Mittwoch, 15. Juni 2011

Die Zukunft von Hugendubel (5) - Automatisierung, Zentralisierung

Einkauf: Automatisierung - Zentralisierung

Im Wirtschaftsteil der FAZ vom letzten Samstag verkündete Carel Halff stolz, dass der Konzern Ende Juni "das Geschäftsjahr mit den besten Ergebnissen der vergangenen fünf Jahre abschliessen werde." Als Bereinigung bezeichnete er die Rücknahme der Flächenexpansion seit 2008 durch Reduzierung von mehr als 500 Filialen auf 450 (Weltbild, Hugendubel, Jokers, Wohltat) bis Jahresende. Da sich die Kunden "zu 40 Prozent vorher im Internet informiert" haben, brauchen sie "also keine Beratung mehr", daher "werden im stationären Buchhandel Stellen abgebaut. Dem stehe aber ein Personalaufbau in den zentralen Bereichen Informationstechnologie und New Media (Internet, E-Commerce) gegenüber."
In unserer Reihe beschäftigen wir uns deshalb heute am Beispiel des Einkaufs mit den Folgen der zunehmenden Zentralisierung, Rationalisierung und Automatisierung.

Längst haben sie ausgedient, die Buchlaufkarte und die Standkartei. Mit dem 01. September 2006 wurde von Papier auf EDV umgestellt. Wer sich das Warenwirtschaftssystem einmal angesehen oder gar damit gearbeitet hat, kann die Vorzüge zur bisherigen „Zettelwirtschaft“ nicht leugnen.





Bildmontage: 2011
 

Endlich konnte der tatsächliche Abverkauf jedes einzelnen Artikels in chronologischer Ordnung zeitnah abgebildet und analysiert werden. Auch Mengen und Summen sind (und dies war auch neu) am WWS abzulesen; eine entscheidende Hilfe für den Nachbezug. Die Bewirtschaftung von Bestsellern, Stapelware, Warengruppen, Bereichen und Aktionen hat eine neue Qualität bekommen.

Soweit ein kurzer Hymnus auf das Warenwirtschaftssystem.

Dass die Maschine die menschliche Arbeitskraft ersetzt, ist seit Beginn der Industrialisierung bekannt und gilt heute nach wie vor. Insbesondere die IT-Technologie treibt diese Entwicklung unaufhaltsam voran.

Mit der Einführung des WWS wurden nämlich auch die Einkaufskompetenzen neu vergeben. Vormals wurde die Warendisposition auf viele Schultern verteilt und dies galt (und war es auch!) als Qualitätsmerkmal in der Unternehmensphilosophie der Firma Hugendubel GmbH & Co KG. Mit dem neuen Hausorganisationsmodell wurde der Bereich Einkauf auf wenige ausgewählte Kolleginnen und Kollegen neu verteilt und der anderen Mehrzahl der Buchhändler entzogen. Sicher war damit der Arbeitsbereich Einkauf aus den Verkaufsräumen genommen, aber ein erster Schritt zur Zentralisierung war getan.


Und wie sieht die Zukunft der Abteilung Einkauf aus?

A wie Automatisierung:

Viele Vorgänge im Warenwirtschaftssystem können automatisch durchgeführt werden. Hier ein Beispiel: Das automatische Buchen von elektronischen Lieferscheinen funktioniert heute schon, und das ohne Abgleich mit Papier-Lieferscheinen, also ohne Rücksicht auf Verluste.

Bestimmte Dispo-Listen können für einen automatischen Nachbezug vorgesehen werden. Dies würde bedeuten, dass bei Abverkauf eines entsprechend markierten Artikels, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes und ohne Zutun irgendeiner Person der Artikel automatisch nachbestellt wird. Tests für solche Funktionen hat es schon einmal gegeben; vielleicht erinnern sich manche KollegInnen, dass vor vielen Jahren ein Testlauf für ZL-Artikel durchgeführt wurde.

Was käme für einen automatischen Nachbezug in Frage?

  • Top-Titel am ZL
  • Bestsellerlisten
  • Standardsortimente
  • Longseller
  • Aktionen

Alle diese Gruppen in entsprechenden Listen zusammengefasst und zur automatischen Disposition vorgesehen, und schon wird den Einkäufern unter dem Deckmantel der Arbeitserleichterung die Arbeit entzogen und in weiterer Folge werden Arbeitsplätze wegfallen.

B wie Budgetierung

Bleiben die Umsätze weiter hinter den Erwartungen zurück, wird die Geschäftsleitung aus wirtschaftlichen Gründen das Instrument Einkaufsbudgetierung auspacken und ausprobieren. Mit festen Budgets, beispielsweise auf Filialen, Warengruppen und Dispolisten, können die Kosten im Wareneinsatz gezielter gesteuert, die Ertragslage verbessert und Gewinne optimiert werden. Ein entsprechendes (C wie) Controlling begleitet alle Vorgänge.

Z wie Zentralisierung

Wie schon weiter oben genannt, wird durch Automatisierung verschiedener Bereiche die Arbeit der Einkäufer weniger. Nahezu bedeutungslos werden die Einkäufer in den Filialen, wenn das Sortiment verschlankt wird. Erinnern wir uns an die Aussagen der Geschwister Nina und Dr. Maximilian Hugendubel vom 14.03.2011: „ … nehmen die Verlage immer mehr unverkäufliche Titel ins Programm.“ Dahinter verbirgt sich der Wille, noch mehr auf Stapeltitel zu setzen und in den Leistungsregalen auszudünnen.

Die Folge: Noch weniger Einkäufer werden das Sortiment gestalten.

Technisch gar kein Problem, es genügt ein Büro in der Hilblestraße und Computer sind eh genug vorhanden. Solche „Zentral“- oder „Mastereinkäufer“ könnten für ihre Arbeit verschiedentlich aufgeteilt werden. Beispielsweise nach Filialtypen (Flaggschiffe, Centerfilialen … ) oder nach Regionen und Warengruppen.

„Aufgemerkt!“ lieber Leser, dies ist kein modernes Märchen, sondern näher an der Realität als viele denken. Die technischen Hürden sind niedrig und das Einsparpotential groß. Man kann auch davon ausgehen, dass viele der beschriebenen Szenarien angedacht oder schon durchdacht sind. Bestätigt wird dies durch die unzähligen Veränderungen der letzten 10 Jahre im Unternehmen Hugendubel.

Kommentare:

  1. Also ich find das viel zu undifferenziert populistisch. Letzten Endes ist das Buch auch nur eine Ware, die verkauft werden will. Wie wärs mal mit kostruktiven Vorschlägen, wie die Kompetenz vor Ort mit standartisierten und meinetwegen auch zentralisierten Bezugswegen kombiniert werden kann...

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  2. ???

    Was soll denn dieser Kommentar
    (wie wäre es mit etwas mehr "Kompetenz vor Ort": nämlich bei Formulierung und Rechtschreibung)?

    Der Artikel dagegen ist sehr gut:

    Die (schon sehr nahe) Zukunft des Einkaufs bei Hugendubel heißt definitiv nicht "der/die Einkäufer/in" (Menschen sind in diesem System mit Sicherheit ein absolutes "Auslaufmodell")!

    Ich erwarte baldigen "Rollout" von "Auto-Dispo" und "Master-Einkauf" (mit nur noch wenigen Stellen in der Hilblestraße - oder gleich: Steinerne Furt / Augsburg!)

    Vor dieser Zukunft können nur wir selbst (mit Unterstützung durch BR und Verdi) uns schützen - und das müssen wir sehr, sehr bald tun!

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  3. Die Thalia-Kollegen solidarisieren sich mit uns: Laßt uns gemeinsam UNSERE Interessen gegen die Konzernleitungen durchsetzen. Wie wäre es mit Aktionen zu Wohlthat, zu Hugendubel-Berlin, Hugendubel-Kassel und zu Thalia-Plauen?

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  4. @Anonym 8.55

    Was soll denn an dem Beitrag "undifferenziert populistisch" sein. Er ist genau das Gegenteil: sachlich und differenziert.
    Eine Kombination der "Kompetenz vor Ort" mit einer Zentralisierung wäre wünschenswert, wird aber von der GL bewusst nicht forciert. Kompetenz vor Ort würde nämlich auch eine angemessene Bezahlung der Kolleginnen und Kollegen bedeuten. Und genau das will man nicht, sondern Senkung der Personalkosten durch Einsparung und Lohndumping durch radikale Rationalisierung, Zentralisierung und Automatisierung.

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  5. @Anonym 8:55

    "Buch auch nur eine Ware"

    Das Buch ist eben nicht nur eine Ware, sondern gleichzeitig auch ein Kulturgut. Deswegen, und nur deswegen, gibt es den ermässigten Umsatzsteuersatz. Lies mal dazu den hier im Infoblog erschienenen sehr guten Artikel "Kafka und die Umsatzsteuer".

    Dann reden wir weiter.

    http://hugendubelverdi.blogspot.com/2011/03/kafka-und-die-umsatzsteuer.html

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  6. wie Carel Halff sagt, weniger Regaleinräumer, mehr IT-kompetente Angestellte ... was ist schlecht daran?

    Spätestens am Gehaltszettel sollte der heutige Buchhändler merken, dass er mehr gemein hat mit dem Klamottenverkäufer als mit dem Apotheker, mit dem er vor viell. 150 Jahren auf einer Stufe gestanden hat. Die Zeiten ändern sich und der heutige Buchkäufer braucht den Buchhändler i.a. nur noch, damit er ihm zeigt, wo was steht ...

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  7. .....braucht ihn eben nicht mehr: den Weg zum Regal können andere ("wegweisende") Systeme dem Kunden doch genauso weisen; und so ein Monitor tut immer seine Pflicht, gehorcht jeglichen Anordnungen, murrt (oder streikt!) nie (naja, wenn er doch mal "streikt", dann kriegt er hinterher bestimmt keine Tarifverbesserung!) - und wird einfach "angeschafft" und "abgeschrieben" und ist sehr "controlling-freundlich"!

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  8. @Anonym 15:03

    "... was schlecht daran ist?"

    In Deiner Rechnung gibt es ein kleines Problem: 3 Programmierer ersetzen dann 100 Buchhändler. Was machen die dann? HartzIV, 1-Euro-Jobs oder "Freiwillige" für Afghanistan?
    Höherqualifizierung schützt übrigens nicht vor Arbeitslosigkeit: Siemens hat seine Buchhaltung nach Prag ausgelagert, die Automobilindustrie hat Programmierjobs nach China, Indien oder nach Osteuropa outgesourct.

    Damit sind wir bei einem Problem in (Achtung Fliegenpilz: Reizwort!) kapitalistischen Industrieländern. Immer weniger normal bezahlte Jobs für die Masse der Menschen. Sehen lässt sich das daran, dass die Arbeitslosenstatistik seit 40 Jahren (trotz aller Manipulationen) kontinuierlich steigt.

    And this is not a love song.

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  9. @Anonym 15:30

    Eins pack´ ich ganz und gar nicht:

    Spätestens am Gehaltszettel sollte der heutige Buchhändler merken, dass er mehr gemein hat mit dem Klamottenverkäufer als mit dem Apotheker, mit dem er vor viell. 150 Jahren auf einer Stufe .....

    Warum soll ein Buchhändler etwas besseres sein als ein von Dir genannter "Klamottenverkäufer".

    Hört endlich auf mit diesen hochnäsigen Sprüchen!!!!

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  10. Ich finde das gar so hochnäsig nicht. Von "etwas besserem" war nicht die Rede.Ich denke, worauf hierin angespielt wurde, war mehr die sogenannte Bildung. Die meisten Buchhändler haben zumindest Abi, wenn nicht gar ein Studium hinter sich, und dies wird von den Kunden auch so erwartet...Zu "etwas besserem" macht uns dies nicht unbedingt, man/frau könnte aber zumindest erhoffen, daß sich die "höhere Bildung" etwas mehr am Gehaltszettel bemerkbar macht...Andererseits, für nur die Richtung weisen braucht man natürlich keine bessere Ausbildung mehr;-(

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  11. Was ich hier bei den ganzen Kommentaren nach wie vor vermisse: Wie geht es weiter? Was tun wir?Wann tun wir es? Und so weiter...Daß die GL vor Wut in die Tischkante beisst, wie in einem früheren Kommentar bemerkt, glaube ich leider nicht. Die lachen sich nur ins Fäustchen, solange wir beim Phrasendreschen bleiben.

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  12. Der Kunde möchte Beratung. Gut.
    Der Buchhändler möchte beraten, seine Qualifikationen "an den Mann bringen" die er zweifelsohne in den meisten Fällen hat. Gut.

    Warum gibt es dann eigentlich tagtäglich die Szenen zu beobachten, dass eben auf dem Hintern sitzengeblieben wird, anstatt mit dem Kunden zu gehen und ihn zu beraten ("Kinderbücher sind dort vorne") -ja auch, wenn noch weitere Kollegen an der Information sind.
    Oder genervtes Zurückkommen "Was der alles wollte"

    Gibt es nicht? Das glaub ich nicht.

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  13. Ein Buchhändler ist immer noch ein Mensch und keine Maschine. Wie in allen anderen Berufen gibt es gute und schlechte Tage. Das kann Dir überall passieren. Im Einzelhandel, in der Industrie, in der Dienstleistung.
    Sich diese Fälle herauszupicken und auf den gesamten Buchhandel bzw. auf Hugendubel zu übertragen, ist lächerlich.

    Ich kenne sehr viele Kollegen, die immer noch hochmotiviert sind, obwohl ihnen fast alle Kompetenzen entzogen worden sind, die nur noch aufräumen, nicht mehr selbständig einkaufen dürfen, keine Entscheidungsfreiheit in der Präsentation mehr haben, weniger Gehalt bekommen als Kollegen, nur befristet angestellt sind, fast alleine auf der Etage stehen und und und.
    Die eigentlich so gut wie nichts mehr tun, was den eigentlichen Beruf des Buchhändlers ausmacht. 

    Und trotzdem versuchen sie ihr Bestes. Aber man kann es einigen Kollegen nicht verdenken, wenn aus oben genannten Gründen, das Engagement nachlässt.

    Aber das gibt es in jeder Branche, überall. Wir sind alle nur Menschen.

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  14. um bei hugendubel zu arbeiten braucht man schon lange keine besonderen qualifikationen mehr.
    wer da noch eine "ausbildung" macht, ist selbst schuld. und wer (hochnäsig oder nicht) glaubt, er sei was besseres als irgendwer anderes im einzelahndel, auch.

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