Mittwoch, 17. Juli 2013

Bloggen gegen das Hartz-4-System

Eine Jobcenter-Angestellte wehrt sich

Die Hartz-Gesetze wurden vor einem Jahrzehnt von Rot-Grün beschlossen und von CDU/CSU/FDP mitgetragen. Es war und ist eine Kriegserklärung an die lohnabhängig Beschäftigten in diesem Land.
Sie ebneten Lohndumping, Leiharbeit und prekären Jobs den Weg.

Exekutiert wird dieses System von der Bundesagentur für Arbeit. Wenige der dort Angestellten wehren sich so massiv dagegen wie Inge Hannemann, Mitarbeiterin eines Jobcenters im Hamburger Bezirk Altona.
Wir dokumentieren hier ihren Offenen Brief an den Bundesvorstand für Arbeit in ihrem Blog Altonabloggt.


Sehr geehrte Vorstände,


Sehr geehrter Herr Weise – persönlich per Einschreiben 1. Juni 2013
Sehr geehrter Herr Becker – persönlich per Einschreiben 1. Juni 2013
Sehr geehrter Herr Alt – persönlich per Einschreiben 1. Juni 2013

Hamburg, 29. Mai 2013,   vorab per altonabloggt – 30. Mai 2013


Eigentlich habe ich überhaupt keine Zeit, Ihnen einen persönlichen Brief zu schreiben. Sie wissen ja, dass ich derzeit mehr als vollbeschäftigt bin. Und dafür möchte ich Ihnen zunächst danken. Sie, als Vertreter der Bundesagentur für Arbeit, gaben mir durch Ihre Struktur, oder besser gesagt, durch das Konstrukt der Jobcenter und deren Handlungsweisen, ein Tätigkeitsfeld, welches sich durchaus lohnt in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Mögen Sie es falsche Systemkritik nennen und sich womöglich in der Ehre verletzt sehen, sehe ich es als meine Pflicht, als freie Bundesbürgerin auf die Abläufe in den Jobcentern hinzuweisen. Gerne zitiere ich den Artikel 20 des Grundgesetzes: (1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. (4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Und mal ehrlich … Sie als auch ich wissen ganz genau, dass ich im Grunde genommen nichts Neues erzähle. Neu ist nur, dass es eine Mitarbeiterin nicht anonymisiert verbreitet und bestätigt, was schon immer als Gerüchte durch Deutschland huschte.

Allein der jährliche Anstieg der Klagen vor den Sozialgerichten und deren hohen Erfolgsquoten zeigt deutlich, dass Entscheidungen in den Jobcentern auf gut Glück oder gar willkürlich getroffen werden. Die Leidtragenden sind die Klagenden und die Steuerzahler, welche für die Kosten Ihrer Fehler aufkommen müssen. Mussten Sie jemals darüber einen Rechenschaftsbericht bei Frau von der Leyen abgeben?

Die ganze Zeit überlege ich schon, was habe ich Ihnen eigentlich getan? Ich bezeichne mich durchaus als kreativ. Bei dieser Frage fällt mir jedoch keine Antwort ein. Vielleicht wären Sie mal so nett und helfen mir bei der Suche nach dieser.

Nun stelle ich mal ein paar Mutmaßungen an, welche es begründen könnten, dass ich meiner eigentlichen Tätigkeit als Arbeitsvermittlerin derzeit nicht mehr nachgehen darf und vermutlich auch in ferner Zukunft nicht.

1)

Wahrheit tut weh. So sagte der Philosoph Hans Blumenberg, dass die nackte Wahrheit nicht das ist, womit das Leben leben kann. Der Mensch hat das Bedürfnis dem Mythos zuzuhören, um in der Welt heimisch zu sein. In der Annahme, dass Sie der Mythos sind, behaupte ich, dass damit dem Irrationalismus alle Türen und Toren geöffnet werden. Und weiter behaupte ich, das die Wahrheit zumutbar ist.

2)

Sie leben in einem Kokon und beherrschen den Verdrängungsmechanismus. Ein Begriff aus der Psychoanalyse und wird auch als Abwehrmechanismus bezeichnet. Hierbei schließen Menschen die bewusste Wahrnehmung von tabuierten und bedrohlichen Inhalten und Vorstellungen aus.

3)

Regularien sind Ihnen wichtiger als Millionen von Menschenleben und deren Existenz. Mir ist durchaus bekannt, dass das Sozialgesetzbuch II (SGB II) durch den Bundestag wanderte, dort seinen Lauf nahm und somit von der Regierung sozusagen legalisiert wurde. Die Auswirkungen davon sind Ihnen, so hoffe ich inzwischen, mehr als bekannt. Sehr gerne stehe ich selbstverständlich für offene Fragen, Beweise gerne zur Verfügung sowie vermutlich auch viele Millionen von Betroffenen.

4)

Sie handeln in Ihren Augen rechtskonform, weil Sie sich als den verlängerten Arm der Executive sehen. Vollziehend und ausübend.

5)

Sie sind kritikresistent. Ihre eigenen Maßstäbe, unter dem Mantel der Sozialgesetzbücher, setzen Sie normativ die Rechtsnorm an. Dabei missbrauchen Sie die Soziologie. Warum? Mit den ständigen Aussagen, Ihre Aufgabe sei es rechtskonform der Gesetze zu entscheiden, versuchen Sie, die Möglichkeit der Erpressbarkeit durch die Jobcenter auf die Leistungsberechtigten in einen gesellschaftlichen Kontext akzeptabel zu machen und damit zu normalisieren.

Hier ende ich mit meinen Mutmaßungen. Kann sein, dass Sie Ihr Handeln sowie Ihr Nichthandeln als Alarmismus bezeichnen. Ein Totschlagargument, um eine differenzierte Auseinandersetzung mit einem Thema zu umgehen. Ich selbst habe kein Problem damit, mich als Alarmist zu betiteln. Ja, mag sein, dass ich Unruhe stifte – in Ihren Augen. In meinen Augen lenke und warne ich jedoch nur die Öffentlichkeit vor der Bedrohung in den Jobcentern.

Allerdings beschleicht mich immer mehr das Gefühl, das Sie zum Teil gar nicht wissen, welche Order aus den einzelnen Jobcenter-Zentralen oder in den einzelnen Jobcentern heraus gegeben wird. Das zeigt sich schon darin, dass innerhalb einer Stadt von Jobcenter zu Jobcenter unterschiedlichste Anweisungen herausgehen. Ist Ihnen bekannt, mit welchen subtilen Methoden z.T. Führungskräfte ihre „Untergebenen“ steuern bis hin zur Manipulation? Der Beweis ist schon damit gegeben, wenn man mal sieht, wie viele meiner Kollegen Angst haben. Angst um ihre Existenz, wenn sie sich ebenfalls öffentlich äußern. Angst erwischt zu werden, wenn sie nicht sanktionieren. Beispiele auch dafür sind genügend vorhanden. Und das nenne ich subtil, steuern und manipulieren.

Festzustellen ist noch, dass ich ein Gelöbnis auf das Grundgesetz geleistet habe. Dieses liegt in meiner Wertigkeit ganz oben. Inklusive des Wortes „Wert“. Mein Arbeitgeber ist die Freie Hansestadt Hamburg. In einem Bürgerschaftsbeschluss Ende 2010 wurde aus der ARGE die Jobcenter gemeinschaftlicher Einrichtung (gE). Weiterhin gibt es eine Vereinbarung beider Träger (Jobcenter- Freie Hansestadt Hamburg) zu der Konstruktion team.arbeit.hamburg (t.a.h.). Nur warum kennen diese die Mitarbeiter nicht? Warum hat nicht mal der Personalratsvorsitz diese? Was steht da so Geheimnisvolles drin? Würden Sie jemals ein Auto kaufen, ohne vorherige Probefahrt?

Und nochmals zum Schluss: Ich kämpfe nicht gegen Etwas – sondern für Etwas. Für den Versuch des Erhalts unserer Demokratie, für den Versuch des Erhalts von Menschenrechten und der Menschenwürde sowie für die Einhaltung unseres Grundgesetzes in den Jobcentern. Meine Forderungen dürften auch Ihnen inzwischen bekannt sein und sind u.a. in meinem Blog nachlesbar. Aus diesem Grund werde ich hier nicht erneut darauf eingehen.

Nein, Angst habe ich keine. Angst schnürt die Kehle zu. Auch, wenn mir bekannt und bewusst ist, mit welchen Mitteln Sie unliebsame Mitarbeiter entfernen. Aber genau das ist für mich der Ausdruck einer enormen Angst und Unsicherheit Ihrer Personen, Ihrer Behörde. Starke Menschen stellen sich einem Problem.

Und eigentlich wünsche ich mir nur, dass Sie eines Tages mit ruhigem und gutem Gewissen in Ihr Spiegelbild schauen können – als Mensch – unabhängig jeglicher Regularien. Können Sie das jetzt?

In diesem Sinne ende ich mit einem Zitat von Martin Luther King jr.:

„Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen.“


Freundliche Grüße

Inge Hannemann





Quelle:

http://altonabloggt.wordpress.com/2013/05/30/offener-brief-an-den-vorstand-der-bundesagentur-fur-arbeit/


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Kommentare:

  1. Am 22.September ist Bundestagswahl. Eine gute Gelegenheit, die Hartz-4-Parteien abzuwählen.

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  2. Ja! Machen wir das doch einfach! Ich bin dabei.
    Noch wer?

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  3. Gerne. Nur-welche Parteien bleiben dann übrig? ;-( Ich glaube, ich werde zum erstenmal meinen Stimmzettel ungültig machen...

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    1. Und damit den altgedienten Parteien zwangsläufig wieder die Macht zuzuschustern. Wenn einungültiger Wahlzettel alles ist, was Dir zur Verbesserung Deiner Lebensumstände und zur Rettung unserer Nation einfällt, dann gute Nacht.

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    2. Wir warten immer noch auf Deine Antwort, wo denn die Super-Filiale ist, wo Du angeblich arbeitest und wo das neue Arbeitszeit-Modell so toll funktioniert.

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    3. Wird das Stalking? Nix zu tun mit dem einen Kind? Hol Dir noch eins! Gibt bekanntlich bessere Rente!

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    4. @Anonym 14:20

      Falls dieser sexistisch-menschenverachtende Tonfall in deiner Filiale zum normalen Umgangston gehört, dann möchte ich dort nicht arbeiten müssen, schon gar nicht mit einem Kind. Wer solche Kollegen hat, braucht keine Feinde. Die Story von der tollen Filiale mit dem tollen Betriebsklima, die ohnehin niemand geglaubt hat, hat sich damit auch erledigt. Du hast dich gerade selbst entlarvt.

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    5. Neim, hat er oder sie nicht, denn ich war es, der von der Filiale schrieb in der es klappt und ich bin ein anderer Anonym.

      Du lehnst dich in deiner eigenen Anonymität zurück und verlangst, dass ich meine aufgebe? Wie komm ich dazu?

      Schreib du doch mal, in welcher grausamen Filiale du arbeitest. Wer dein Vorgesetzter ist. Wie du heisst.
      Du hast da eine viel größere Lobby als ich.

      Wie, das willst du nicht? ??? Dann kann deine Geschichte ja nur erfunden sein.

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    6. Ja und ich bin auch ein anderer Anonym; aber natürlich nicht der mit dem sexistischen Kommentar. Absolut lächerlich wie die ganze Story mit der so tollen Filiale.

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    7. Bitte definiere "lächerlich" in Bezug auf einen zufriedenen Kollegen.

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    8. Lächerlich finde ich die ganze Geheimnistuerei um die Filiale, wo alles so toll sein soll. Ich arbeite am Standort München und dort ist es nicht so toll. Ich kenne auch einige Kolleginnen in Berlin, da sieht es genauso aus. Auf der letzten Betriebsversammlung ist aus den Wortmeldungen einfach deutlich geworden daß Hugendubel kein familienfreundliches Unternehmen ist. Näheres kann man wie schon erwähnt im Artikel vom Kollegen Horn nachlesen. Die größte Schweinerei ist aber, wie die GL den Vorschlag unseres BR zu einer Betriebsvereinbarung behandelt hat. Da ist eine unglaubliche Arroganz der Macht zu erkennen. Als betroffene Mitarbeiterin fühle ich mich da einfach verar... Lächerlich finde ich übrigens aucb den Oberlehrer-Befehl "definiere lächerlich".

      Es gibt hier eine Menge Kommentare, die die Lage im Unternehmen schönfärben wollen und - so habe ich den Eindruck - krampfhaft versuchen, gegen den Blog zu schreiben, egal was kommt. Im Gegenzug wird indirekt jeder Mist der GL verteidigt und wenn es der größte Schwachsinn ist. Mit der Realität in dieser Firma hat das alles nichts zu tun. Sonst wäre der Blog nicht so erfolgreich. Wenn ich als Mitarbeiterin Informationen will, lese ich den Blog. Wenn ich lachen will, dann lese ich den Seitenblick. Dieses Propaganda-Blättchen könnte man übrigens sofort einstellen, wenn man Geld einsparen will.

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    9. Tja nun...wenn du allel lächerlich findest, was soll man dazu noch sagen?
      Es gab hier mehrere Kollegen, die schrieben dass es bei ihnen keine Probleme gibt.
      Ich versteh halt nicht, warum man das nicht einfach akzeptieren kann, sondern selbige des Lügens bezichtigen muss.
      Wenn es nicht überall klappt, ist das schade, aber man muss doch nicht immer sofort giftig werden, wenn es Kollegen gibt, die die gute Arbeit ihrer Planer verteidigen.

      Und wenn du den Eindruck hast, dass krampfhaft danach geschrieben wird dass alles toll iat, so kann ich dich beruhigen...ich finde beiweitem nnicht alles gut! Im Gegenteil.

      Aber wenn mal was klappt, dann muss das doch gesagt werden dürfen ohne dass man gevierteiltwird .

      Ich habe einfach immer den Eindruck dass man wenn man nicht NUR rummotzt, als Kollege hier auf der Seite nichts zu suchen hat.

      Und das finde ich schade.

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  4. @Anonym 14:20

    Ein widerwärtiger Kommentar.
    Wenn die Argumente ausgehen, werden sie ausfällig. Aber das kennt man ja.

    @Kollegin mit Kind
    Stimme Dir voll zu! danke für deine Hartnäckigkeit!

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