Montag, 14. November 2011

Spielzeug statt Bücher?

Kind: Mamii!
Mutter: Ja?
Kind: Duhu, ich hab´doch nächste Woche Geburtstag?
Mutter: Jaa?
Kind: Krieg´ich dann den Toy Terminator 7 aus der Aggressive Metal-Serie?
Mutter: Hmm...
Kind: Biiittteee, dem Tommy hat´s seine Mutter auch schon gekauft!
Mutter: Wir könnten ja mal übermorgen deswegen schauen...
Kind: Neeeiiiin, SOFORT!
Mutter: Na gut, dann gehen wir jetzt in´s Hugendubel-Spielzeug-Paradies und suchen was schönes aus!



Toys "R" us

Nein, das ist nicht die neue Radio-Jingle für Spielzeug in den Hugendubel-Filialen. Noch nicht. Denn glaubt man der Aussage von Nina Hugendubel im Buchreport vom 28.September 2011, dann wird dieses Segment künftig noch stärker ausgebaut werden: "Spielwaren sind zu einem wichtigen Bestandteil unseres Sortiments geworden und ergänzen dieses sehr gut. Unsere als Kinderwelt gestalteten Kinder- und Jugendbuch-abteilungen sind nicht zuletzt durch den hohen Nonbook-Anteil sehr erfolgreich." Bei Thalia verfolgt man eine ähnliche Strategie, wie Vertriebsgeschäftsführerin Agnes Wieland erläutert: "Bezogen auf Standort- und Kundenanalyse werden Spielwaren, Games, DVDs und andere Produkte integriert und können die Hälfte der Fläche belegen." Thalia-Chefstratege Michael Busch nennt seine Läden neuerdings auch nicht mehr "Buchhandlungen", sondern "Inspirationshäuser". Spielzeug als Ausweg also?

http://www.buchreport.de/nachrichten/handel/handel_nachricht/datum/2011/09/28/mit-playmobil-und-legosteinen-punkte-machen.htm
http://www.buchreport.de/nachrichten/buecher_autoren/buecher_autoren_nachricht/datum/2011/11/04/postskriptum-trendsetzer-thalia.htm


Der Markt für Spielzeug

Auf den ersten Blick eigentlich eine logische Strategie: man ersetzt einen zurückgehenden Produktbereich wie das Fachbuch durch ein Sortimentsangebot, das thematisch zu den Kernbereichen Belletristik, Kinderbuch und Besser Leben der selbsternannten Familienbuchhandlung passt und so die Verluste ausgleicht.
Denn man steht vor dem Problem, daß man die Flächen füllen  m u ß , ob man will oder nicht. Und manche Mietverträge dauern noch lange. Sehr lange. Die Spielzeugbranche hat sich in den letzten Jahren als relativ stabil und krisenresistent erwiesen. Bis auf das Produktsegment Brett- und Kartenspiele konnten überall die Umsatzziele gehalten oder ausgebaut werden.

Liest man aktuelle Artikel zu den mittel- und langfristigen Trends im Spielzeug-Sektor (Prognosen basieren auf den statistischen Werten von 2009) , bekommt man folgende Kernaussage: "Super- and Hypermarkets replaced Department Stores as the second most important Channel". Der Zuwachs zum Vorjahr betrug 6%. bei einem Marktanteil von insgesamt 15%. Mit 11%  Marktanteil war der Online-Handel zwar etwas kleiner, hatte allerdings einen Zuwachs von 36% (!) zu verbuchen. Diese Zuwächse gehen zu Lasten der Katalog-Anbieter (minus 12%) und der Spielzeug-Abteilungen in den Kaufhäusern (minus4%). Die klassischen Spielzeuggeschäfte, die den größten Marktanteil (40%) halten konnten, erzielten zwar einen leichten Zuwachs, verschwinden aber zunehmend aus den City-Lagen. Der Bereich "Other Type of Retailer" , zu dem man Hugendubel zuordnen müßte, verlor 3% bei einem Marktanteil von 12%. Interessant ist dabei die statistische Zahl, die für die Marktforschung innerhalb der Spielzeugbranche am elementarsten ist: die Geburtenrate, die die Zahl der potientiellen kleinen Konsumenten für die nächsten Jahre anzeigt.

www.toy.de/news/index2176.html


Fazit: Ausgespielt?

Das Produktsortiment Spielzeug kann für die Filialen angesichts der Verschiebung ins Internet oder in Großmärkte nur eine Übergangslösung sein. Langfristig muß sich die Spielzeug-Branche mit sinkenden Geburtenraten auseinandersetzen. Wird der Wettbewerb über den Preis geführt, kann man nur bedingt mit dem Online-Handel mithalten. Läuft der Wettbewerb über die Größe der Auswahl (sofern man es real sehen will), dann zieht man gegenüber Spielzeug-Supermärkten den Kürzeren. Eine Ausweitung des Non Book-Anteils, so buchaffin er auch sein mag, untergräbt aber langfristig die buchhändlerische Kernkompetenz der Marke, ob sie nun Hugendubel oder Thalia heißt. Denn niemand wird eine Hugendubel- oder Thalia-Filiale primär wegen des Spielzeug-Angebots aufsuchen.


Nachspiel: Die dritte Wurzel aus P

Die Filialen der Zukunft werden kleiner werden, auf der kleiner gewordenen Fläche wird es weniger Bücher geben. Bereits im März dieses Jahres monierten die Geschwister Hugendubel im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, daß zuviele unverkäufliche Bücher produziert werden. Im Interview mit dem Weser-Kurier schlägt Nina Hugendubel nochmal in dieselbe Kerbe: "Fast 100.000 Neuerscheinungen, die sich schlecht verkaufen, sind einfach zuviel". Als Argument führt sie "eine starke Fokussierung" auf wenige Spitzentitel"an, die deshalb einen "verhältnismäßig großen Anteil am Gesamtumsatz" ausmachen. Daß die Buchhandelsketten ihren gehörigen Anteil an dieser "Fokussierung" haben, erwähnt sie nicht.

Fast schon komisch wirkt dann ihre Aussage in einem Interview mit der ZEIT vom 1.September 2011, für das der Begriff Hofberichterstattung noch eine sehr freundliche Umschreibung ist. Dort beantwortet sie Frage nach einem literarischen Titel, den sie gerne lesen würde, mit: "Zettels Traum" von Arno Schmidt...
Man stelle sich eine Vertreter-Börse bei der DBH vor, wo der Verlagsmensch ein Buch vom Kaliber von "Zettels Traum" den versammelten Einkäufern vorstellt (sofern er als Vertreter eines Kleinverlages überhaupt eine Einladung erhalten hätte): "Dieses Buch lege ich Ihnen wärmstens ans Herz. Er kostet 10mal soviel wie ein normaler Hardcover-Titel, ist 20mal so umfangreich und paßt in kein Regal. Wieviel Exemplare möchten Sie ordern, meine Damen und Herren?"

Arno Schmidt, der ein Faible für Mathematik und Astronomie hatte, war wohl weltweit der einzige Schriftsteller, der eine genaue Vorstellung von der Anzahl seiner idealen Leser hatte, die er Gute Leser nannte. Die Formel dafür war:  Dritte Wurzel aus P. Das Resultat ergab sich, indem man aus P, also der deutschsprachigen Population in Deutschland, der Schweiz und Österreich die dritte Wurzel zog.
Schmidt kam dabei auf die Zahl 365.
Ob Arno Schmidt Nina Hugendubel zu den 365 Guten Lesern gezählt hätte?

www.dradio.de/kulturnachrichten/2011102118/9/
www.buchmarkt.de/content/48165-nina-hugendubel-heute-in-der-zeit-die-grossen-gelten-als-boese-umwaelzer-die-kleinen-als-gute-bewahrer.htm


***


Kind: Mami, Mami!
Mutter: Was ist denn los?
Kind: Schau mal, was Papi mir mitgebracht hat!
Mutter: Das ist aber toll!
Kind: Du schau mal: das ist ganz rot, hat Hörner und sogar eine Waffe!
Mutter: Ja, das dein Papi bekommen.
Kind: Wie heißt das?
Mutter: Das ist eine ver.di-Kampfente!
Kind: Uiiih, toll!
Mutter: Hm, finde ich auch.
Kind: Und warum?
Mutter: Das hat er geschenkt gekriegt.
Kind: Und warum hat er die gekriegt?
Mutter: Weil er Gewerkschaftsmitglied geworden ist.
Kind: Will auch Weckschaftsglied werden!
Mutter: Ja später mal, wenn Du größer bist.
Kind: Neeeeiiiin! SOFORT!
Mutter: Hmm, ja gut, dann fahren wir halt jetzt zur ver.di-Geschäftsstelle....

Kommentare:

  1. Niemand zwingt Frau Hugendubel oder die DBH die von ihr als überflüssig bezeichneten Bücher zu kaufen. Aber welche Bücher von Autoren geschrieben, von Verlegern hergestellt werden oder von engagierten Buchhändlern verkauft weden, sollte man ihnen selbst überlassen. Fr. Hugendubel, die dem Kulturkreis des BDI vorsitzt, sollte aber bitte nicht vergessen, dass das Buch nicht nur eine Ware, sondern auch ein Kulturgut ist. Deshalb gibt es nämlich auf Bücher eine ermässigte Mehrwertsteuer.

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  2. Niedrigpreisprodukte wie Bücher haben in teuren 1a-City-Lagen einen schweren Stand. Ähnliches gilt für Spielzeug. Nina Hugendubel wies kürzlich in einem Interview darauf hin, dass Spielzeuggeschäfte in der innenstadtg kaum noch zu finden sind. Warum wohl?
    Es sit auch kein Zufall, dass bei Douglas die meisten Probleme die Konzernsparte Buch macht, nicht jedoch die Hochpreisprodukte Parfum und Schmuck.

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  3. Das Buch-Sortiment jetzt verstärkt mit Spielzeug zu ergänzen ist letztlich genauso ein Akt der Verzweiflung wie neuerdings das Buch-Angebot von Saturn-Hansa. Für den stationären Handel bei Hugendubel wie Saturn gilt: zu klein, um mit einem Universal-Kaufhaus wie Amazon mitzuhalten, zu gross, um gegenüber kleineren,spezialisierten und mit ausreichend kompetentem Personal ausgestatteten kleineren Buchhandlungen bestehen zu können.

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  4. @Analyst ich bin genau Ihrer Meinung. Amazon liefert jederzeit bequem genau das, was der Kunde möchte direkt nach Hause. Sei es der Reiseführer, Roman, Bildband halt alles was man auch in einer Buchhandlung ohne große Beratung mitnimmt. Die kleinen, speziellen Buchhandlungen, mit ihrem in die tiefe gehenden Spezialsortiment übertreffen eine Hugendubel oder Thalia Buchhandlung um ein vielfaches an Fachkompetenz und an der Möglichkeit Beratungszeit an Kunden zu geben. Fazit: Hugendubel, Thalia, Mayersche Großflächen werden einfach mit der Zeit kleiner bzw die Flächen werden mit Ergänzungen vollgestellt. Sei es Kinder-Spielzeug, DVD, Computerspiele, Kerzen oder auch verkäufliche Kleinmöbel (letztens in Düsseldorf gesehen) ;))

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