Donnerstag, 30. Dezember 2010

Nur ein Märchen…*

Es war einmal ein Bankvorstand, der war zwar überhaupt nicht arm, aber er sehnte sich nach einer schönen Tochterfirma. Nun traf es sich, dass er mit dem Landesfürsten und ungekrönten König eines Bergvolkes zu sprechen kam, und um diesem ein finanzweltmännisches Ansehen zu geben, sagte er zu ihm:

"Ich habe eine Tochterfirma namens HydraAltesAfrika im Auge, die kann faule Kredite und schwarze Gelder östlicher Ländereien in satte Gewinne und üppige Boni verwandeln."
Der ungekrönte König sprach zum Bankvorstand:
"Das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt - wenn diese Tochterfirma so geschickt ist, wie du sagst, so bringe sie morgen in den Besitz unserer Landesbank, da will ich sie auf die Probe stellen."

Als nun das Töchterchen durch hohe Überredungskunst, feinstem diplomatischen Geschick und noch mehr Zaster in Besitz gebracht ward, führte er es in die Kammer der Staatsfinanzen, die bis oben voll mit ungedeckten Hypothekenbriefen und Staatsanleihen gefüllt ward, gab ihr Laptop und Lederhose und sprach:
"Jetzt mache dich an die Arbeit, drehe das große Rad und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh den Schuldenberg nicht in satte Gewinne und üppige Boni verwandelt hast, so musst du sterben."
Darauf schloss er die Kammer zu, und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Tochterfirma und wusste um ihr Leben keinen Rat: sie verstand gar nichts davon, wie man Schuldenberge, faule Kredite und schwarze Gelder in satte Gewinne und üppige Boni verwandeln konnte, und ihre Angst ward immer größer, bis sie schließlich zu weinen anfing. Da ging auf einmal die Türe auf, und es trat ein kleiner Berater herein und sprach in seltsamer Zunge:
"Guten Abend, Jungfer HydraAltesAfrika, warum weinet Ihr so sehr?"
"Ach", antwortete das Mädchen, "ich soll Schuldenberge, faule Kredite und schwarze Gelder in satte Gewinne und üppige Boni verwandeln, und verstehe das nicht."
Sprach der Consultant:
"Was gibst du mir, wenn ich dir´s erledige?" 
"Einen schönen Beratervertrag", sagte Hydra.

Das Männchen nahm den Vertrag, zog die Lederhose an, setzte sich vor den Laptop und klick, klick, klick, verschob die Schulden dreimal kreuz und quer über den gesamten Erdball, bis sie als satte Gewinne und üppige Boni wieder auf den Konten der Landesbank landeten. Und so ging's fort bis zum Morgen, da waren alle faulen Papiere verschoben und alle Bilanzen glänzten wie Gold.
Bei Sonnenaufgang kam schon der Landesfürst - im Schlepptau sein Aufsichtsrat - und als er den schönen Schein erblickte, erstaunte er und freute sich seines gewonnenen finanzweltmännischen Ansehens, so dass er und auch sein Aufsichtsrat jegliche Kontrolle vergasen. Denn sein Herz war nur noch gieriger.

Er ließ die Tochterfirma in eine andere Kammer übelster Papiere bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr, selbige auch in einer Nacht zu verwandeln, wenn ihr das Leben lieb wäre. HydraAltesAfrika wusste sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und der kleine Berater erschien und sprach:
"Was gibst du mir, wenn ich dir die Schrottaktien in üppige, am besten steuerfreie Gewinne verwandle?" - "Einen mehr als großzügigen Anteil", antwortete das Mädchen.

Das Männchen nahm sich zuerst den mehr als großzügigen Anteil, fing wieder an zu klicken mit dem Laptop und hatte bis zum Morgen alles auf´s neue verteilt.
Der ungekrönte König freute sich über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Geldes satt, sondern ließ die Tochterfirma in eine noch größere Kammer bringen und sprach:
"Du musst es noch in dieser Nacht erledigen, gelingt dir´s aber, so sollst du meine Gemahlin werden." - "Wenn's auch eine Tochterfirma ist", dachte er, "eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht."

Als das Mädchen allein war, kam der Coach zum dritten mal wieder und sprach:
"Was gibst du mir, wenn ich dir noch dieses eine mal faule Kredite und schwarze Gelder in satte Gewinne und üppige Boni verwandele?
"Ich habe nichts mehr, das ich dir geben könnte“, antwortete HydraAltesAfrika.
"So versprich mir, wenn du ungekrönte Königin wirst, einen Bankenrettungsschirm." 
"Wer weiß wie das noch geht," dachte die Tochterfirma und wusste sich auch in der Not nicht anders zu helfen; sie versprach also ihrem Berater, was er verlangte, und das Männchen machte sich flugs an die Arbeit. Und als am Morgen der Landesfürst und ungekrönte König kam und alles fand, wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Tochterfirma ward alsbald eine ungekrönte Königin.

Über ein Jahr, als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreichte dachte sie gar nicht mehr an den Berater; da trat er plötzlich in ihre Kammer und sprach:
"Nun gib mir, was du versprochen hast."
Die Königin erschrak und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreiches an, wenn es ihr nur den Rettungsschirm lassen wollte; aber das Männchen sprach:
"Nein, so ein Schirm ist mir lieber als alle Schätze der Welt, wird er doch aus den Steuergeldern der einfachen Arbeiter und Angestellten gesponnen."
Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, dass der Berater kein Mitleid mehr hatte und die Daumenschrauben anzog:
"Drei Tage will ich Dir Zeit lassen", sprach er, "wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du deinen Schirm behalten."

Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit, was es sonst noch für Namen gäbe. Als am andern Tag der Berater kam, fing sie an mit Kaspar, Melchior, Balthasar, und sagte alle Namen, die sie wusste, der Reihe nach herunter, aber bei jedem sprach das Männlein:
"So heiß ich nicht."

Den zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen, wie die Leute da genannt würden, und sagte dem Berater die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor:
"heißest du vielleicht Schmidt oder Kulterer oder gar Stoiber?",
aber es antwortete immer: "So heiß ich nicht."

Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte:
"Neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einem Sternerestaurant vorbeikam, wo feine Gesellschaft sich die Ehre gibt, so hörte ich ein gar zu lächerliches Männchen in amüsierten Kreisen flüstern:

Heute kassier ich, morgen berate ich, und
übermorgen hol ich der Königin' ihr´n Bankenrettungsschirm;
Ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Ackermannsepp heiß!"

Da könnt ihr denken, wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald hernach der Berater seinen Auftritt hinlegte und fragte: "Nun, Frau Königin, wie heiß ich?", sagte sie erst:
"Heißest du Sarrazin?"
"Nein." 
"Heißest du Madoff?" 
"Nein."
"Heißt du etwa Ackermannsepp?"
"Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt,"
schrie der Berater und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass er bis an den Leib hineinfuhr, dann packte er in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei. Ach ja, der Landesfürst und ungekrönten König des kleinen Bergvolkes lies sich sehr schnell scheiden und schickte HydraAltesAfrika gegen den Preis eines Guldens zurück in die Wüste.

Und der Rettungsschirm? Na, das wisst ihr ja schon…

*(Änderungen des Grimm´schen Originalmärchens: „Rumpelstilzchen“ in einigen Teilen)

Kommentare:

  1. Schön, dass Ihr zum Jahresschluss einen echt humorvollen Beitrag mit Niveau bringt. Wer ist die Verfasserin/der Verfasser des Märchens? Habe schallend gelacht! Die üblen Machenschaften der Amigos aus Politik und "geldiger" Institute wurden trefflich aufs Korn genommen. Leider steckt hier sehr viel Wahrheit drin.
    Bringt doch öfter solche Beiträge!

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  2. Einige Tage vor Weihnachten hörte ich in einer Gaststätte Nähe Viktualienmarkt einen Herrn am Nebentisch diesen Text vortragen. Ich spitzte natürlich die Ohren, weil alle so lachten. Bei dem Satz "ach wie gut .." sagte er aber weiter: "dass niemand weiß, dass ich Bundeshauptstadt heiß". Die Lösung hatte ich erst kapiert, als am Nachbartisch über den Finanzmann Berlin diskutiert wurde.
    Diese Kombination erinnert stark an die vertrackten Sommerrätsel der "Süddeutschen Zeitung". Daher ist anzunehmen, dass der Verfasser ein Redakteur dieser Zeitung ist, der das Märchen lediglich mit der Änderung in "Ackermannsepp" etwas leichter verständlich gemacht hat.

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