Donnerstag, 17. März 2011

Kafka und die Umsatzsteuer

Zur Verbetriebswirtschaftlichung des Buchhandels

"Das Buch ist ein Kulturgut, das es zu fördern und zu schützen gilt. Aber es ist auch und gleichzeitig eine Ware in einem trotz aller Herausforderungen gut gehenden Markt", sagte Hans-Joachim Otto, Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag, 2008 in seinem Eröffnungsvortrag der Buchhändlertage in Berlin. Dieses "doppelte Wesen von Kulturgut und Ware", so Otto, führe auch dazu, daß die Politik durch Stipendien, die Buchpreisbindung und den ermäßigten Umsatzsteuersatz positive Rahmenbedingungen für Literatur und Buchhandel zu schaffen bemüht ist.
Am Ende seines konzentrierten Vortrages, der alle relevanten gegenwärtigen und zukünftigen Problemfelder des deutschen Buchhandels streifte, kam Otto nochmals auf die kulturelle Dimension des Buches zurück:
"Für mich als Kulturpolitiker gibt es nicht Schöneres, als durch jedes verkaufte Buch zu wissen, das dies zugleich Kulturförderung ist."

Ein denkwürdiger Schlußsatz, vor allem wenn man an die Äußerung von Maximilian Hugendubel im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 14. März 2011 denkt: "Andererseits nehmen die Verlage immer mehr unverkäufliche Titel ins Programm. Wir brauchen eine Diskussion mit den Verlagen."

Der Buchhandel als Unternehmen will und muß Produkte verkaufen, andererseits zahlt er den reduzierten Umsatzsteuersatz, weil er auch einen kulturellen Auftrag hat. Er hat übrigens den gleichen kulturellen Auftrag wie auch die Verlage. Viele engagierte Verlage mit einem Qualitätsanspruch verlegen Titel in einer Mischkalkulation: Bestseller von vielleicht eher durchschnittlichem Niveau ziehen anspruchsvolle Titel mit kleiner Auflage mit. Viele Buchhandlungen machen/machten dies genauso. 

Sehen wir uns ein konkretes Beispiel an, welche Konsequennzen Hugendubels Vorschlag hätte.
Der Autor, von dem hier die Rede sein sollte, war hauptberuflich Versicherungsjurist und schrieb nebenbei.
Das erste Buch, ein kleiner Band mit Prosa, das der Hobbyschriftsteller veröffentlichte, war ein völliger Misserfolg. Aus Honorarabrechnungen des Verlags zwischen 1915 und 1918 geht hervor, dass innerhalb eines Jahres 258, dann 102, schließlich nur noch 69 Exemplare verkauft wurden.

Der Werbeprospekt des Verlages rühmte die "formal feingeschliffenen, inhaltlich tief empfundenen und durchdachten Betrachtungen" des Autors. Das Diktum heutiger Marketing-Experten würde knapper ausfallen:  Unverkäuflich!

Insgesamt wurden im Laufe der Jahre weniger als 800 Exemplare abgesetzt. Kurt Wolff, der Verleger des Amateurschriftstellers, behauptete später, jener sei der größte Flop in seiner Verlegerlaufbahn gewesen.
Das war zwar übertrieben, aber der Autor, von dem hier die Rede ist, produzierte zu Lebzeiten keinen einzigen Bestseller.

Es ist klar, um wen es hier geht - der Titel hat die Pointe schon vorweg genommen:  Franz Kafka.

Wie würde es Kafka heute ergehen?
Wenn überhaupt, dann würde sein Manuskript höchstens von einem Kleinverlag angenommen werden.
Seine Texte sind anspruchsvoll, schwierig, avantgardistisch. Es geht nicht um Kleinstadtschlampen, Fäkalsex oder sonstige verkaufsfördernde Skandale. Auftritte in Talkshows als Treibsatz für die mediale Wertschöpfungskette sind nicht zu erwarten. Der Vertreter des Kleinverlages wird zu den Vertreterbörsen der Buchhandels-Ketten weder eingeladen noch vorgelassen.

Das ist nicht schlimm, vielen Schriftstellern ging es, geht es und wird es immer so ergehen.
Die Autoren werden weiterschreiben. Wer weiß schon, wieviele Kafkas derzeit an ihren Manuskripten bzw. Monitoren arbeiten?

Aber kehren wir zurück zur Ambivalenz von "Ware" und "Kulturgut".
Die Degradierung von Verlagen zu Bestsellerfabriken, wie sie Maximilian Hugendubel fordert, konterkariert den von Hans-Joachim Otto eingangs formulierten Anspruch an den Buchhandel beides - Ware und Kulturgut - zu verbinden. Wer konsequent die Verbetriebswirtschaftlichung des Buchhandels vorantreibt, sollte dann wenigstens so ehrlich sein und auf den ermäßigten Umsatzsteuersatz als unverdienten Extraprofit verzichten.

Wer diese Gratwanderung des Buchhändlers durch´s Büchergebirge - links der ökonomisch notwendige Abgrund "Kommerz", rechts der ökonomisch gefährliche Abgrund "Kultur" - nicht mehr fortsetzen will, der kappt das Seil und läßt  e i n e n  Traditionsstrang und alle, die daran hängen, abstürzen.












Kommentare:

  1. Ein wirklich interessanter Ansatzpunkt. In dem Artikel stimmt alles. Wieso sollte der Buchhandel von den 7 Prozent Mehrwertsteuer profitieren, ohne etwas dafür zu 'tun'. Wieso diese Bevorzugung gegenüber anderen Händlern?

    Es geht um ein Kulturgut. Wenn nur noch die Bücher produziert werden, die Hr. Hugendubel vorgibt (da gut verkäuflich), wie trostlos würde die Vielfalt der Literaturlandschaft aussehen? Ein Bestseller, ein Stapeltitel nach dem anderen würde ausliegen. Hier würde von vornherein klar sein, dass Gewinn erwirtschaftet werden würde. Kein unternehmerisches Risiko. Auch nicht bei den Verlagen.
    Doch wie schon geschrieben, wo bleibt dabei die Förderung neuer, interessanter Autoren und ihrer Texte?

    Der Kunde geht u.a auch in Buchhandlungen, um Neues zu entdecken, um sich inspirieren zu lassen und auch um auf außergewöhnliche Literatur hingewiesen zu werden. Außerhalb dem Einheitsbrei gibt es noch andere Literatur.
    Wenn keine Vielfalt mehr geboten, wenn nur noch kalkulierbare Ware präsentiert wird, wo bleibt da der Kulturauftrag? Wieso dann noch die 7 Prozent?
    Dieser Mehrwertsteuersatz wurde nicht zum Spass gewährt. Er hat eine Bedeutung.
    Ansonsten könnte M. Hugendubel in Zukunft auch Windeln verkaufen und müßte diese nicht, wie im SZ Interview geschrieben, woanders kaufen. Andererseits verkauft Hugendubel ja bereits Kettensägen, wieso dann nicht auch Windeln.
    Allerdings wundere ich mich auch über die Aussage von N. Hugendubel, dass sie das Sortiment im Internet um 'Buchaffines' erweitert haben. Ich wußte gar nicht, dass Kettensägen darunter fallen.

    Das Beispiel mit Kafka ist übrigens sehr gut gewählt.

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  2. Die Verlage machnen doch nichts falsches, sie produzieren den einen oder anderen Bestseller um damit ihr restliches Programm zu finanzieren. Aber dies passt der Gewinnmaximierung der Hugendubels natürlich nicht! Soll heißen:
    Gewinn aus Bestseller - Kosten für Hochwertiges
    = noch mehr Gewinn!

    Hugendubel hat noch einen Rat für die Verlage:
    Kompetente Mitarbeiter kündigen und dafür eine "strukturierte" Tätigkeitsvergabe an Fremdfimen. Leiharbeit!

    Und noch mehr:
    Neue Mitarbeiter einfach mal ne Tarifgruppe geringer eingliedern.

    Und wenn dies nicht reicht:
    Suchen Sie sich doch einen großen Marktteilnehmer und werfen ihre Eigenständigkeit und ihr Gewissen über Board.

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  3. Nicht wenige Mitarbeiter sind entsetzt über die Aussagen im SZ-Interview. Selbst Führungspersonal, sogar Filialleiter schütteln den Kopf; doch intern übt man keine Kritik, zu groß ist der Druck bzw. die Angst vor Sanktionen. Mitarbeiter beginnen, sich für die Aussagen ihres Chefs zu schämen.
    Muss Maximilian Hugendubel so reden, um den großen Bruder Weltbild weiter gewogen zu halten? Will er ebenso forsch wirken wie C. Halff?
    Die Sicht auf das "Kulturgut" Buch ist der Firmenleitung schon lange verstellt, zu hoch sind die Mainstream-Stapel.
    Eigentlich sollte Hugendubel ab jetzt den vollen Mehrwertsteuersatz entrichten müssen.

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  4. Kleiner Hinweis: Die MWSt. zahlt immer der Endverbraucher, der sich, in diesem Fall, auf einen (berechtigten) Steuervorteil von 12 % freuen darf.
    Für Unternehmen ist die Mehrwertsteuer steuerlich kostenneutral.

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  5. @anonym
    In diesem Fall nicht. Wenn es eine Möglichkeit gäbe nur Hugendubel den vollen Ust-Satz abzunehmen, dann würde auf Grund der Preisbindung nicht der Kunde sondern Hugendubel dafür aufkommen müssen.

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  6. Die Mehrwertsteuer (Umsatzsteuer) führt das Unternehmen an den Staat ab. Da sie vom Unternehmen in den Verkaufspreis eingepreist ist, bezahlt sie indirekt meist der Endverbraucher. Die Umsatzsteuer ist eine der wichtigsten Steuereinnahmen des Staates.

    Eine Erhöhung der ermässigten Mehrwertsteuer auf den Normalsatz könnte so durch eine Preiserhöhung an den Endverbraucher weitergegeben werden.

    Zu beachten ist jedoch, dass die Ware Buch sich dadurch gegenüber Konkurrenzprodukten aus dem Unterhaltungssektor (CD, Kino,etc) verteuert und somit einen Wettbewerbsnachteil erleidet. Die Verteuerung kann so zu einem Umsatzrückgang führen. Eine Einpreisung durch die Weitergabe der Steuererhöhung ist damit nicht automatisch möglich.

    Das Beispiel des Hotel- und Gaststättengewerbes zeigt, dass die Ermässigung des Mehrwertsteuersatzes nicht in Form einer Preissenkung an den Endverbraucher weitergegeben wird, sondern für Investitionen oder als Extraprofit verwendet wird.

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