Donnerstag, 22. März 2018

Die Ausbildungsfalle


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Was Buchläden gegenüber einer immer stärkeren Konkurrenz durch das Internet vor allem auszeichnet, sind Buchhändlerinnen, Buchhändler und ihre Arbeit. Wenn der Buchhandel - 
und wir meinen hier nicht den Versandhandel -eine Zukunft haben soll, müssen daher auch 
sie eine Zukunft haben. Sozumindest sehen Gewerkschafter und Betriebsräte das - und stoßen 
bei Arbeitgebern meist auf taube Ohren. 

Umso erfreulicher scheint es, dassHugendubel jetzt wieder in größerem Umfang ausbildet.Wir brauchen junge Buchhändlerinnen und Buchhändler, verkündet neuerdings sogar unsere
Geschäftsleitung - und gibt sich gewohnt optimistisch. Das Problem ist nur:
How's that hopey-changey stuff working out for ya?

Völlig offen bleibt nämlich, wer dieser "wir" mit dem Bedarf an Arbeitskräftensein soll, 
wie lange er sie braucht und wozu er sie braucht. Was erwartet Auszubildende in einem Betrieb 
wie München, in dem es nun schon seit Jahren die übliche Praxis ist, nur noch zeitlich befristet
(d.h. maximal zwei Jahre) zubeschäftigen, und in dem während der letzten Monate nur noch ungelernte Aushilfen eingestellt wurden? 

Bis auf zwei sind in München alle unsere Kolleginnen und Kollegen aus den vorherigen Ausbildungsjahrgängen inzwischen weg. Ende 2017 erst musste die Letzte trotz guter Leistungen
das Unternehmen verlassen. Die Ausbildungsfalle schnappte zu, als es am Standort schon wieder
fast ein Dutzend neuer Auszubildender gab.

Mehr und mehr drängt sich der bittere verdaht auf, unser Arbeitgeber habe bei deren Einstellung 
bloß beabsichtigt, schnell mal kurz ein paar billige und willige Arbeitskräfte zu rekrutieren, 
ohne ihnen den erhofften Start ins Berufsleben wirklich zu ermöglichen. Kaum jemand aber
lässt sich in einem Beruf ausbilden, um ihn dann nur ein halbes Jahr ausüben zu können! 

Deshalb schuldet Hugendubel diesen jungen Leuten eine klare und ehrliche Antwort auf die
Frage, wie sie sich vor dem Hintergrund der augenblicklich betriebenenPersonalpolitik ihre 
Zukunft vorzustellen haben.

Bislang jedoch hören wir statt eindeutiger und verbindlicher Aussagen nur Ausreden und 
Ausflüchte.Wer seine Arbeit gut mache und seine Prüfung gut bestehe, heißt es immer,
habe eine reelle Chance - obgleich wohl treffender wäre: Du hast keine Chance,
aber nutze sie! 

Ansonsten sei man bemüht, könne nichts versprechen undmüsse abwarten. Doch haben wir 
während zweier Dezennien schon zu vielegehen sehen, denen genau das gesagt wurde, um 
nicht zu wissen, dass alldiese windelweichen und warmherzigen Willensbekundungen, mit 
denenAuszubildende bei uns vertröstet und abgespeist werden, keinen Pfifferling wert sind. 

In den vergangenen zehn Jahren kam es hier lediglich zu zweiunbefristeten Übernahmen. 
An die Stelle des Leistungsprinzips ist längst ein rigoroser Egalitarismus des Verschwindens
getreten. Wenn Ausbildung bei Hugendubel hingegen mehr bedeuten soll als Hire and Fire 
mit einem hauchdünnen Anstrich von Unternehmenskultur, so setzt dieswenigstens eine 
teilweise Rückkehr zu unbefristeter Vollzeitbeschäftigung voraus. 

In München haben Belegschaft und Betriebsrat auf ihrenVersammlungen deshalb wiederholt
eine Kurskorrektur gefordert. Natürlich braucht der Arbeitgeber keine Versprechen zu geben, 
die er angesichts der wirtschaftlichen Entwicklungen vielleicht nicht halten kann.

Aber sobald unsere Auszubildenden fertige Buchhändlerinnen und Buchhändler sind, muss er 
einen Plan haben - und rechtzeitig alle nötigen Vorkehrungen treffen, um in seinen Filialen 
möglichst viele von ihnen weiterhin und dauerhaft zu beschäftigen.

Eine angesehene Buchhandlung wie Hugendubel, die einen Ruf zu verlierenhat, täte daher gut 
daran, sich mit ihren Betriebsräten freiwillig auf Betriebsvereinbarungen zu einigen, in denen die Modalitäten der Übernahme von Auszubildenden entsprechend geregelt werden.

Denn der Raubbau an der Zukunft junger Leute durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse muss endlich aufhören - bei uns und überall.


Kommentare:

  1. Ich frage mich schon ein bisschen, warum hier im Blog jeder eine Meinung dazu hat, wenn der Arbeitgeber Taschen kontrollieren will, aber keine dazu, dass er junge Leute auf die Nudel schiebt. Ich habe selbst Kinder, und mir graut bei der Vorstellung, dass ihnen jemand so mitspielen könnte. Aber das scheint im Seniorenheim Hugendubel niemanden wirklich zu interessieren. Das Problem ist nur, dass Leute die sich sagen: Nach mir die Sintflut! sie genau deshalb meistens noch erleben.

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    1. Nudel schieben? Vermutlich keine eindeutige Zweideutigkeit, sondern Formulierfreude.
      Zur Sache! In unserer Filiale wird das Thema im Kreise der Jüngeren (U55 und so) durchaus diskutiert und mit Sorge erwartet. Was genau erwartest Du von den Seniorenheim-Mitarbeitern, die seit Jahrzehnten den gleichen Trott abspulen, am besten immer am gleichen Wohnort und immer in der gleichen Filiale? Daß sie sich opfern, die Abfindung nehmen und Platz lassen für die Jüngeren? Ich schaffe es nicht mehr, laßt mich zurück und zieht ohne mich in die goldene Zukunft? Sehr unwahrscheinlich.

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    2. Dass dir offenbar ein paar bayerische Slang-Ausdrücke nicht so ganz geläufig sind, ist verzeihlich. Dass du dich mit verbalen Äußerungen anderer offenbar generell ein bißchen schwer tust und trotzdem Kommentare dazu schreibst, schon weniger! Ich habe nämlich mit keinem Wort gesagt, dass irgendein Älterer einem Jüngeren den Arbeitsplatz freimachen soll. Ich habe gesagt, ich würde ein bisschen mehr Solidarität erwarten. Das heißt für mich, dass wenigstens ein paar Leute dazu eine Meinung haben, wenn junge Menschen derart verarscht werden, und diese Meinung auch sagen. - Nicht nur anonym im Blog, sondern auch dem Arbeitgeber auf Betriebsversammlungen! So lange, bis er Farbe bekennen muss, was er vorhat!

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  2. Das Gespenst hat mit dem, was es sagt, bestimmt Recht. Aber ein wichtiger Punkt ist bisher noch gar nicht vorgekommen. Man muss sich nicht nur Sorgen um die Azubis machen, sondern auch um Hugendubel selber. Es wird in unseren Filialen nämlich langsam, aber sicher zum Problem, dass wir eine Stammbelegschaft über 50 haben und alle, die jünger sind, so schnell wechseln, dass sie nur wenig Fachwissen und Erfahrung sammeln können, ehe ihre Befristungen auslaufen. Schon deshalb ist das für mich ein Thema, das uns alle angeht. Und ich hoffe, dass die JAV, die jetzt gewählt wird, wirklich den nötigen Biss hat und nicht locker lässt, um bei dieser wichtigen Sache zusammen mit unserem Betriebsrat etwas zu erreichen.

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    1. "Fachwissen"? Fachwissen ist eher zur Behinderung geworden. Das Sortiment 2.0. erfordert kein Fachwissen mehr, sondern bestenfalls eine Liebe zu Mangas und Trivialliteratur.

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