Donnerstag, 16. Mai 2013

Kommt uns bloß nicht mit Pizza

- oder das Sprachspiel und sein trauriges Ende


Jeder, der heute noch auf Genuß und Bildung hält, pflegt sich über das Fernsehen aufzuregen, weil selbst hoch- und höchstwertiger Filmkonsum dort ständig von Werbung unterbrochen wird. Philosophisch betrachtet ist dies - wie so vieles, was kultivierte Menschen tun - jedoch äußerst fragwürdig. Daß die Werbung dort ständig von anderen Sendungen unterbrochen wird, scheint von der Warte höherer Weltweisheit aus nämlich sehr viel ärgerlicher.

Wer den Geist unserer Zeit verstehen will, muß Werbung sehen. Nicht die Sportschau, nicht den Tatort auch nicht langweiliges und unwichtiges Bildungszeugs von Sloterdings und Konsorten, sondern einfach nur: die Werbung!
Denn man kann sagen: wenn wir Werbung sehen, konsumieren wir nicht. Unsere Aufmerksamkeit wird gezielt auf die Möglichkeit und die Bedeutung des Konsumierens selbst gelenkt. Attention! Interest! Desire!


Von hier aus ist es dann nur noch ein kleiner Schrittt zu ein paar eminent philosophischen Fragen, die uns tatsächlich umtreiben sollten: was ist der Mensch unter den momentanen herrschenden Lebens- und Arbeitsbedingungen? Was will er sein? - oder genauer noch: was ist aus ihm geworden, daß er so sein will?


Was aus uns geworden ist

Nehmen wir ein Beispiel aus der Fernsehwerbung, das auf diese Fragen einiges Licht wirft:
der junge Chef einer New-Economy-Klitsche, in der gerade die Mitarbeiter fieberhaft Nachtschicht schieben, bringt - weil dort ja alle prima Kumpel sind und er natürlich auch - seinen Mitarbeitern das Abendessen an den Arbeitsplatz. Die Pappkartons, mit denen man ihn aus dem Auto steigen sieht, verraten: es gibt Pizza.

Und erstaunlicherweise sind es nicht eigentlich fragwürdigen Dinge an dieser Geschichte - ist es weder die Klitsche noch die Nachtschicht noch der Ausbeuter noch die Ausbeutung (und auch nicht die Pizza aus dem Pappkarton), die hier beworben werden und dem Publikum erst mal halbwegs schmackhaft gemacht werden müssen, sondern - man kann es kaum glauben: das Auto, das der Ausbeuter fährt.

Alles andere findet der Zuschauer nach Dezennien kapitalistischer Gehirnwäsche offensichtlich ohnehin geil - und zwar so geil, daß er womöglich sogar ein Auto kauft, das ihm das Gefühl gibt, zu jener seltsamen communio sacramentorum getriebener Kreaturen (und Pizza-Konsumenten) zu gehören.

Der langen Rede kurzer Sinn: im Wertekanon des homo oeconomicus heutiger Prägung hat das Ideal obsessiver und exzessiver Selbstausbeutung seinen angestammten Platz - und medial wird alles Notwendige unternommen, daß es dabei auch bleibt. Der Mensch, so wird im suggeriert, braucht ja schließlich ein echtes Zuhause: seine Firma - und einen höheren Lebenszweck: den Erfolg seiner Firma!


Warum meine Firma meine Firma ist

Das bringt uns auf die Frage: seit wann ist das eigentlich "seine" Firma oder "unsere" Firma? - Eigentlich noch gar nicht so lange! Bis vor ein paar Jahrzehnten dominierte hier der nüchterne Blick auf die Eigentumsverhältnisse - und ein Arbeitnehmer, der von "seiner" oder "unserer" Firma sprach, hätte von seinem Chef wahrscheinlich so etwas zu hören bekommen wie: "Ich habe diese Firma aufgebaut, und deshalb ist das immer noch meine Firma."

Schließlich aber greift der Kapitalismus wie ein heranwachsendes Mädchen freudig nach allem, was der Schminkkasten so hergibt - und so verhalf er dem Sozialismus zu jenem letzten Sieg, der ihm im politischen Leben und wirtschaftlichen Treiben bis dato verwehrt blieb, nun schon mal im dazugehörigen Sprachspiel. Hier hat die Expropriation der Expropriateure quasi vorab ihre verbale Realisation erfahren.

Aus dem Arbeiter von einst ist der Mitarbeiter einer Firma geworden; und diese darf er jetzt - mit verklärtem Blick auf das teils operative, teil imaginäre Miteinander im Konkurrenzkampf aller gegen alle, die in anderen Firmen "Wir" sind und "unser" sagen - nicht nur die "seine" oder die "unsere" nennen, sondern er soll sogar. Identifikation ist angesagt: für die Firma - mit dem Namen - mit der ganzen Person!

Nicht mehr der "Wir"-Sager, der Flegel, der tut, als hätten alle zusammen schon mal Schweine gehütet, ruft bei den Chefs von heute Empörung hervor, sondern der potentielle Dissident, der ihnen sagt, die Firma, für die er arbeite, sei die "ihre" - und damit in rudimentärer Form so etwas wie Klassenbewußtsein signalisiert. Einer von den Ewig-Gestrigen also, der's noch immer nicht kapiert hat - was immer es auch sein soll, das er noch nicht kapiert hat!

Und auch für ihn hat die Sprache der Macht das passende Argument zur Hand: "Wir alle leben von dieser Firma, und deshalb ist das immer noch unsere Firma".


Weshalb sie es dann doch nicht ist

Man muß diese Aussage nicht weiter zerpflücken - das hieße, den ganzen Marx abschreiben. In ihrer vordergründigen Plausibilität hat sie etwas durchaus bestechendes - ja fast erdrückendes. aber stellen wir uns trotzdem einmal vor: ein Chef, der gerade einem seiner Mitarbeiter gekündigt hat, erhielte zur Antwort: "Geht gar nicht! Das ist ja immer noch meine Firma!"

Ob solcher Anhänglichkeit entweder peinlich berührt seine Schuhspitzen betrachtend oder seine Finger nachzählend und feststellend, daß es nach wie vor zehn sein müßten, käme er nicht umhin seinem Gegenüber die schmerzliche Wahrheit zu eröffnen, die da lautet: "Tut mir leid, jetzt ist es nicht mehr deine Firma."

Hier nimmt das Sprachspiel sein trauriges Ende! - und mancher, der am einen Tag noch mit leuchtenden Augen von "seiner" Firma sprach, musste schon am nächsten Tag feststellen, dass er sich für selbige umsonst den ... aufgerissen hat. - Das Los des abhängig Beschäftigten!

Wer nun denkt, dies sei ja wohl mehr als trivial, hat zwar völlig Recht. Völlig Recht zu haben, reicht aber leider nicht. Man muss im entscheidenden Moment, statt sich den ... aufzureisseen, den Mund aufmachen - und zwar nicht, um von wohlmeinenden Chefs spendierte Snacks einzuwerfen, sondern um ihnen, wenn's auch weh tut, so etwas zu sagen wie:

Kommt uns bloß nicht mit Pizza!



Jürgen Horn


Kommentare:

  1. Einige Beiträge zurück wurde ausgiebig über Essensgeld diskutiert (übrigens eine Sache aus den Boom-Jahren des Einzelhandels). / - Eigentlich kann man doch dann froh sein, wenn statt Essensgeld das Essen direkt vom Arbeitgeber an den Arbeitsplatz geliefert wird.(Man braucht nicht einkaufen und spart zu Hause auch noch Strom)
    **Ironiemodus aus

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  2. Brillant analysiert und eine, wenn auch bittere, Lesefreude.

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  3. Lieber Kollege Horn,

    ein kluger, ein nachdenklich machender, aber wie bereits ein erwähnt, auch ein sehr bitterer Text. Ihn sollten all jene lesen, die aus Angst oder falsch verstandener Loyalität (denn "unsere" Firma ist zu uns schon längst nich mehr loyal), dann, wenn es darauf ankommt, "unsere" Interessen zu vertreten (Betriebsversammlung,Demo,Warnstreik) ihren Kolleginnen und Kollegen dabei immer wieder in den Rücken fallen.

    Ansonsten, lieber Kollege Horn, freue ich mich schon auf deinen nächsten Beitrag. Es gibt in diesem Blog so viele sehr gute Texte, daß man traurig wird, wenn man daran denkt, was für Ressourcen der in dieser Firma Beschäftigten achtlos weggeworfen werden, um sie durch stupide Maschinenprogramme zu ersetzen.

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  4. Was hier über "unsere Firma" gesagt wird und wie aus dem "Arbeiter" ein "Mitarbeiter" wurde: einfach brillant. Nicht zuletzt wegen solcher Artikel schaue ich regelmäßig in den Blog. Danke!

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