mehr-Kanal-Strategie, so ist erschreckend deutlich vorauszusehen, führt für Kundschaft wie für Belegschaft eindeutig in eine mehr als trostlose, kulturbegrabende und menschenleere Sackgasse.


Doch nun ging’s weiter im Literaturhaus, Schlag auf Schlag -
Uwe Kramm leitete über zum zweiten Tagesordnungspunkt „Sozialtarifvertrag“  ...




...  FORTSETZUNG FOLGT ...

Kommentare:

  1. Danke für einen Bericht ohne rote Schrift, Fettdruck und alles andere was sonst in die Bild gehört.

    AntwortenLöschen
  2. Und klasse Vermittlung der ganzen Veranstaltung. Das macht einfach Lust auf mehr. Die sportliche Fortsetzung mit Teil 2 lohnt sich mindestens genauso. Ihr werdet immer besser!

    AntwortenLöschen
  3. DANKE!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    AntwortenLöschen
  4. Ja, wo geht's denn (da-)hin???
    Wenn Inkompetenz und, tja, leider auch Vetternwirtschaft sich mit Geldgier und Rechthaberei paaren?
    Und die nächste große Krise, die kommt bestimmt....übermorgen oder so.
    Ein heißer Herbst kommt bestimmt...und mir bleibt leider nur Zynismus...

    AntwortenLöschen

Ihr könnt Eure Kommentare vollständig anonym abgeben. Wählt dazu bei "Kommentar schreiben als..." die Option "anonym". Wenn Ihr unter einem Pseudonym schreiben wollt, wählt die Option "Name/URL". Die Eingabe einer URL (Internet-Adresse) ist dabei nicht nötig.

Wir freuen uns, wenn Ihr statt "Anonym" die Möglichkeit des Kommentierens unter Pseudonym wählt. Das Kommentieren und Diskutieren unter Pseudonym erleichtert das Austauschen der Argumente unter den einzelnen Benutzern.