Montag, 10. Oktober 2011

Das Literarische Trio (1)

Ein Gespräch über Literatur und anderes 

Eine Premiere im Infoblog:  pünktlich zur Buchmesse erscheint Das Literarische Trio, ein Gespräch über Texte und Kon-Texte. Geführt von drei literarisch versierten BuchhändlerInnen, zwei Kolleginnen und einem Kollegen, moderiert von einem Redakteur des Hugendubel-Infoblogs. Wir hoffen, Euch Leserinnen und Lesern bereitet dieses Gespräch genau soviel Vergnügen wie unserem daran beteiligten Redakteur.

Also: Vorhang auf für Das Literarische Trio !

Infoblog:  Da die Infoblog-Redaktion rein ehrenamtlich tätig ist, können wir Euch für dieses Gespräch kein Honorar überweisen. Als kleine Entschädigung servieren wir aber ein Wunschgetränk. Was ist das Getränk Deiner Wahl - und welches Buch empfiehlst Du dazu?

Betty Blue: Dann nehme ich bitte einen Absinth und empfehle die Lektüre von Henning Boetius "Ich ist ein anderer - Das Leben des Arthur Rimbaud".

Jacob Marley:  Sagen wir mal so: ich habe es noch nie abgelehnt, wenn mich jemand zu einem Glas Wein eingeladen hat. Mehr als eines trinke ich allerdings nicht. Deshalb ist es unwahrscheinlich, daß wir ein ganzes Buch schaffen, ehe wir ausgetrunken haben. Mein Lese-Vorschlag dazu wären die anakreontischen Gedichte von Lessing, die den Dichter von einer eher unbekannten Seite zeigen.


Lotta Continua:  Vermutlich gibt es irgendwo auch einen "Experten" für Strategische Getränkeberatung -ich verlasse mich da lieber auf meinen eigenen Geschmack und wähle einen Grillo, einen sizilianischen Weißwein, dessen Zitronenduft für einen Schluck den vergangenen Sommer zurückholt.
Dazu "Das demokratische Weinbuch" von Rainer Balcerowiak.

Infoblog-Redakteur:  Wenn alle ein Getränk bekommen, dann soll der Gastgeber auch nicht leer ausgehen: ich nehme einen Wunschpunsch und empfehle dazu das gleichnamige Buch von Michael Ende.



Infoblog:  Auf was stoßen wir an?

Betty Blue:  Auf alle Bücher dieser Welt, die uns verzaubert haben, in andere Welten geführt haben, die uns neue Horizonte erschlossen haben und in die wir uns verliebt haben!

Lotta Continua:  Auf alle interessanten Bücher guter Autoren aus kleinen Verlagen, die aus Profitgründen bei der DBH schon seit Jahren nicht mehr zu finden sind!

Jacob Marley:  Auf alle Kolleginnen und Kollegen bei Hugendubel, Habel, Weltbildplus, Jokers, Schmorl & von Seefeld, Ganghofer, Deuerlich´sche, Heron, Weiland, die KollegInnen der Karstadt-Buchabteilungen und nicht zu vergessen die Berliner KollegInnen der Wohlthat´schen Buchhandlung!
Und besonders auf jene unter ihnen, die zu den Betriebsversammlungen gehen!

Infoblog: So soll es sein! Prost! (Gläser klirren).



Infoblog:  In einer Woche beginnt die Buchmesse. Was ist Dein Tip für den Deutschen Buchpreis am heutigen Montag? 

Lotta Continua: Dieses Jahr stehen wir einen Schritt vor dem Abgrund: die Hälfte der angeblich sechs besten Bücher kommt aus dem Holtzbrinck-Konzern (Fischer, Rowohlt, KiWi). Wenn dann nächstes Jahr die andere Hälfte aus dem Bertelsmann-Konzern (Random House) kommt, dann sind wir einen Schritt weiter.

Jacob Marley: Si taceo, philosophus manebo.

Betty Blue:  Aha.



Infoblog:  Welches Buch, das nicht auf der Liste steht, hätte Deiner Meinung nach eine Nominierung für die Shortlist verdient?

Jacob Marley:  Ich finde, eine Liste, die "Shortlist" heißt, sollten wir vielleicht nicht unbedingt länger machen als sie ist.

Lotta Continua:  Genau, sonst hieße sie nämlich Longlist.

Infoblog:  Wer sollte also auf die Shortlist ?

Lotta Continua:  Gegenfrage: Wer bekam 1910 den Literaturnobelpreis?
An den deutschen Buchpreis 2011 werden sich in zwanzig Jahren nicht mal Literaturhistoriker erinnern. (Anmerkung der Redaktion: den Literatur-Nobelpreis 1910 erhielt Paul Heyse. In München ist eine Bahnunterführung nach ihm benannt).



Infoblog:   Als BuchhändlerIn wird man oft um eine Empfehlung gebeten. Welche Lektüre empfiehlst Du dem Papst?

Jacob Marley:  Dem Papst würde ich empfehlen, ein biblisches Buch, das er sicherlich schon in- und auswendig kennt, einmal mit anderen Augen zu lesen: das Buch Exodus (=2. Buch Mose). Es handelt von Israels Auszug aus Ägypten und seinem langen Weg ins gelobte Land. Für mich ist das die Geschichte eines großen Aufbruchs, wie ihn Kirche und Gesellschaft dringend wagen müssen, der hier wie dort aber immer wieder an der Angst der Menschen zu scheitern droht, gewohnte Sicherheiten hinter sich zu lassen und dem Ruf Gottes auch auf neuen, ihnen fremden Wegen zu folgen.

Infoblog:  Was empfiehlst Du Kardinal Reinhard Marx?

Lotta Continua:  Besser das Original lesen als selber eine billige Kopie schreiben:
Karl Marx/Friedrich Engels: Das Kapital. Kritik der Politischen Ökonomie. Erster bis Dritter Band, Akademie-Verlag (MEGA-Ausgabe). Nach erfolgreicher (!) Lektüre können wir dann weiterreden.

Infoblog: Welches Buch empfiehlst Du Carel Halff, wenn er Dich um eine Empfehlung für sich selbst bitten würde?

Betty Blue:  Da ich Herrn Halff als sensiblen und feinfühligen Menschen erleben darf, der stets ein offenes Ohr für die Nöte und Ängste seiner Mitarbeiter besitzt und dessen hoher moralischer Anspruch an den christlichen Werten ausgerichtet ist, würde ich ihm ein Bastelbuch empfehlen. Denn wie sagte der hochgeschätzte Herr Halff dereinst selber: „Bücher sind religiös in dem Sinn, daß sie eine positive Lebenseinstellung vermitteln. Ich würde sogar ein Bastelbuch dazuzählen.“



Infoblog:   Wir befinden uns hier im Redaktionsraum eines gewerkschaftlichen Infoblogs. Welches Buch empfiehlst Du einer Kollegin, einem Kollegen, der mit Gewerkschaft nichts am Hut hat?

Betty Blue:  Den Tarifvertrag des Einzelhandels bzw. noch besser euren bayerischen Buchhandelstarif und dann daneben liegend den "verbesserten", auf den gesetzlichen Ansprüchen beruhenden Arbeitsvertrag der Kollegin, des Kollegen. Da würde vermutlich so manche Träne fließen.

Lotta Continua: Wolfgang Abendroth: Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung. Ein Klassiker der frühen Bundesrepublik, immer noch wegweisend. Abendroth wurde in der Weimarer Republik aus der KPD und später in der BRD aus der SPD ausgeschlossen. Er war der "Partisanenprofessor im Lande der Mitläufer", wie Jürgen Habermas es mal formulierte.
Leider ist Habermas heute selber ein Mitläufer.

Jacob Marley:  Die Gedichte Bertolt Brechts! Denn irgendwie hatte ich schon immer das Gefühl, daß Leute, die ihn auch nur ein bißchen gelesen und verstanden haben, danach nicht einfach nichts tun können.



Infoblog:   Und welches Buch sollte jeder Betriebsrat/jede Betriebsrätin wenigstens einmal in Händen gehalten (und natürlich gelesen) haben?

Betty Blue:  Für Betriebsräte im Einzelhandel empfehle ich "Angriff auf die Mitbestimmung" von Sarah Bormann.

Jacob Marley:  Die beiden, die ich dem Papst und den gewerkschaftsfernen KollegInnen empfohlen habe - und dazu noch das Betriebsverfassungsgesetz. Anders geht´s leider nicht!


Lotta Continua:  Allen BetriebsrätInnen, die lieber bei einem harmonischen Plauderstündchen mit der GL ein Glas Wein trinken anstatt bei einem Streik an der Seite ihrer KollegInnen  zu stehen, empfehle ich:   Michael Kittner: Arbeitskampf. Geschichte, Recht, Gegenwart, Beck 2005 (Kittner war Justiziar der IG-Metall). Außerdem noch eine warme Lektüre-Empfehlung für diejenigen in den Führungsetagen bei ver.di, IG Metall und DGB, die auf Standort-Ideologie, Sozialpartnerschaft und Co-Management setzen:
Lucy Redler, Politischer Streik in Deutschland nach 1945.



Teil 2 folgt morgen...


Lesen Sie u.a.
welchen utopischen Wunsch Betty Blue hat,
was Lotta Continua Sozial-Autisten empfiehlt,
warum der Infoblog-Redakteur um Nachsicht bittet
und welchem Bestseller Jacob Marley möglichst wenige Leser wünscht...

Kommentare:

  1. Ich habe mich so gut wie schon lange nicht mehr unterhalten.
    Ich bin sehr auf den Bestseller gespannt, den keiner lesen sollte. Ich rate schon mal :-)

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  2. Ich bin begeistert! Ich habe mir gerade einen Gimlet gemixt und empfehle dazu von Chandler "Long Goodbye".

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  3. Toller Artikel, unterhaltsam - aber mit Biss. Wenn so "Infotainment" aussieht: bitte mehr davon! Meine Lieblings-Kombination: Flann O´Brien, Der Dritte Polizist und ein guter Irish Whiskey.

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  4. Da hat doch tatsächlich der Holtzbrinck-Konzern mit Eugen Ruges Roman den Preis abgeräumt, die Chance war ja auch 50:50. Dass sich über die mangelnde Kommerzialität der Shortlist viele Buchhändler mokierten, spricht nicht gegen die Literatur, sondern gegen den Buchhandel. Wie wäre es mit Frank Schätzing beim nächsten mal für den Deutschen Buchpreis und für den Literatur-Nobelpreis vielleicht Michael Crichton?
    Immer noch zu elitär? Ok, dann Charlotte Roche und Ken Follett?

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  5. Schade, dass bei Jacob Marley die politische Literatur anscheinend bei Brecht endet. Brecht ist wichtig, aber nicht der einzige.

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