Mittwoch, 11. Januar 2012

65, 67, 69 - oder doch 52?

Zur aktuellen Rentendebatte

Am 1. Januar 2012 trat das Gesetz zur langfristigen Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre in Kraft.
Fast zeitgleich äußerten der CSU-Ministerpräsident Seehofer sowie die SPD-Generalsekretärin Nahles ihre Besorgnis darüber, daß die notwendigen Arbeitsplätze für ältere Beschäftigte nicht im erforderlichen Maße zur Verfügung stehen könnten. Hatten sie etwa ein schlechtes Gewissen bekommen und planten sie eine Änderung oder gar die Abschaffung der von der Großen Koalition beschlossenen Maßnahme?


Beruhigungstabletten für´s Stimmvieh

Natürlich nicht.   Konkrete Gesetzesinitiativen zur Änderung oder Aufhebung des Gesetzes waren niemals vorgesehen. Es handelte sich lediglich um eine rein wahlkampftaktische Operation zur Beruhigung der eigenen Klientel. Die CSU unter Seehofer kämpft um ihre Existenz bei den Landtagswahlen in Bayern 2013, die SPD möchte wenigstens rhetorisch ihr spätestens seit Schröder verloren gegangenes Image als Arbeitnehmerpartei etwas auffrischen.

Interessantes Detail am Rande: Seehofer war vor einigen Jahren als Präsident des VdK, des Sozialverbands VdK Deutschland e. V. im Gespräch, der die sozialen und politischen Interessen unter anderem von Menschen mit Behinderungen, von chronisch Kranken sowie von Rentnern vertritt. Heutige Präsidentin ist die SPD-Politikerin Ulrike Mascher. Es sollte den Mitgliedern des VdK, der eigentlich parteipolitisch und konfessionell unabhängig sein will, zu denken geben, daß an der Spitze ausgerechnet Politiker der Parteien auftauchen, die für die herrschende Sozialpolitik verantwortlich sind.


Precht:  Zwangsarbeit für Rentner

Wer allerdings glaubt, daß nach der ganzen Schufterei bis 67 dann irgendwann mal der wohlverdiente Ruhestand eintritt, kennt  sogenannte deutsche Intellektuelle nicht. Der von der BILD-Zeitung als "Neuzeit-Philosoph" titulierte Richard David Precht, der ungefähr zweimal täglich in von unseren Gebührengeldern finanzierten Talk Shows auftritt, forderte:  "Nach dem Eintritt in den Ruhestand soll jeder Rentner 15 Stunden pro Woche arbeiten – ehrenamtlich ohne Bezahlung!"  Und er geht noch weiter: Wer das soziale Jahr nicht leisten will, soll sogar weniger Rente bekommen! Es beunruhigend, daß dem Verfasser diverser seichter populärwissenschaftlicher Machwerke ein Forum geboten wird. Das läßt für die Zukunft nichts gutes ahnen.
Übrigens ist Precht gar kein Philosoph, sondern Germanist. Und daß er mittlerweile Honorarprofessor für Philosophie an der Universität Lüneburg ist, spricht Bände über den gegenwärtigen Zustand unserer Universitäten. 


Franz:  67 + 2 = 69

Während Seehofer und Nahles noch Bedenken gegen die Rente mit 67 heucheln, betritt eine andere Figur die Bühne. Und zwar mit einem Vorschlag, der alles konterkariert:  Prof. Dr. Wolfgang Franz, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Uni Mannheim und die graue Eminenz der ökonomischen Politik-Beratung, hat noch eine bessere Idee:  Rente mit 69.
Man mag sich nicht vorstellen, was in den Schubladen der führenden deutschen Wirtschaftsforschungs-Institute noch für Pläne bereit liegen. Auch wenn man deren Inhalt nicht genau kennt, die entscheidende Zahl dürfte wohl mit einer 7 beginnen.


Enzensberger:  Open End

Verglichen mit dem, was jetzt kommt, sind Ex-Sozialminister Müntefering oder die jetzige Pro-67-Aktivistin Claudia Roth von den Grünen, die die Erhöhung des Renteneintrittsalters gnadenlos verteidigen, fast Freunde von uns Werktätigen. In einem SPIEGEL-Essay vom 2. Januar 2012 behauptet nämlich Hans Magnus Enzensberger in einer ziemlich wirren Argumentation, daß die potientiellen RentnerInnen vom Staat zu ihrem Glück fast gezwungen werden müssen - obwohl sie doch eigentlich lieber arbeiten würden. Neben dem notorischen Krebsforscher, der in die USA auswandern muß, will er denn weiterforschen, nennt Enzensberger als Kronzeugin für seine krude These noch die Putzfrau, "der die Decke auf den Kopf fallen" würde, wenn sie nicht mehr putzen gehen könnte. Im zweiten Teil seines Satzes läßt Enzensberger dann die Katze aus dem Sack, warum die Putzfrau ihrer Wohnung "entrinnen" möchte:  weil sie nämlich "ihre Hungerrente mit Schwarzarbeit" aufbessern müsse. Aha.


Der goldene Handschlag

Einen kleine Gruppe von Personen ficht diese ganze Debatte überhaupt nicht an. es ist zugegebenermaßen eine recht kleine Gruppe. Sie besteht nämlich nur aus einer Person: dem aktuell (noch) amtierenden Bundespräsidenten. Wir wollen hier gar nicht die Debatte der letzten Wochen nachzeichnen oder kommentieren, sondern nur auf ein kleines Detail hinweisen: Wulff ist momentan 52 Jahre alt. Würde er jetzt zurücktreten oder zurückgetreten werden, dann bekäme er bis an sein Lebensende einen Ehrensold von jährlich 199.000 Euro.

Das wäre vielleicht die Lösung aller Probleme: die Ernennung der Gesamtbevölkerung zu Bundespräsidenten!
Eine Grundsicherung von 199.000 Euro für jeden. Ehrensold für alle!




Kommentare:

  1. Ich habe eindeutig den falschen Job. Ich sollte mich als Bundespräsident aufstellen lassen.
    Und was bekommt die Ehefrau, wenn er stirbt? Die große Witwenrente beträgt 55% der Versichertenrente (bei Heirat ab dem Jahr 2002).
    Sie muss sich somit keine Gedanken über Altersarmut machen; im Gegensatz zu all den anderen Menschen, die z.B im Einzelhandel oder Buchhandel arbeiten.

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  2. Enzensberger hat früher sehr kluge Texte geschrieben, so z.B. über "Die Sprache des SPIEGEL", in dem er feststellte, dass dieses Magazin kein "Medium der Aufklärung", sondern nur ein "Surrogat" sei.
    Mittlerweile ist er jedoch vollkommen herrschaftskonform geworden, am bekanntesten vielleicht seine Gleichsetzung von Saddam Hussein mit Hitler (damals auch im SPIEGEL)zur Rechtfertigung des Krieges gegen den Irak. Über die erfundenen Massenvernichtungswaffen hat er kein Wort verloren.
    Als Schlusspointe dieses Artikels hätte man noch erwähnen können, dass Enzensberger zur Belohnung für so viel Servilität dann in der Maschine des damaligen Bundespräsidenten v. Weizsäcker mitfliegen durfte.

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  3. Die ganze Diskussion geht offensichtlich am Thema vorbei, denn selbst im Billiglohnsektor wird es kaum die Anzahl an Jobs geben, die wir alle bis 66 oder 70 auf uns nehmen könnten, um die kümmerliche Rente aufzubessern. Glücklicherweise wird uns dabei die Demographie zu Hilfe kommen. Es bedarf keiner großen prophetischen Gabe um zu vermuten, daß die Lebenserwartung durch Krebs, Zivilisationskrankheiten und Streß (nicht zuletzt bedingt durch Wetterextreme) alsbald stark sinken wird. Und arme Menschen werden ohnehin nicht so alt, konnten wir doch neulich in der Presse lesen. Damit sinken die Kosten der Rentenkassen. Alles bereits durchdacht!

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  4. Den Bundespräsidenten-Ehrensold von 199.000 Euro erhalten gegenwärtig:

    - Walter Scheel, seit 1979
    - Karl Carstens, seit 1984
    - Richard v. Weizsäcker, seit 1994
    - Roman Herzog, seit 1999
    - Horst Köhler, seit 2010

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    1. KOrrektur: Carstens ist bereits verstorben (wie auch Johannes Rau).

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  5. Jetzt wird in die Hände gespuckt ...Donnerstag, 12. Januar 2012 um 22:22:00 MEZ

    Was ist denn das für ein Sozialneidgeschreibsel hier. Da kommt es mir echt hoch. Wenn das alles so ungerecht ist, macht Ihr doch die Scheissjobs unserer Gesellschaft wie z.B. Bundespräsident(in) oder Bundeskanzler(in). Aber nein, Ihr steht lieber in der 1.000 Reihe un meckert, während unsere Branche vor die Hunde geht. Heute schon mal die FAZ gelesen? was da über Douglas und Thalia drin steht? Könnte 1:1 Hugendubel von vor einem Jahr sein. Vielleicht hat ja unsere GL die Zeichen der Zeit doch recht frühzeitig gesehen und versucht umzusteuern? Nun auf jeden Fall macht Thalia das gleiche. Hier aber lebt man lieber im schönen gestern. Das gibt es aber nicht mehr, wir sind im ungemütlichen heute und müssen uns auf das vermutlich total andere morgen einstellen. Vielleicht einfach mal vortreten in eine der vorderen Reihen, es muss ja nicht ganz vorn sein, aber mal den Kopf raustrecken hilft auch schon einen anderen Blickwinkel zu bekommen.

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  6. Den Job als Bundespräsident würde ich sofort machen, bislang hat mich aber noch keiner gefragt. Weisst Du zufällig, wo man die Bewerbungsunterlagen hinschicken muss? An Merkel oder gleich an das Grosskapital? Als FAZ-Leser ("Dahinter steckt immer ein kluger Kopf") scheinst Du dich ja auszukennen.

    Hier geht es nicht um Sozialneid, sondern um die Feststellung, dass für Banken am Parlament vorbei sofort Milliarden freigeschaufelt werden und dass die Kosten für diese Kapitalismus-Krise dann der Gesamtbevölkerung aufgebürdet werden: seit 10 Jahren stagnierende Löhne, Sozialkürzungen und eben auch eine Erhöhung des Renteneintrittsalters. Gleichzeitig wurden die Steuern für Spitzenverdiener kräftig gesenkt. Solche Zusammenhänge stehen vielleciht nicht in der FAZ, aber dafür in diesem Gewerkschaftsblog, wofür ich ihm dankbar bin und auch für die Hinweise auf Pseudo-Intellektuelle wie Precht und Enzensberger, die für so eine Politik auch noch die Stichworte liefern.

    Den Artikel über Thalia kenne ich auch, nur ziehe ich andere Schlüsse daraus. Wenn hier demnächst ein Konzern einsteigt, dann wird der bereits stattfindende Arbeitsplatzabbau und weitere Rationalisierungen massiv weitergehen.

    Die Kollegen von Weltbild in Augsburg haben das kapiert und die Konsequenzen gezogen. Wenn Du schon so schlau bist, kannst Du mir vielleicbht erklären, warum in Augsburg über einen Zukunftstarifvertrag verhandelt wird und bei uns nicht?
    Wenn Du Dich billig aus der Firma rausschmeissen lassen willst , ist das Deine Sache. Ich werde das nicht tun.

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  7. Seit ich in dieser Firma bin, wurde der Essens- und Fahrgeldkosten-Zuschuss gestrichen, das Gehaltsniveau um eine Tarifgruppe gesenkt, Arbeitsverträge fast nur befristet abgeschlossen, Praktikanten als Billigarbeitskräfte eingesetzt, Service-Tätigkeiten outgesourct und die Arbeit immer mehr verdichtet.

    Wenn Du einen Teil Deines Gehalts spenden möchtest, bitte sehr.
    Ich werde das nicht tun,weil ich mir das nicht leisten kann.
    Aber erspar uns das nächste mal bitte diesen Kasernenhofton ("vortreten in eine der vorderen Reihen"), der erinnert mich nämlich an ein ganz bestimmtes GL-Mitglied.

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  8. "Scheissjobs unserer Gesellschaft wie z.B. Bundespräsident(in) oder Bundeskanzler(in)".

    Vor Mitleid kommen mir gleich die Tränen.
    Wenn Du mal wissen willst, was wirkliche Scheissjobs sind, dann kann ich Dir gern auf die Sprünge helfen.

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