Montag, 19. März 2012

Gigantische Fehlkalkulation und großer Scherbenhaufen (1): Die Großfilialisten schließen, entlassen, rudern zurück ...


Die Leipziger Messe (15.-18.März) drehte sich mal wieder - um's Buch. Mit viel Wirbel, Events und Besuchermassen – und garniert mit neuen Erfolgsmeldungen und Rekordzahlen der Buchbranche.

Ist ja offensichtlich noch ganz lebendig, dieses altmodische Ding, bestehend aus bedrucktem Papier, versehen mit einem Einband, gut in der Hand liegend, meist mit anregender Gesamtwirkung ...  

Foto: wallguenter

Und offensichtlich lässt sich vom Büchermachen und Bücherverkaufen auch einigermaßen leben. 

In der Tat betreiben manche ihre Buch-Geschäfte sehr gut und sehr erfolgreich - andere dagegen weniger. Bei den einen gibt's Rekordumsätze und Gewinnausschüttungen für die Belegschaft - bei den anderen stehen Rückbau und Filialschließungen auf dem Plan. In welche Kategorie die Weltbild-Hugendubel-Star-Alliance gehört, das dürfte jeder/jedem klar sein.

Die beunruhigenden Meldungen häufen sich ...

... die Branchenführer im stationären Sortiment betreffend:
Verkaufspläne, massivster Rückbau, Filialschließungen, Personalentlassungen, … ein düsteres Zukunftsszenario bei Weltbild/Hugendubel, bei Douglas/Thalia (und nun auch bei der Mayerschen). - Woran liegt's? 


Während der vergangenen Jahre haben die Buch-Großfilialisten allesamt den selben Fehler begangen und sich in einen ruinösen Wettkampf um die Marktführerschaft gestürzt:

Die Welt schreibt unter dem Titel "Nichts für Schöngeister": 

Große Ketten schließen ihre Buch-Tempel.

Die Zeit der großen Bücher-Megastores ist vorbei. In Deutschland wirbelt diese Erkenntnis gerade die gesamte Branche durcheinander. Große Ketten wie Thalia oder Hugendubel überschlagen sich regelrecht mit Filialschließungen und -umbauten ...

Die Schließungen sind Experten zufolge das Eingeständnis einer verfehlten Expansionspolitik. Jahrelang hatten die großen Buchverkäufer auf immer mehr und zugleich immer größere Filialen gesetzt. "Die Ketten haben eine Geschäftspolitik betrieben, die am Markt vorbeigegangen ist", kritisiert Alexander Skipis, der Hauptgeschäftsführer vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, im Gespräch mit der "Welt".



Die Financial Times Deutschland (FTD) spricht von „fatalen Fehlern“ der Branchenführer:

Die großen Buchhandelsketten … haben über Jahre am Markt vorbei expandiert. Der gravierenden Fehlkalkulation folgen nun drastische Einschnitte … bei Thalia und Co.  


Seit Wochen überbieten sich die großen Buchhändler im schnellen Rückzug. DBH (Weltbild, Hugendubel), die Nummer zwei auf dem Markt, schließt Filialen in Kassel, Berlin und München. Der drittgrößte Buchhändler, Mayersche, verabschiedet sich von Läden in Essen und Leverkusen. Eine geplante Filiale in Düsseldorf wird nun gar nicht erst eröffnet.

Es ist die späte Reaktion auf eine gigantische Fehlkalkulation. Im Jahr 2000 hatten die Umsätze im deutschen stationären Buchhandel mit 5,48 Mrd. Euro ihren Höchststand erreicht, seitdem sinken sie. Doch die großen Händler kauften in den vergangenen zehn Jahren massiv kleine Wettbewerber auf und errichteten riesige Läden.


Und nicht nur das:

Was meist übersehen wird: Das vorhandene qualifizierte Buchhandelspersonal, das wertvollste „Kapital“ eines Buchhandelsunternehmens, wurde entmachtet, deklassiert, minimiert, entlassen, z.T. gar durch Leiharbeitnehmer/innen oder durch „Beratungssoftware“/Terminals ersetzt; der Einkauf wurde zentralisiert, und sämtliche Entscheidungen hinsichtlich der Sortimentsgestaltung wurden in obere Hierarchieebenen verlagert. Die Folge ist ein mittlerweile personell extrem ausgedünnter und unterversorgter Beratungs- und Verkaufsbereich. 

Parallel wurde das zum Verkauf angebotene Buchsortiment brachial minimiert, der Bestseller- und Topp-Titel-Anteil unverhältnismäßig ausgeweitet – und der „Nichtbuch“-Bereich mehr und mehr (bis auf über ein Drittel des Gesamtsortiments hinaus) erhöht.

Die Folge: Die „Buchkäufer“ (und der durch sie ehemals generierte Umsatz) wandern ab, verlassen in großer Zahl die Nonbook-Landschaften und Servicewüsten (entweder in Richtung „anspruchsvoller Buchladen“ – oder sie landen beim potenten Online-Riesen Amazon).

So sieht er also aus, der große Scherbenhaufen, den vor allem die Branchenriesen Thalia und Weltbild/Hugendbubel zu verantworten haben; und nun kommt McKinsey ins Haus, es wird umstrukturiert-reduziert-geschlossen-entlassen-verkauft …..


---  Fortsetzung folgt  --- 



Kommentare:

  1. Folgerichtig wäre doch, für einen symbolischen Betrag diese maroden Filialsysteme den Belegschaften zu überlassen: die machen bestimmt was draus!

    Erfolgreiche Buchhandels-Genossenschaften, das wär doch was!

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  2. Die GLs von Thalia und Hugendubel verfolgen die gesamte Entwicklung und die Kommentare in der Presse mit Sicherheit sehr aufmerksam. Mich würde interessieren, ob sie hinter verschlossenen Türen vielleicht auch ein kleines bisschen Selbstkritik üben und vielleicht sogar über Strategien nachdenken, sich wieder mehr dem Buch und dem Buchkunden zuzuwenden. Aber zumindest in unserer Firma ist der hierarchische Zentralismus ein ganz großes Problem. Wenn kein Anstoß zum Umdenken (oder auch nur zu einer Akzentverschiebung) von ganz oben kommt, dann traut sich auch kein anderer, gegen die einmal eingeschlagene Linie aufzubegehren, und das bedeutet über kurz oder lang wahrscheinlich das Ende von Hugendubel als stationäre Buchhandlung, die diesen Namen noch verdient.

    Irgendwann wird es heißen: Wir schauen uns unsere Kunden nochmal ganz nüchtern an, wir verabschieden uns zum großen Teil von dem Non-Book-Plunder und definieren uns trotz Web2.0-Hype selbstbewusst als Buchhändler. Wir konzentrieren uns wieder auf unsere Kernkompetenzen (Bücher nachfragegerecht und zugleich subjektiv auswählen, ansprechend präsentieren und von fachkundigen Mitarbeitern vermitteln lassen) - aber dann wird es wahrscheinlich zu spät sein.

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    1. "Selbstkritik" ist keine zu erwarten. Diejenigen, die das gesamte Unternehmen in die falsche Richtung und in den Untergang lenken, werden bis zuletzt von ihrer eigenen Genialität überzeugt sein. Deshalb wird es auch kein "Umdenken" geben, auch dann nicht, wenn schon der Insolvenzverwalter vor der Tür steht. Und die eigenen Gewinne haben diese gewissenlosen Untergangskapitäne auf jeden Fall in Sicherheit gebracht. Alles andere juckt sie nicht. Die sorgen vor für ihre eigene Zukunft und für eventuelle Anschlussjobs, um die nächsten Firmen auszusaugen. Für das das Schicksal der Mitarbeiter interessiert sich kein Schwein.

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  3. Ich würde ja gerne einmal wissen von welchen Gewinnen in den letzten Jahren eigentlich immer geredet wird. Wenn dem so wäre, dann hätte man ja jetzt nicht gegensteuern müssen. Ach ja, so eine Expansion finanziert sich ja auch von ganz alleine. Ich finde es immer toll wenn man sich engagiert, aber frei von betriebswirtschaftlichen Grundwissen läßt kann man ein guter Buchhändler sein. Es gehört eben noch mehr dazu als nur gute Bücher anzubieten. Die Amerikaner haben nicht viel gutes, aber einen schönen Ausspruch für die meisten die sich hier umtun: "Monday morning coach". Die wenigen unterstützenden Forumsmitglieder haben inzwischen auch die Segel gestrichen, jetzt regieren die Idealisten, die nur auf die Vorgesetzten hauen und alles besser wissen. Und für alle die mir gleich wieder vorwerfen ich sei ein bezahlter Schreiber der GF. Nein, das bin ich nicht, ich bilde mir nur ein etwas weiter als bis zur Tür meines Ladens blicken zu können. Vielleicht liege ich da falsch, aber so eindimensional wie Ihr es hier immer malt ist es ganz sicher auch nicht.
    Wenn ich das Wort Selbstkritik lese, kommt es mir eh schon hoch. Das musste man in der ESBZ auch immer üben, ganz öffentlich. Hat das Land echt weitergebracht ... Vielleicht kommt der nächste mit dem Pranger, oder man kann ja auch gleich mit einem Kreuz auf dem Buckel über den Marienplatz ziehen. Ideen hätte ich da auch ein paar.

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  4. Das ist gar nicht schlecht. Mit einem Kreuz auf dem Rücken zur Kirche oder besser noch zu Marx ziehen. Das hätte doch Symbolcharakter.
    Wer macht mit?

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