Montag, 30. Mai 2011

Die Zukunft von Hugendubel (3): Ausbildung

Ausbildung - Back to the Future


The Golden Years

Eine verantwortliche Person in jeder Filiale, fachlich ausgebildet, sozialkompetent und immer ein offenes Ohr für die jungen Frischlinge. Azubis sollten nicht nur arbeiten, sie sollten lernen, sich bilden und reibungslos in das Gewirr verschiedener Abteilungen, Vorgesetzter und Mitarbeiter eingliedern, auch das Wohlgefühl der jungen Azubis war nicht unbedeutend.
Ob private, berufsschulische oder filialinterne Probleme, nicht nur der verantwortliche „Azubi-Betreuer“ brachte Lösungsvorschläge, auch andere Mitarbeiter/innen und Vorgesetzte waren immer für eine Hilfestellung zu haben. Es benötigte Zeit, diese wurde aber mehr als gut investiert. Immerhin geht es hier um junge unerfahrene Berufseinsteiger/innen, oftmals gerade mit der Schule abgeschlossen oder unzufrieden das Studium abgebrochen, sie bringen Kreativität und einen Hauch von Modernität sowie neue Sichtweisen in den teils eingestaubten Buchhändleralltag. Sprich: Gut für alle!


Viele der Azubis haben sich trotz überdurchschnittlicher Leistungen während Schule und Studium für diesen fast brotlosen Beruf entschieden: Aus Überzeugung.
Buchhändler/in bei Hugendubel, dass hieß Selbstständigkeit, Kompetenz und Vielfalt, Literatur als Kunst, in größeren Mengen und und und……

Die Ausbildung bei Hugendubel war bei vielen Branchenteilnehmern anerkannt und wurde gelobt, Azubis konnten so schnell in anderen Unternehmen Fuß fassen. Die theoretische Ausbildung erfolgte an den staatlichen Berufsschulen, oftmals so genannten „Oberstufenzentren“. Im Gegensatz zum Mediacampus qualitativ nicht so hochwertig, aber wegen der kurzen Wegstrecken vorteilhaft. Außerdem für die Azubis kostenfrei. Theorie und Praxis wurden durch regelmäßige Lehrgespräche ergänzt.

The Reality Now
 
Azubi-Betreuer? Was oder Wer ist das?
Gut, sind wir fair: In manchen Filialen gibt es noch welche, manche versuchen eine angemessene Betreuung zu gewährleisten, in Erinnerung an die „goldenen Zeiten“. Die Minderbetreuung resultiert nicht aus dem fehlenden Engagement unserer Buchhändler/innen, den meisten fehlt schlicht die Zeit zur Ausbildung unserer Azubis. An wen sollen sich unsere Azubis nun wenden, mit all ihren Problemen und berechtigten Fragen? An unsere Vorgesetzten, die zwischen ihren stundenlangen Kassenschichten ihren AL- oder FL-Tätigkeiten versuchen nachzugehen? Die meisten AL’s gehen noch kurz und knapp auf Fragen der Azubis ein, mit einem sichtbar gequälten und aufgesetzten Lächeln, aber immerhin eine Antwort.
 
Das Berufsbild der Branche hat sich stark verändert, die „Neuen Medien“ nehmen immer mehr Raum ein, Nichtbücher als Umsatzbringer. „Buchaffin“ ist die Parole. Die Branche interpretiert diese unterschiedlich. Bei Hugendubel soll Plastikschrottmüll aus asiatischen Kinderhänden den durch eine schlechte Unternehmensführung resultierenden Umsatzeinbruch ausgleichen, ein deutlich schwieriges Unterfangen.
Hugendubel und die Branche bewegen sich entgegengesetzt.
Der Buchhandel wird kreativer, agiler und ideenfreudiger, Azubis anderer Unternehmen können einiges für ihre Zukunft mitnehmen. Hugendubel wird immer starrer, eingekesselt von Non-Books, 100er Stapeln und Standardsortimenten. Gezwungen in eine Zwangsjacke aus steril eingefädelter Führungspolitik.
„Standard“ ist nicht mehr die buchhändlerische Kompetenz, nicht die Vielfalt, ein verkorkster Einheitsbrei, schön in Richtung Decke gestapelt.
 
Einkauf und Verkauf voneinander getrennt, arbeiten oftmals aneinander vorbei. Leiharbeiter haben Teile der buchhändlerischen Arbeiten übernommen, Azubis werden schon in den ersten Wochen ihrer Ausbildung ohne Begleitung auf Kunden losgelassen, teilweise stehen sie nach drei Monaten allein auf einer Etage und werden als Springer benutzt. Der staatliche Ausbildungsrahmenlehrplan wird missachtet, Arbeitsschutzrechtlinien ignoriert, Betriebsvereinbarungen übergangen. Azubis trauen sich oft nicht, sich zu beschweren, weder bei der IHK noch ihren zuständen BR’s, die Angst um die Ausbildungsstelle ist groß, bei dieser Arbeitsmarktlage für jugendliche Arbeitnehmer/innen.
 
And the Future is...
 
Die Zukunft muss nach einer Ausbildung bei Hugendubel neu definiert werden. Denn die Branchenteilnehmer sind sich der schlechten Ausbildungslage bei Hugendubel bewusst. Viele unserer ehemaligen Azubis konnten nicht im Buchhandel bleiben. In welche Richtung Hugendubel in Zukunft fährt, ist unklar.
Doch einiges wissen wir nun doch schon: Die teils schwachen Leistungen der staatlichen Berufsschulen wurden erkannt, nun sollen Azubis nach Frankfurt Seckbach. Nicht schlecht, nur leider zu Lasten der Azubis. Sie sollen 1500€ selber zahlen; die meisten von ihnen müssen so schon ihr lächerliches Ausbildungsgehalt durch staatliche Leistungen aufbessern. Sollen die Azubis doch selbst für ihre Ausbildung aufkommen….
Legen wir doch die Personalkosten auf die Azubis um, immerhin wollen die doch betreut werden…Sollen sie doch für ihre Ausbildung bezahlen….
 
Die restliche Buchbranche stellt sich gut auf, ist innovativ und an buchhändlerischer Kompetenz interessiert. Sie investiert in die eigene Zukunft, sie gestaltet das Berufsbild des Buchhändlers um, ohne an Authentizität zu verlieren. Wir müssen uns also weniger die Frage stellen, wohin geht es mit der Ausbildung bei Hugendubel in den nächsten zehn Jahren. Die korrekte Frage muss lauten:
 
Gibt es Hugendubel in zehn Jahren noch?
 
The Fight
 
Einige kämpfen noch immer für eine bessere Ausbildung. So wurden im Herbst bei Hugendubel neue JAV’en gewählt, Amtszeit 2 Jahre. Mittlerweile existiert auch eine GJAV (Gesamt Jugend- und Auszubildendenvertretung) und eine Arbeitsgruppe „Ausbildung“ im neu konstituierten GBR (Gesamtbetriebsrat).
 
Unterschätzen wir das Betriebsverfassungsgesetz nicht, richtig angewandt sind auch bei Hugendubel noch Veränderungen möglich. Mit der richtigen Unterstützung und Rückendeckung von Belegschaft und von Ver.di können unsere Interessenvertretungen richtig was aufbauen.
 
FIGHT THE POWER
 

Kommentare:

  1. nitz informiert morgen AL u. FL in STE darüber wie es in Berlin weitergeht

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  2. Haben nur erzählt, was sie schon vor nem Jahr erzählt haben: Sie suchen eine Ersatzimmobilie!
    Hallo? noch 8 Monate!

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  3. Naja, nach meinem Eindruck geht die Tendenz jetzt schon sehr deutlich in Richtung Schließung des Tauentzien. Anscheinend glauben Nitz und die GL selbst nicht mehr daran, rechtzeitig eine Ersatzimmobilie zu finden. Und selbst wenn, dann sollen ja trotzdem viele Mitarbeiter gehen, weil jede neue Filiale deutlich kleiner ausfallen würde als der jetzige Tauentzien.

    Die Entscheidung, den Tauentzien nach Auslaufen des Mietvertrags 2012 in seiner jetzigen Form nicht mehr weiterzuführen, ist definitiv gefallen, und darüber wurden BR, Abteilungsleiter und Mitarbeiter offiziell informiert. Das Signal an die betroffenen Kollegen ist eindeutig, sich darauf einzustellen (und vielleicht schon mal selbst nach anderen Stellen Ausschau zu halten). Außerdem geht es Nitz sicher auch darum, den Betriebsrat frühzeitig in die Verantwortung für Kündigungen und Sozialauswahl miteinzubeziehen, denn sonst hätte der Arbeitgeber später schlechte Karten bei eventuell anstehenden Arbeitsgerichtsprozessen.

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