Montag, 25. November 2013

Wenn die Haifische Menschen wären

»Wenn die Haifische Menschen wären«, fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner Wirtin, »wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?« »Sicher«, sagte er. »Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tierzeug. Sie würden sorgen, daß die Kästen immer frisches Wasser hätten, und sie würden überhaupt allerhand sanitäre Maßnahmen treffen. Wenn zum Beispiel ein Fischlein sich die Flosse verletzen würde, dann würde ihm sogleich ein Verband gemacht, damit es den Haifischen nicht wegstürbe vor der Zeit.

 Damit die Fischlein nicht trübsinnig würden, gäbe es ab und zu große Wasserfeste; denn lustige Fischlein schmecken besser als trübsinnige. Es gäbe natürlich auch Schulen in den großen Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der Haifische schwimmt. Sie würden zum Beispiel Geographie brauchen, damit sie die großen Haifische, die faul irgendwo liegen, finden könnten.



 Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein. Sie würden unterrichtet werden, daß es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freudig aufopfert, und daß sie alle an die Haifische glauben müßten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, daß diese Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen niedrigen, materialistischen, egoistischen und marxistischen Neigungen müßten sich die Fischlein hüten und es sofort den Haifischen melden, wenn eines von ihnen solche Neigungen verriete.

Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch untereinander Kriege führen, um fremde Fischkästen und fremde Fischlein zu erobern. Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen. Sie würden die Fisch-lein lehren, daß zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein riesiger Unterschied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sind bekanntlich stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und können einander daher unmöglich verstehen. Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer Sprache schweigende Fischlein tötete, würden sie einen kleinen Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen.

Wenn die Haifische Menschen wären, gäbe es bei ihnen natürlich auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln läßt, dargestellt wären. Die Theater auf dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die Haifischrachen schwimmen, und die Musik wäre so schön, daß die Fischlein unter ihren Klängen, die Kapelle voran, träumerisch, und in allerangenehmste Gedanken eingelullt, in die Haifischrachen strömten.

Auch eine Religion gäbe es ja, wenn die Haifische Menschen wären. Sie würde lehren, daß die Fischlein erst im Bauch der Haifische richtig zu leben begännen. Übrigens würde es auch aufhören, wenn die Haifische Menschen wären, daß alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind. Einige von ihnen würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden.

Die ein wenig größeren dürften sogar die kleineren auffressen. Das wäre für die Haifische nur angenehm, da sie dann selber öfter größere Brocken zu fressen bekämen. Und die größern, Posten habenden Fischlein würden für die Ordnung unter den Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau und so weiter werden. Kurz, es gäbe überhaupt erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären.«
 

Bertolt Brecht, Kalendergeschichten (1948)



Kommentare:

  1. klingt für mich wie das stalinistische Paradies, das die Verdi-Propagandisten bei DBH so gerne hätten, damit sie nicht mehr arbeiten müssen (oder das wenigstens vortäuschen müssen), sondern in SED-Manier die Arbeiter versklaven können.

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    1. Mit Stalinismus hat das nichts zu tun, sondern vielmehr mit dem real existierenden Kapitalismus. Aber um das zu verstehen, müßte man lesen können.

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  2. Gewerkschaftlich organisierte BuchhändlerinSonntag, 1. Dezember 2013 um 22:24:00 MEZ

    Das schöne an diesem Text von Bertolt Brecht ist, dass er so Typen wie Dich bereits präzise beschrieben hat: "Und die größern, Posten habenden Fischlein würden für die Ordnung unter den Fischlein sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau und so weiter werden."

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    1. stimmt, die Volkspolizei gab's im Osten ja nicht, oh Mann ... - kein Wunder dass bei TypInnen wie dir keiner kauft..

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    2. Gewerkschaftlich organisierte BuchhändlerinMontag, 2. Dezember 2013 um 19:25:00 MEZ

      Bei mir kauft niemand, weil ich bei der Volkspolizei bin?
      Tja, wenn Du meinst...

      Wie sagte Thomas Mann so schön?
      "Antikommunismus ist die Grundtorheit unserer Epoche."

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    3. Der gute Thomas Mann lebte bekanntlich in einer anderen Epoche. In seiner Epoche mag sein Ausspruch seine Berechtigung gehabt haben.
      Inzwischen hat die Welt sich weitergedreht und es hat die eine oder andere Entwicklung gegeben, die Thomas Mann möglicherweise nicht voraussehen konnte.
      Kommunismus ist nicht mehr, die Sozialdemokratie hat sich gerade selbst beerdigt und unser Vaterland geht trotzdem vor die Hunde. Es sind finstere Zeiten.

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