Montag, 9. Januar 2012

Ein hoher Preis

Immer mehr Menschen arbeiten mittlerweile auch an Samstagen. Soziale Kontakte leiden


Kennen Sie das? Sie wollen sich für einen Samstag mit Freunden verabreden und plötzlich ist man im Terminkalender drei Monate weiter, bevor man einen gemeinsam freien Samstag gefunden hat. Längst sind es nicht mehr nur private Verabredungen, die am Wochenende im Terminkalender stehen. 43,5 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen auch samstags arbeiten, hat die Hans-Böckler-Stiftung festgestellt. Vor 20 Jahren waren es 17 Prozent. Längst sind es nicht mehr nur Kernaufgaben für das menschliche Überleben und die Sicherheit, die Berufstätige am Wochenende erledigen müssen.


Geschäfte haben geöffnet, weitere Dienstleistungen werden angeboten und in Anspruch genommen. Darin spiegelt sich wider, dass die Arbeitsstunden für viele Beschäftigte auch an anderen Wochentagen zugenommen und sich verschoben haben. Längst gilt für Werktätige nicht mehr überwiegend der klassische Arbeitstag von 9 bis 17 Uhr, von Montag bis Freitag. Da passt es natürlich wunderbar, dass die Kindertagesstätte länger geöffnet hat, Behördengänge am Samstag und Einkäufe auch am Wochenende erledigt werden können.

Aber zu welchen Preis? Wer sich jetzt noch über die steigende Zahl an Dienstleistungen freut, die rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche erbracht werden, muss damit rechnen, dass auch er oder sie selbst eines Tages zu immer mehr unterschiedlichen Zeiten für die eigene Arbeit verfügbar sein muss. Das soziale Leben leidet. Es wird immer schwieriger, Kontakte zu pflegen, regelmäßig planbare Zeit mit Freunden und der Familie zu verbringen. Erreichbarkeit auch nach Dienstschluss per Handy oder E-Mail sorgt dafür, dass der Arbeitsstress fester Bestandteil auch der Freizeit wird. Die Zeiten, in denen man tatsächlich von der Arbeit abschalten kann, werden immer seltener. Das Risiko, durch Arbeit krank zu werden, steigt in dem Maße, wie die Entgrenzung von Arbeitszeiten zunimmt. Das ist ein hoher Preis, den wir zahlen sollen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die ver.di-Forderung nach guter Arbeit weiter an Bedeutung.


Artikel von Heike Langenberg -  ver.di Publik November 2011


Quelle:

http://www.publik.verdi.de/





Kommentare:

  1. Richtige Darstellung. - Aber lassen wir uns mal einige Jahre zurückversetzen. Ladenöffnungszeiten von 9 Uhr bis 18:30 Samstag bis 14 Uhr. Der 1. Samstag im Monat bis 16:00 oder 18:00 Uhr. Dann der lange Donnerstag bis 20:00 Uhr. -- Eine der Hauptargumente war immer auch wir sind dann flexibeler, das ist gut für Kunden, wir machen das gerne und natürlich, daß mehr Arbeitsplätze entstehen ! Nur wenige waren gegen den langen Donnerstag. Die Streiks und Aktionen wurden nicht von sehr vielen Kollegen und Kolleginnen getragen und auch viele Kolleginnen und Kollegen fanden es garnicht so schlimm mal später anzufangen und dann später aus dem Laden zu kommen. Es war schließlich ihrgendwie Aufbruchstimmung, die Mauer fiel gerade und wir wollten doch alle moderner, vielfältiger, multioptionaler, bunter und ungezwungen sein. Damals war ich einer der wenigen im Betrieb die gesagt haben, der lange Donnerstag ist nur der erste Schritt, daß endet nicht gut. Aber ich bin als Pessimist ausgelacht worden. -- Leider habe ich in weiten Teilen recht behalten. Nur ein Ende ist garnicht absehbar. Wohin die Arbeitszeitreise geht können wir heute noch garnicht wissen. Ich betätige mich mal wieder als Pessimist - besser wird es nicht.

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  2. @GeradeaufRente

    Ich gebe Dir vollkommen recht.
    Schlimmer als das Management sind für mich allerdings die Kollegen, die keinen Milimeter über den Tellerrand blicken und diese Zusammenhänge nicht sehen: Erst freiwillig und mit Zuschlägen, dann zwangsweise ohne Zuschlag.

    Es ist äusserst bedauerlich, dass es leider auch bei uns Betriebsräte und Betriebsrätinnen gibt, die offenbar keine Probleme mit der Ausweitung von z.B. Silvester-Arbeitszeiten haben und zu feige sind, in Solidarität mit den BRs anderer Unternehmen hier mal eine klare Linie zu ziehen.

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  3. Auch ich sehe die Entwicklung durchaus kritisch. Das Entstehen neuer Arbeitsplätze im Einzelhandel aufgrund von längeren Öffnungszeiten (dazu zähle ich auch Abends- oder Mitternachtsöffnungen, oder Sonntagsöffnungen) halte ich für ein Märchen. Beziehungsweise - was genau entstehen da für Jobs? Wenn man genau hinsieht, so sind die Vollzeitjobs im Einzelhandel massiv rückläufig. Die neuen Jobs, die entstehen, sind Teilzeitjobs oder Minijobs im Niedriglohnsektor. Die langen Öffnungszeiten werden nur so ermöglicht, denn der Kunde kann seinen Euro nur einmal ausgeben und ich habe nicht den Eindruck, als ob Abends die Hütte brennt in den Läden.
    Kann sich noch jemand erinnern, wie laut damals Herr Dussmann (Dussmann Kulturkaufhaus in Berlin mit Büchern, DVDs, CDs etc.) getönt hatte, als in Berlin "endlich" das Ladenschlussgesetz weitesgehend ausgehöhlt war. Er wolle jetzt rund um die Uhr geöffnet haben. Das Interesse der Käufer an Büchern um Mitternacht war aber wohl doch nicht so enorm. Meines Wissens hat Dussmann die rund um die Uhr Öffnung nur einige Male durchgezogen.
    Die Mitarbeiter wurden pflugs zu Prokuristen erklärt und man mußte keine Zuschläge zahlen.
    Wie einfallsreich und listig doch so manch ein Arbeitgeber ist ...

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  4. Ich bin Altenpflegehelferin und muss auch am Wochenende arbeiten. Das ist soweit auch OK. Wenn es im Rahmen bleiben würde. Oft ist es so, das ich ich 5-7 Wochenenden hinter einander arbeiten muss, und nur 3-5 Tage Frei habe im Monat.Mein Verdienst ist nicht die Welt... 750-850 Netto... Hartz 5 Empfänger. Es ist schon traurig...so eine schäbige Wertschätzung.

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