Mittwoch, 8. Februar 2012

Zeit des Erwachens?

Foto: weltbild-verdi.blogspot.com

Am 06. Februar fand im Münchner Literaturhaus die Betriebsversammlung statt.
Von den eingeladenen Gästen waren Herr Nitz von der Geschäftsführung, Peter Fitz und Timm Boßmann vom Weltbild-Betriebsrat und unser Gewerkschaftssekretär Georg Wäsler erschienen.
Leider ließen sich weder Herr Dr. Hugendubel, Carel Halff -der Vorsitzende der Geschäftsführung von Weltbild-, noch Kardinal Marx blicken.
Hauptthema dieser Betriebsversammlung war der bevorstehende Weltbild-Verkauf und die daraus resultierenden Konsequenzen für uns alle. Das abgewandelte Wittgenstein-Motto, mit dem der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Jürgen Horn die Versammlung eröffnete, schien vielversprechend:
"Wovon man nicht schweigen kann, darüber soll man reden!"

So konnte Personal-Chef Nitz als erster Redner zum geplanten Weltbild-Verkauf Stellung beziehen.

Er begann mit einem Rückblick auf die "Medienkampagne", die zum Weltbild-Verkauf geführt hätte.  Den Gesellschafterwechsel kommentierte er sparsam. Gleichklingend wie der nach langem Schweigen erfolgte GL-Aushang verwies er auf die "Willensbekundung" der  Hugendubels zum Weitermachen. Auch interpretierte er den Einstieg eines finanziell potenten und nicht-kirchlichen Investors als Chance, um im Bereich Neue Medien schneller expandieren zu können. Ansonsten kamen die üblichen Wortbausteine "Branche im Umbruch", "Behauptung am Markt" und "Die GL befiehlt - ihr folgt".


 Taten statt Worte

Nach Nitz’ kurzem Statement ergriff der Betriebsratsvorsitzende Uwe Kramm das Wort.
Er erläuterte die Verflechtungen zwischen Hugendubel und Weltbild. Viele der KollegInnen würden sich wohl die Frage stellen: Was hat der Verkauf von Weltbild mit uns zu tun?
2006 wurde mit Gründung der DBH - durch Weltbild und der Familie Hugendubel - aus einem Familienunternehmen ein Konzern. Über diese Konzernmutter steht auf einer Seite der Weltbild Verlag in Augsburg. Die Gesellschafter wollen sich nun davon trennen und diesen verkaufen. Der zukünftige Eigentümer erwirbt damit auch einen Anteil von 50% an der DBH und über diesen Zwischenschritt folglich auch die Hälfte von Hugendubel. Die Betriebsräte befürchten erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigten von Hugendubel.
Uwe Kramm zeigte anschaulich die Verbindungen zu Weltbild:
  • die Finanzierung des Unternehmens, die über die DBH/Weltbild laufe
  • Ware wie DVDs und CDs werde von Weltbild bezogen
  • die Grundlage für hugendubel.de sei die technische Plattform von Weltbild
  • die guten Rabatte, die man von den Verlagen erhalte

Carel Halffs Aussage „Weltbild und Hugendubel arbeiten längst so verzahnt wie eine Firma“ untermauerte diese Erläuterung.

Von Seiten der DBH-Gesellschafter wurde gesagt, dass der Konzern bestehen bleiben soll, aber ob dies im Endeffekt so eintreffen werde, müsse man abwarten. Die Reaktion der Weltbild-KollegInnen sei genau richtig. Sie fordern: „Klare Verträge statt weicher Worte“.
Dort ist man bereits mitten in den Verhandlungen zu einem Zukunftstarifvertrag.
Auch die KollegInnen von Hugendubel möchten bei Arbeitsplatzverlust eine bessere Absicherung: durch einen Sozialtarifvertrag.
Nicht vergessen dürfe man, dass in Kassel, Berlin Tauentzienstrasse und am Salvatorplatz wieder Filialschließungen anstehen. Auch gebe es Standorte, an denen Filialen in verkleinerter Form weitergeführt werden sollen.
Eindringlich wies Uwe Kramm darauf hin, dass reden alleine wohl keinen Erfolg erzielen werde. Weltbild hätte bewiesen, dass nur durch engagiertes Handeln etwas erreicht werden kann.
Sein Schlussappell lautete: Das Schicksal selbst in die Hand nehmen und das Ziel den STV konsequent weiterverfolgen.


Diskussion:  Wichtiges Thema, aber nur wenige Fragen

Im Anschluss daran konnten KollegInnen ihre wenigen Fragen an die Geschäftsführung loswerden.
Es war u.a. zu hören, dass Herr Nitz die Verträge nicht kenne und deshalb eine Zerschlagung nicht ausschließen könne. Allerdings würde das für ihn keinen Sinn machen, da das Gesamtpaket zähle: Filialen und Online-Geschäft. Daß allerdings die Multichannel-Strategie keine Arbeitsplatzgarantie sei, sondern durchaus mit einer Schließung oder Verkleinerung des stationären Bereiches einher gehen könne, fiel eher unter den Tisch.

Die zweimal aus der Belegschaft gestellte Frage, warum trotz "eng verzahntem Unternehmens" (Halff/Hugendubel) in Augsburg ein Zukunftsvertrag möglich ist und hier bei uns seit zwei Jahren ein Sozialvertrag blockiert wird, beantwortete er letztlich nicht. Neben vorgeschobenen formalrechtlichen Argumenten verwies er auf die ach so tollen Berliner Erfahrungen mit dem dort abgeschlossenen Sozialplan. An dieser Stelle übrigens ein herzliches Vergelt´s Gott an den Berliner Betriebsrat, der den damals geplanten Warnstreik sabotiert hat und damit der Sozialtarif-Kommission in den Rücken gefallen ist.

 Die anwesende Belegschaft schien der Verkauf der Hälfte der Firma kaum zu interessieren: kaum jemand stellte Fragen, der Rest schwieg. Ob das Schweigen Zustimmung zur GL, Resignation oder Langeweile bedeutet: wer weiß? Die drei BetriebsrätInnen und die zwei Kollegen aus dem Publikum, die zentrale Fragen stellten, brachten  Nitz zumindest kurz aus dem Konzept. Man mag sich kaum vorstellen, was passiert wäre, wenn Nitz in ein richtiges Kreuzverhör geraten wäre.


Ziel - Zukunftstarifvertrag

Die Weltbild-Betriebsräte Timm Boßmann und Peter Fitz, aus Augsburg angereist, berichteten anschließend über die Fortschritte der Augsburger Kollegen bei ihrem Kampf um einen Zukunftstarifvertrag. Wie bereits hier und im Weltbild-Blog zu lesen war, konnte die Geschäftsleitung der Weltbild-Verlagsgruppe aufgrund verschiedenster Aktionen dazu gebracht werden, die Verhandlungen zu einem Zukunftstarifvertrag aufzunehmen.
Peter Fitz stellte gleich zu Beginn klar, dass ein Zukunftstarifvertrag bei Weltbild für die Hugendubel-Kollegen leider keine Anwendung finden werde. Dies ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich.
Trotzdem ist der Ausgang der Verhandlungen für uns Hugendubler nicht ganz unerheblich.
Schließlich ist eine der Hauptforderungen der Mitarbeiter in Augsburg, dass der DBH-Konzern nach dem Verkauf nicht zerschlagen wird. Dass ein Käufer sich also aus dem Gesamtpaket DBH nur die Rosinen rauspickt (z.B. das Internet-Geschäft) und den Rest weiterveräußert bzw. abstößt wäre somit fürs Erste verhindert.
Timm Boßmann zeigte - unterstützt durch Fotos und Dokumente - den Verlauf der Ereignisse: von der Pressekampagne gegen Weltbild, die schließlich alles ins Rollen brachte, bis zur Erklärung der Verkaufsabsicht seitens der Kirche. Schon relativ schnell wurde damals die Forderung der Mitarbeiter nach einem Zukunftstarifvertrag laut.
Doch die Geschäftsleitung blockte hier schon von Beginn an, schließlich senkt ein hauseigener Tarifvertrag (der u.a. einen vierjährigen Kündigungsschutz nach Verkauf vorsieht) den Verkaufspreis.
Wie Peter Fitz jedoch richtig anmerkte, sei das nur recht und billig. Schließlich haben die MitarbeiterInnen erst durch Ihren tagtäglichen Arbeitseinsatz das Unternehmen zu dem gemacht, was es jetzt ist. Sollte die Kirche beim Verkauf also einen geringeren Erlös erzielen ist das nur fair, wenn im Gegenzug die Arbeitsplätze der KollegInnen für vier Jahre gesichert sind.
Erst nachdem bei den Betriebsversammlungen, die zum Thema stattfanden, relativ schnell klar war, dass es zu Arbeitskampf-Maßnahmen kommen könnte, sollten die Verhandlungen zum Zukunftstarifvertrag nicht aufgenommen werden, zeigte sich die Geschäftsleitung bereit, mit Verdi zu sprechen.
Ein Protestmarsch zum Augsburger Dom fand große Resonanz, mehrere hundert Mitarbeiter zogen mit Fackeln und Transparenten zum Wohnsitz des Augsburger Bischofs Zdarsa und schafften sich damit Gehör: schon fünf Tage später fand ein Gespräch zwischen den Weltbild-Mitarbeitern und Zdarsa statt.
Dass es zum Abschluss eines Zukunftstarifvertrags kommt, ist deutlich. Stefan Kraft von ver.di ist zuversichtlich, dass ein Großteil der Forderungen durchgesetzt werden kann.
Hier zeigte sich: ein Betriebsrat oder eine Tarifkommission alleine kann es nicht schaffen, die Geschäftsleitung zu etwas zu bewegen. Sie brauchen die Unterstützung der Mitarbeiter. Wenn man mit Forderungen auftritt und keiner hinter einem steht, ist man schnell auf verlorenen Posten.
Timm Boßmann appellierte deshalb auch nochmals an die Hugendubel-MitarbeiterInnen, die Tarifkommission zu unterstützen. Nur wenn wir gemeinsam signalisieren, dass uns unsere Arbeitsplätze wichtig sind, können wir es auch bei Hugendubel schaffen, einen Sozialtarifvertrag abzuschließen.


Gemeinsam - zusammen - miteinander

Anschließend sprach unser Gewerkschaftssekretär Georg Wäsler noch ein paar eindringliche Worte. Er betonte, dass es kaum einen Unterschied zwischen Weltbild und Hugendubel gebe. Wie Weltbild sei auch Hugendubel von dem Verkauf und von Filialschließungen betroffen. Beide Belegschaften benötigen eine tarifliche Absicherung. Die KollegInnen sollten sich zusammen tun, sich gegenseitig bei Aktionen unterstützen und sich gemeinsam engagieren.
Bei der Forderung nach einem Zukunftstarifvertrag und nach einem STV gehe es beiden um ein zentrales Thema: Arbeitsplätze zu sichern!



Weltbild-BR-Vorsitzender Peter Fitz / Foto: weltbild-verdi.blogspot.com


Kommentare:

  1. Das ist tatsächlich die Frage: Hat bei den Hugendubel-KollegInnen nun endlich die "Zeit des Erwachens" begonnen?

    Das ist schwer zu beurteilen: Vor allem, nachdem zwar relativ viele von uns an der BV teilgenommen haben (die SZ spricht von 100), andererseits sich aber ausschließlich die "üblichen Verdächtigen" zu Wort gemeldet haben.

    Doch vielleicht ist vielen der anwesenden KollegInnen zum ersten Mal klar geworden, wie bedrohlich für uns die Lage tatsächlich ist. Und daß von GL-Seite (außer Floskeln) nichts Beruhigendes kommt, eher das Gegenteil: noch mehr Internet/Multichannel, noch weniger Umsatz in den Filialen, noch mehr Rückbau (kleinere Ladenflächen) und Filialschließungen, weiterer Personalabbau/Entlassungen.

    Was gegen diese bedrohlichen Zukunftsaussichten wirkungsvoll unternommen werden kann, das haben uns die Augsburger BR/Verdi-Kollegen eindrucksvoll vorgeführt.

    Der richtige Weg ist also klar. Allerdings müßten die Hugendubel-KollegInnen jetzt bald aus ihrer "Lähmung" erwachen und mit dem Handeln beginnen.

    Der Weltbild-Aktions-Zug fährt schon. An uns liegt es, baldmöglichst aufzuspringen!

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    1. Da bin ich nicht so zuversichtlich. Wo soll denn plötzlich die Energie herkommen?

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    2. Das liegt an jedem Einzelnen selbst. Wenn sich jede/r aufrafft, mitmacht, dann sollte das "theoretisch" ohne weiteres möglich sein. Interesse am eigenen Arbeitsplatz sollte doch Antrieb genug sein?
      Bleibt allerdings abzuwarten, wie das in der Praxis dann tatsächlich aussieht?

      BR, STV-Kommission, Verdi alleine können es nicht schaffen. Dazu muß man natürlich auch selbst was tun. Hier sind alle Kolleginnen und Kollegen gefragt. Sich nicht dem Schicksal untätig hingeben, sein Leben selbst steuern.

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  2. Mich hat diese Betriebsversammlung ziemlich nachdenklich gemacht. Nicht so sehr wegen der schon angesprochenen negativen Aspekte (schweigende Belegschaft, zu wenig aktive BR in der Diskussion mit Nitz), sondern eher wegen der Rolle der Gewerkschaft in unserem Unternehmen.

    Die Kollegen aus Augsburg haben mit größter Selbstverständlichkeit ihr großes ver.di-Transparent aufgehängt, sie haben von der Notwendigkeit gewerkschaftlicher Organisation und Aktion gesprochen, sie haben demonstriert, wie sie als Betriebsrat (!) den Weltbild-Verdi-Blog als Mittel betrieblicher Kommunikation nutzen.
    Das alles gibt es bei uns in dieser Qualität nicht oder nur in sehr eingeschränkter Form:

    - zuerst einmal ist nur ein Teil des BR gewerkschaftlich organisiert bzw. selbst wenn man ver.di-Mitglied ist, nimmt man großteils z.B. an einer ver.di-Mitglieder-Versammlung nicht teil.

    - man erkennt nicht, daß man als BR stärker die Führung übernehmen muß, vorangehen muß, gegenüber einer eher passiven Belegschaft ein aktives Signal geben muß.

    - man versteht sich in erster Linie als BR und begreift nicht, daß nur ein Zusammenwirken von BR und Gewerkschaft zum Erfolg führt. Man hat sich wohl auch zu stark von der anti-gewerkschaftlichen Haltung der GL einschüchtern lassen.

    - aktive Öffentlichkeitsarbeit wird teilweise als Geschäftsschädigung bewertet und unterliegt in vorauseilendem Gehorsam der Selbstzensur

    - der Hugendubel-Blog wird mit spitzen Fingern angefaßt und zuwenig als betriebliche Kommunikations-Plattform genutzt, teilweise nicht mal als Leser, ganz zu schweigen davon , daß man vielleicht selbst mal einen Beitrag schreibt.

    Die Kolleginnen und Kollegen erteilen uns, der Belegschaft und dem Betriebsrat von Hugendubel, gerade eine eindrucksvolle Lektion in aktiver Vertretung von Arbeitnehmerinteressen.

    Ich kann nur hoffen, daß wir diese Lektion bald lernen. Und zwar schnell.

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    1. Sehr richtig! Genau das zeigen uns die Augsburger Kolleginnen und Kollegen von Weltbild!

      Also, Hugendubel-BR und Hugendubel-Kolleginnen und -Kollegen: sehr viel Zeit zum "Lektion lernen" bleibt Euch (bzw. uns) nämlich nicht mehr!!!

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    2. Auf jeden Fall brauchen wir bei der nächsten BR-Wahl eine aktive Verdi-Liste!! Auf untätige und unsolidarische BR-Mitglieder können wir nämlich verzichten!!

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  3. Ja, Antrag auf Listenwahl auch in Berlin! ver.di wird bestimme ver.di-Mitglieder (derzeit BR's) auf grund von Untätigkeit nicht auf die Liste mit aufnehmen.

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  4. Hoffentlich haben wirklich alle Kollegen verstanden, um was es geht?
    Die Diskussion war ja eher mau. Ich bin nicht sicher, ob das daher rührte, dass das erst einmal verarbeitet werden mußte, es nicht verstanden wurde, aus Angst oder aber ob das gar Resignation war?

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  5. ich hoffe inständig, daß diese merkwürdige Ruhe nicht Resignation, sondern die Ruhe vor dem Sturm gewesen ist. Sonst können wir nämlich einpacken.

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  6. Liebe Kolleginnen und Kollegen!

    Die Hälfte von Hugendubel wird verkauft, die DBH könnte zerschlagen werden?
    Von den 400 Beschäftigten gehen knapp 100 zur Betriebsversammlung,d.h. 25%.
    Unser Betriebsratsvorsitzender erklärt die komplizierten Eigentums-verhältnisse der DBH? Nur 2(!) Leute aus dem Publikum stellen Fragen.
    Also nur 0,5% der Gesamt-Belegschaft hat eine Nachfrage zur Zukunft ihrer Firma. Ist das alles, was von Euch angeblich so intelligenten und belesenen Buchhändlern und Buchhändlerinnen kommt? Jede Lagerarbeiterin bei Weltbild hat mehr drauf. Wenigstens unterblieb diesmal die übliche Herr-Lehrer-ich-weiss-was!-Frage (also da im 7.Stock hinter dem vorletzten Regal ist ein kleines Loch im Teppich!").

    Mit irritierten Grüssen,

    Ein Kollege

    PS: Wenigstens unterblieb

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  7. Die Apathie des Großteils der Beschäftigten ist beschämend. Wenn es den Hugendubel-Mitarbeitern an den Kragen gehen sollte, haben sie keine Solidarität verdient!

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