Montag, 22. August 2011

Die Zukunft von Hugendubel (15): Wenn die Kirche WELTBILD verkauft

Fünf mögliche Szenarien

"Die 14 Bistümer und die Soldatenseelsorge Berlin, denen die Augsburger Gruppe gehört, seien „in einer sorgfältigen Prüfung der Frage nachgegangen, welche Gesellschafterstrukturen für ein weiteres langfristiges und kontinuierliches Wachstum des Unternehmens sinnvoll sind“, teilte das Unternehmen mit. „Als Ergebnis dieser Prüfung ist auch eine Ergänzung oder Änderung des Gesellschafterkreises möglich“, meldete das Magazin Focus am 7. Juli 2008.
Ein knappes Jahr später, am 27. April 2009 zitierte der Buchreport den Weltbild-Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Donaubauer, daß die Pläne der Gesellschafter für einen Verkauf der Verlagsgruppe Weltbild  „vorerst auf Eis gelegt“ seien. Und weiter: „Vor dem Hintergrund der anhaltenden Wirtschafts- und Finanzkrise ist eine Veränderung der Gesellschafterstruktur zu angemessenen Bedingungen derzeit nicht realistisch."

Wieder zwei Jahre später, am 22. Juli 2011, gibt die Börsenblatt-Redakteurin Christine Schulte in ihrem Kommentar "Das vielgepriesene M-Wort" die durch keine offizielle Quelle belegte Insider-Information preis:
"Die Weltbild-Gesellschafter jedenfalls wollen das Unternehmen nicht mehr verkaufen."

Also Entwarnung? Und was hat die Zukunft von Hugendubel damit zu tun?

Der diskrete Charme der katholischen Kirche

Entwarnung kann mit Sicherheit nicht gegeben werden. Ganz abgesehen davon, daß die nach einem Verkauf zu erwartenden Management-Methoden sich kaum von den bisher herrschenden unterscheiden dürften. Eine  diskrete Organisation wie die katholische Kirche gibt Informationen über wichtige Entscheidungen im Vorfeld nicht an Journalisten heraus. Von der Star Alliance zwischen Weltbild und Hugendubel im Jahre 2006 hatte die Branchenpresse vorher auch keine Ahnung. 

Eine angebliche Insider-Meldung wie im aktuellen Börsenblatt-Kommentar wird vielmehr von Halff & Co zur gezielten Informationspolitik eingesetzt wie das damalige Abblasen der Verkaufspläne auch, dessen Funktion der Buchreport 2008 so kommentierte:  "Also erst mal Ruhe ins Spiel bringen. Aber die Pläne bleiben nur aufgeschoben: Nach der Krise wird dann voraussichtlich an die Vorarbeit angeknüpft, zu besseren Preisen." Die Kirche hat schon seit langem mit massiven Problemen zu kämpfen:  Kirchenaustritte, Rückgang der vom Staat eingetriebenen Kirchensteuern, Überalterung des Funktionärsapparates. Ein Weltbild-Verkauf wäre ein sehr warmer Geldregen, mit dem sich auf einen Schlag viele Probleme lösen ließen. Andererseits - und hier hat der Buchreport recht: man muß nicht sofort verkaufen. Man kann warten.
Auf bessere Preise.


Und zur zweiten, früher hier im Blog recht gern gestellten Frage, was das mit Hugendubel zu tun hat, eine einfache Antwort: der Prozess der Integration von Weltbild und Hugendubel im DBH-Konzern ist weit vorangeschritten und wird dies noch weiter tun. Die Zukunft von Hugendubel ist untrennbar mit der Zukunft von Weltbild verbunden.

Szenario I:  Hugendubel kauft Weltbild

Dieses Planspiel-Kapitel, obwohl oberflächlich am naheliegendsten, fällt recht kurz aus.
Die Eigentümerfamilie Hugendubel operierte branchenbekannt schon immer auf einer sehr dünnen Eigenkapitalbasis. In die damalige DBH-Fusion wurde kein Kapital eingebracht, sondern Sachwerte in Gestalt der existierenden Hugendubel-Filialen. Das Geld, mit dem Weiland, Ganghofer, Wohlthat etc eingekauft wurde, kam von Weltbild. Würden Maximilian und Nina Hugendubel - wenn sie es denn überhaupt wollten - das nötige Kapital von den Banken geliehen bekommen?
Zwei Konjunktive - eine Antwort:  Nein.


Szenario II:  Bertelsmann kauft Weltbild

Betrachtet man das zur Verfügung stehende Kapital des Bertelsmann-Konzerns (übrigens steuerlich äußerst vorteilhaft als Stiftung organisiert) und die Theorie einer universalen medialen Wertschöpfungskette (wie gerade wieder von Amazon vorexerziert), dann könnte man meinen, dies sei eine mögliche Option, vor allem, wenn man sieht, daß es bei der Verlagsgruppe Random House anscheinend derzeit sehr gut läuft.
Andererseits hat Bertelsmann schon seit Jahrzehnten Ärger mit seinem Buchclub, sich in Frankreich aus dem Buchhandelsgeschäft zurückgezogen und den zuständigen Unternehmensbereich DirectGroup als eigenständige Sparte aufgelöst. Auch bei Bertelsmann wartet man ab. Allerdings wohl eher, wie das Joint Venture mit Holtzbrinck, die Skoobe GmbH, zur gemeinsamen Vermarktung von E-Books läuft.


Szenario III:  Holtzbrinck kauft Weltbild

Für Holtzbrinck gilt im Prinzip das selbe, was auch für Bertelsmann gilt: Abwarten, Tee trinken und den digitalen Markt beobachten. Mit einem Unterschied: über die Verlagsgruppe Droemer/Knaur, die seit 1999 je zur Hälfte Holtzbrinck und Weltbild gehört,  gibt es für das Weltbild-Management eine engere Verbindung zu Holtzbrinck als zu Bertelsmann. Prognose: z.Zt. nicht möglich. Subjektives Gefühl: wenn einer von den beiden Großen Weltbild kaufen sollte, dann könnte es Holtzbrinck sein. Wenn.


Szenario IV:  Weltbild wird von einer Heuschrecke gefressen

Ganz nüchtern betrachtet, wäre dies der normale Gang der Dinge, wenn die vorher skizzierten Szenarien nicht einträten. Da aber die katholische Kirche der Verkäufer ist, wird sie ihr Tafelsilber um den Preis des Gesichtsverlustes und der erwartbaren allgemeinen Empörung wohl keinem derart gesellschaftlich geächteten Käufer in den Rachen werfen. Kardinal Marx würden Dutzende Exemplare seiner Kapital-Version um die Ohren fliegen. Langfristig würde eine solche Aktion - in BWL-Terminologie gesprochen - den Markenkern der katholischen Kirche irreparabel beschädigen.


Szenario V:  Weltbild wird von der Muse geküßt

Was dafür spräche: Amazon rüstet weiter auf und zieht davon. Dagegenhalten könnte nur eine neu zu schaffende Super Star Alliance aus DBH (Weltbild/Hugendubel) und Thalia.
Was dagegen spricht: vermutlich ein wettbewerbsrechtliches No Go! Sowie die Frage, da es zu erheblichen Doppelstrukturen im stationären Bereich wie auch in den Zentralen Diensten käme, was aus den ganzen überzähligen Thalia- und Hugendubel-Filialen sowie den Verwaltungsabteilungen werden soll. So viele auslaufende Mietverträge und "freiwilige Kündigungen" wie für diese Umstruktierung notwendig wären, sind  nicht mal im (Alp-)Traum denkbar. Auf dem Arbeitsmarkt für BuchhändlerInnen gäbe es Massenentlassungen unvorstellbaren Ausmaßes.
Wenn die Voraussetzung für eine Fusionierung zwischen Weltbild und Thalia in der Abspaltung von Hugendubel läge, welches Schicksal erleidet dann Rest-Hugendubel? Das von Wohlthat-Berlin?
Der Musenkuß für Weltbild wäre dann der Todeskuß für Hugendubel.
Aber das sei ja laut Maximilian Hugendubel rechtlich wasserdicht bei der DBH-Vertragsunterzeichnung ausgeschlossen. Somit gäbe es die DBH nur im Komplettpaket.
Was allerdings am meisten auf seiten des Douglas-Konzerns gegen eine solche gigantische Kapital-Investition sprechen würde: die Konzerntochter Thalia quält momentan die Douglas-Familie mit unbefriedigenden Geschäftszahlen. Und auch bei Douglas gilt, was bei Bertelsmann und Holtzbrinck gilt: sollen wir in diesen digitalen Zeiten wirklich noch - wenigstens teilweise - in den stationären Buchhandel investieren, Multi-Channel-Propaganda hin oder her?


Fazit

"Das Treffen der Hellseher-Vereinigung", sagte einst die amerikanische Publizistin Sylvia Simmons in einem Bonmot, "mußte leider abgesetzt werden - wegen nicht vorhersehbarer Ereignisse."
Die hier knapp skizzierten Szenarien sind natürlich allesamt Spekulationen. Nicht gänzlich undenkbar, aber doch Spekulation. Welche Konstellationen uns angesichts der Digitalisierung erwarten werden, ist  offen.Weshalb wir sie hier trotzdem in der Reihe "Die Zukunft von Hugendubel" bringen?
Ganz einfach: wenn von Veränderungen in unserem Unternehmen die Rede ist, dann wird von schlechten Umsatzentwicklungen oder neuen Arbeitszeitmodellen gesprochen. Nie aber ist die Rede davon, welche Konsequenzen ein Verkauf von Weltbild durch die katholische Kirche für uns alle im DBH-Konzern hätte.
Diese wären aller Voraussicht nach tiefgreifender und langfristiger als die Massenentlassungswelle von 2009.

Apropos Massenentlassungen 2009. Nicht, daß wir dann in einigen Jahren, nachdem wir von der Kirche und den Hugendubels verkauft worden sind, Zukunft so definieren müssen:
"Zukunft ist die Vergangenheit, die durch eine andere Tür wieder hereinkommt.“





Quellen:












Kommentare:

  1. Danke für einen sachlich geschriebenen Artikel ohne fett Gedrucktes und rot Gedrucktes! Da liest man gleich viel lieber!

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  2. Interessanter Artikel. Da hat sich der Autor wirklich Gedanken gemacht.

    Dass hier ohne Fettdruck und ohne übermäßig roter Farbe geschrieben wurde, finde ich auch viel angenehmer. Liegt bestimmt an den verschiedenen Autoren und an ihren unterschiedlichen Stilen.
    Hier kommt der Text ohne Effekthascherei aus. Gut.

    Nochmal zum Inhalt: die Thesen sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern alle nachvollziehbar.
    Wer weiß, wem die Firma in 5 Jahren gehört und ob wir dann alle noch unsere Jobs haben?
    Das Personal und die Filialen werden bis dorthin mit Sicherheit noch weiter geschrumpft. Ich denke aber, dass die Marke Hugendubel bestehen bleiben wird. Als reiner Name.
    Das Thema Marke wurde hier auch schon in einem guten Artikel erläutert.

    Ich vermute mal, dass die Geschwister Hugendubel nicht wirklich großes Interesse daran haben, die Firma bis ins Unendliche weiterzuführen.
    Es ist doch angenehmer einen großen Batzen Geld auf die Hand zu bekommen, als sich mit Problemen rumzuschlagen.
    Jedenfalls habe ich nie großes Engagement bemerkt, nie zukunftsweisendes Handeln erkannt, nie innovative Ideen gesehen, um auch in Zukunft bestehen zu können.

    Nur Versuche, kurzfristig etwas zu verändern. Längerfristige Planung kann ich nicht erkennen.

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  3. Knapper, sachlicher, informativer Artikel. Gut so! Einige Gedanken des Autors gingen mir auch schon durch den Kopf, Details wie die Kooperation zwischen Bertelsmann und Holtzbrinck bei Skobee wusste ich nicht.

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  4. Vielen Dank auch von mir für die nüchterne Analyse (und für die anderen in dieser Reihe hier veröffentlichten interessanten Artikel)!

    Egal welches der beschriebenen Szenarios eintritt - eines ist klar: Der Verkauf von Hugendubel wird umso leichter und lukrativer, je mehr Personal in den Läden vorher abgebaut wurde. Denn dann kann man Investoren mit attraktiven Innenstadtimmobilien locken, ohne daß irgendjemand sich noch einen Kopf machen müßte wegen der dort Beschäftigten und der durch sie verursachten Kosten. Das ist die grausame Logik unsere Wirtschaftssystems, und die DBH-Führung orientiert sich zweifellos daran. Deswegen wird der Personalabbau auf Biegen und Brechen weitergehen, genauso wie die Rationalisierungs- und "Optimierungs"-Programme, die uns als Arbeitserleichterung verkauft werden und dann doch nur wieder weiteren Personalabbau legitimieren. Das Endziel sind Immobilien in 1a-Lage ohne oder fast ohne tariflich bezahlte Buchhändler.

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  5. Interessanter Artikel im Buchreport: Bertelsmann kooperiert mit Weltbild beim Online-Kiosk Pubbles.

    www.buchreport.de/nachrichten/handel/handel_nachricht/datum/0/0/0/augsburg-bitte-kommen.htm

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