Donnerstag, 11. Oktober 2012

Interessante Zeiten?

Zum Tode des Historikers Eric Hobsbawm

"Interesting Times", "interessante Zeiten" nannte der britische Historiker Eric Hobsbawm seine 2002 erschienene Autobiographie. Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Denn der Titel ist eine sehr  hintergründige Anspielung auf einen chinesischen Fluch: "Ich wünsche Dir, in einer interessanten Zeit zu leben!" Für die Chinesen, die die Harmonie über alles liebten, waren interessante Zeiten mit Hunger, Not, Elend und Krieg verbunden. Der deutsche Titel "Gefährliche Zeiten" trifft zwar besser den Sinn, enthält aber nicht die doppelbödige Lakonie des Originals. Wer als Historiker auf vergangene Zeiten zurückblickt, für den sind politische, soziale und ökonomische Umwälzungen spannend zu beobachten, zu beschreiben und zu analysieren. Wer als Mensch in der Zeit davon direkt betroffen ist, sieht das freilich etwas anders.
Hobsbawm war beides: Subjekt als Universalhistoriker der Neuzeit, Objekt als Mensch des ziemlich gewalttätigen 20. Jahrhunderts. Wer war Hobsbawm?

Hobsbawm war  - im doppelten Wortsinne - einer der wichtigsten Historiker des 20. Jahrhunderts.
Er stammte aus einer jüdischen Familie und wurde 1917, im Jahr der Oktoberrevolution, in Alexandria in Ägypten als Sohn des britischen Kolonialbeamten Percy Hobsbaum und der Wiener Kaufmannstochter Nelly Grün geboren. Der Standesbeamte im Britischen Konsulat machte aus Hobsbaum (ursprünglich: Obstbaum) irrtümlich Hobsbawm. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Wien und Berlin. 1927 erlebte er als Schüler in Wien den Brand des Justizpalastes, 1933 in Berlin den Tag der Machtübernahme durch die Nazis. 1934, nach dem Tod seiner Eltern zog der 17-jährige Hobsbawm mit seiner Schwester Nancy zu seinem Onkel nach England.

Er las früh die Schriften von Marx, wurde Kommunist und blieb es sein Leben lang. Nach einem Studium in Cambridge und Militärdienst während des Zweiten Weltkrieges schloß er seine universitäre Ausbildung mit einer Doktorarbeit über die frühsozialistische Bewegung der Fabian Society, einer Vorläuferin der Labour Party ab. Er schrieb auch sozialgeschichtliche Studien über Banditen, Sozialrebellen und - Jazz.
1936 trat er der Kommunistischen Partei Großbritanniens (C.P.G.B.) bei und gehörte zusammen mit Christopher Hill und E.P. Thompson der Communist Party Historians Group an. Seit 1947 war Hobsbawm Dozent am Birkbeck College, später hatte er eine Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der University of London. Trotz Anfangshürden gelang ihm damit eine akademische Karriere, die für einen marxistischen Historiker im antikommunistischen Westdeutschland der Nachkriegszeit undenkbar gewesen wäre.

Schon 1962 veröffentlichte er den ersten Teil seines zentralen vierteiligen Werks, The Age of..., nämlich The Age of Revolutions. Die weiteren drei Teile erschienen 1975 (The Age of Capital), 1987 (The Age of Empire) und 1994 (The Age of Extremes). Ein Gesamtüberblick über seine vielfältigen thematischen, methodischen und theoretischen Schriften würde diesen Rahmen sprengen.

Eric Hobsbawm starb am 1. Oktober 2012 im Londoner Royal Free Hospital im Alter von 95 Jahren an einer Lungenentzündung.

"Interesting Times" nannte Eric Hobsbawm den Rückblick auf sein bewegtes und interessantes Leben.
Es ist zu befürchten, daß auch wir jetzt und in der Zukunft durch interessante und gefährliche Zeiten steuern müssen. Das Werk von Eric Hobsbawm kann  für uns ein Kompass auf dieser Fahrt sein.





Kommentare:

  1. "gelang ihm damit eine akademische Karriere, die für einen marxistischen Historiker im antikommunistischen Westdeutschland der Nachkriegszeit undenkbar gewesen wäre."

    Diesen Satz kann ich nur unterstreichen. Sozialgeschichte und Arbeiterbewegung als Gegenstand akademischer Forschung war in Westdeutschland fest in der Hand sozialdemokratischer Historiker-Mandarine wie Werner Conze, Helga Grebing, Gerhard A. Ritter, Heinrich August Winkler oder Jürgen Kocka (auch wenn letzterer vor einigen Jahren in Bochum auf Hobsbawm eine Laudatio hielt). Diese Position konnte man auch in Institutionen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung oder auch der Hans-Böckler-Stiftung beobachten. Alles, was links von der SPD war, wurde ausgegrenzt.
    Linksozialismus, Anarchismus, Rätekommunismus fand nur an der Peripherie oder ganz außerhalb der Universitäten statt. Eine Karriere konnte man sowieso ausschließen. Darin unterschied sich die prinzipiell konservativere Geschichtswissenschaft von Politologie, Soziologie und Philosophie der sechziger und siebziger Jahre.

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