Freitag, 28. Januar 2011

Alternativlos?

Anmerkungen zum Unwort des Jahres 

Nach "betriebsratsverseucht" im Vorjahr wählte eine Jury an der Universität zu Frankfurt am Main das Wort "alternativlos" kürzlich zum Unwort des Jahres. In der Begründung hieß es, man suggeriere damit, daß es "bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe".

Die Mainstream-Presse bezog sich in ihren Kommentaren zur Jury-Entscheidung vorwiegend auf Ereignisse wie Stuttgart 21, Bankenrettung oder Griechenlandhilfe. Diese beschränkte Perspektive auf den Begriff verschleiert den historisch-ideologischen Kern des Begriffes "alternativlos".

"There is no alternative", sagte Margaret Thatcher bereits 1980 in einer Rede, um damit in Großbritannien einen radikalen neoliberalen Kurswechsel durchzusetzen und den politischen Einfluß der Gewerkschaften zu zerstören. Dieses Denken hatte in den letzten Jahrzehnten einen weltweiten Siegeszug ohnegleichen angetreten und sich in Medien, in Parteien und in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Als kleiner Bruder der Alternativlosigkeit trat dabei der Sachzwang auf.

Es entstand ein hegemonialer Diskurs, der jedes Nachdenken über eine andere Gesellschaft, eine andere Ökonomie und ein anderes Leben bereits im Keim ersticken wollte. Höhepunkt dieser Ideologie war zweifellos das 1992 erschienene Buch "Das Ende der Geschichte" des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama.

Damit war auch klar, wozu es keine Alternative geben solle - nämlich zum Kapitalismus, der nach dem Endsieg über den realexistierenden Sozialismus bis in alle Ewigkeit unangefochten fortdauern solle.

Die Finanzkrise erschütterte den Glauben an die vom finanzmarktgetriebenen Kapitalismus verheißene globale Prosperität. Der Traum verwandelte sich in den Alptraum einer Krise, deren systemimmanenter Charakter immer klarer zu Tage tritt und die noch lange nicht zu Ende ist.

Und dennoch soll es kein Nachdenken über Alternativen geben. Die hysterische Reaktion auf den Beitrag von Gesine Lötzsch zur Rosa-Luxemburg-Konferenz zeigte dies deutlich. Man hat Angst, daß das Gespenst des Kommunismus wieder auf der Weltbühne erscheint. Im gleichnamigen Kommentar vom 12. Januar 2011 in der FAZ behauptete Reinhard Müller - übrigens ein ehemaliger 68er-Aktivist und heutiger Renegat, der im Reemtsma-Institut für Sozialforschung sein Auskommen fand - allen Ernstes, daß der "mäßige Erfolg der Linken daran liegen (mag), dass das heutige Deutschland einer klassenlosen Gesellschaft schon sehr nahe kommt".

Deutschland im Jahre 2011 mit 8 Millionen tatsächlichen Arbeitslosen, prekären Arbeitsverhältnissen, Kinderarmut, verschuldeten Kommunen und einem selektiven Bildungs- und Gesundheitssystem: eine "fast klassenlose Gesellschaft"?

Das klingt wie purer Hohn, von einem, der es eigentlich besser wissen könnte. Aber wie heißt es bei Marx noch gleich: Das Sein bestimmt das Bewußtsein.

Anstatt sich  von der herrschenden Klasse und ihren Medien weiter verhöhnen zu lassen, sollten wir uns auf den Weg machen und nach Alternativen suchen. Man könnte sich dabei das Motto des Weltsozialforums zu eigen machen:

"Eine andere Welt ist möglich!"

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