Montag, 9. Januar 2017

Platon in Bagdad

Lektüre-Empfehlungen von Infoblog-Autorinnen und Autoren für 2017




Platon in Bagdad als Buch 



Zwischen den Jahren bat die Infoblog-Redaktion Autorinnen und Autoren um kurze und prägnante Lektüre-Empfehlungen, sei es, dass es lesenswerte Titel im vergangen Jahr gewesen sind, sei es, dass es wichtige Titel für das kommende Jahr werden können.
Vorhang auf!


Ich empfehle


von John Freely Platon in Bagdad und Licht im Osten von Peter Frankopan allen, die vom christlichen Abendland faseln, damit sie vielleicht erkennen, daß das Fundament des Abendlandes die (heidnische) Antike ist, deren Schätze großteils von islamischen Gelehrten überliefert wurden, die in Gesellschaften lebten, die um einiges moderner gewesen sind als das, was da zur selben Zeit unter dem christlichen Kreuz gekreucht und gefleucht ist.




Licht aus dem Osten als Buch 


Ich empfehle

zwei Bücher zum Thema Kreuzzüge, weil die Wahrnehmung Europas in der arabischen Welt bis heute sehr stark von diesem wahnsinnigen religionsimperialistischen Projekt geprägt ist, das von christlichen Haßpredigern wie Bernhard von Clairvaux, venezianischen Geschäftemachern und machtgierigen Adeligen vorangetrieben wurde: die sachlich-historiographische Studie Der Kampf ums Paradies von Paul M. Cobb und die bereits vor einem halben Jahrhundert cum ira et studio geschriebenen Bewaffneten Wallfahrten gen Jerusalem des Autors, Übersetzers, Musikers und Kirchenkritikers Hans Wollschläger, der über Leute, die die Kirchen als letzte Aufklärer anpreisen und Voltaire den gefräßigen Bischofsmägen einverleiben wollen, nur ungläubig den Kopf geschüttelt hätte.








Der Kampf ums Paradies als Buch 







Ich empfehle


ganz klassisch Die Tragödien von Aischylos, weil darin sein Drama Die Schutzflehenden enthalten ist. welches  - wiederum ganz aktuell -  zur Grundlage eines berührenden Theaterstückes von Elfriede Jelinek geworden ist.





 









 
Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen (Aischylos / Elfriede Jelinek)






Ich empfehle


im Luther-Jubiläums-Jahr zwei Biographien über Luthers Zeitgenossen, den Theologen und Sozialrevolutionär Thomas Müntzer, der im Gegensatz zu Luther nicht für christlichen Antijudaismus und die Begründung einer obrigkeitshörigen Kirchentradition steht, sondern für die Befreiung der Bauern d.h. aller Menschen. Ein Schicksal, das die katholischen Befreiungstheologen Lateinamerikas erst vor wenigen Jahrzehnten ebenfalls mit Müntzer geteilt haben: Lehrverbot durch eine reaktionäre Kirchen und Ermordung durch die Todesschwadronen von Diktatoren, weil sie dasselbe wollten wie Müntzer: "Neu Ordnung machen in der Welt!"


Thomas Müntzer als Buch










Thomas Müntzer als Buch










Ich empfehle


zwei Musik-CDs: eine  mit Brecht-Songs der wohl besten Interpretin seiner Lieder, der kürzlich verstorbenen Gisela May sowie die CD der Berliner Rapperin Lena Stoerfaktor, die vermutlich sowohl Brecht wie auch May gefallen hätte, wenn sie singt: "... der Freiraum in den Köpfen schafft den Freiraum auf der Straße..."





Brecht-Songs Mit Gisela May als CD













Die Infoblog-Redaktion dankt allen Autorinnen und Autoren für die Lektüre-Empfehlungen!


Wer selber ein gutes Buch empfehlen möchte, kann dies gerne tun und einfach eine Mail schicken an:


hugendubel.verdi@yahoo.de





Kommentare:

  1. Ich habe in meinem Beitrag "Im Katzenjammer der Globalisierung" tatsächlich gesagt: "Europas letzte Christen scheinen die letzten Aufklärer zu sein" - Ich sagte dies jedoch, wie sich unschwer erahnen läßt, nicht im Hinblick auf die Kreuzzüge, die ja nun schon ein wenig zurückliegen, sondern vor allem auf die Äußerungen heutiger "gefräßiger Bischofsmägen" zum Thema Asylrecht und Migration sowie die Äußerungen des Papstes zur Ungleichverteilung von Reichtum. Und ich bleibe dabei, dass sie sich hierin wohltuend von allen abheben, die uns augenblicklich ihren Fremdenhaß als Laizismus, Demokratie, Feminismus, marxistische Religionskritik oder ähnliches verkaufen wollen. Für mich ist Rassismus Rassismus, egal mit welchem Heiligenschein er daherkommt.

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    1. Wer Demokratie, Laizismus, Feminismus und marxistische (sic!) Religionskritik mit Fremdenhaß gleichsetzen möchte, scheint in der Tat einige grundsätzliche Dinge nicht verstanden zu haben. Im übrigen bezog sich Wollschlägers Kirchenkritik keineswegs nur auf die Kreuzzüge, wie in seinem Buch "Die Gegenwart einer Illusion" nachzulesen ist.

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    2. Ich weiß zwar nichts über Wollschlägers Illusionen. Aber offensichtlich hat "Feuerbach" nicht verstanden, was der Unterschied zwischen Identifizieren und Differenzieren ist.
      Natürlich sind Feminismus, Laizismus u.s.w. nicht gleichzusetzen mit Rassismus. Aber man kann sie zu seiner Rechtfertigung missbrauchen - und tut es. Oder anders gesagt: die Dinge sind nicht immer, was sie zu sein scheinen.

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    3. Wenn Du von einer Sache oder Autor nichts verstehst, dann wäre es sinnvoll, v o r h e r mal nachzuschlagen, bevor Du Deine Kommentare raushaut. Wollschläger hatte im Gegensatz zu Dir keine Illusionen, was Religionen (Plural) angeht, und weil es ihm um die Gegenwart ging, nannte er sein Buch nicht wie Freud "Die Zukunft einer Illusion" sondern eben "Die Gegenwart einer Illusion".

      Religionsfreiheit bedeutet Freiheit der Ausübung einer Religion als allgemeines Menschenrecht; sie bedeutet aber auch Freiheit von jeder Religion und die Möglichkeit zur Kritik an jeder Form von Religion. Das scheinen manche noch nicht kapiert zu haben, die ihre Religion als Aufklärung und Voltaire in ihren Kichenverein eigemeinden wollen.
      Voltaire würde dazu sagen: Ecrasez l´infame!

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    4. Aufklärung? Voltaire? Habt ihr schon vergessen, wer vor kurzem noch für den Kirchenfilter auf dem Hugendubel-Onlineshop verantwortlich gewesen ist, der linke, kirchenkritische, erotische und schwul-lesbische Titel unterdrückt hat?

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    5. Was der erste Kommentator da an Unterstellungen verbreitet ist eine Frechheit. Die Empfehlung im Blog-Artikel weist auf zwei wichtige Veröffentlichungen zum Thema Kreuzzüge hin, die einiges zum Verständnis des Bildes vom Westen im Orient beitragen, wobei das Wollschläger-Buch aus einer religionskritischen Haltung heruas geschrieben wurde. So what? Ich verstehe überhaupt nicht, wo sich hier "hinter Laizismus etc." Fremdenhass verstecken soll.

      Danke auch für den Hinweis auf die beiden Bücher von Frankopan und Freely, welches ich gerade mit Begeisterung begonnen habe zu lesen.

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    6. Lieber Feuerbch,

      es ist mir eine große Ehre mit Voltaire das Schicksal zu teilen, dass meine Worte aus dem Zusammenhang gerissen werden. Mir ging es nicht darum jemenden einzugemeinden, sondern vor allem um die Feststellung, dass moderne "Kreuzzüge" wie z.B. der Überfall auf den Irak anders als früher nicht mehr im Namen Gottes, sondern der Demokratie und demokratischer "Werte" geführt werden - ebenso wie momentan viele Europäer ihre populistische und nativistische Ausgrenzungspolitik mit dem Alibi-Ideologem einer imaginären Identitätskultur rechtfertigen. Die Interessen, die dahinterstecken, sind freilich in erster Linie wirtschaftlicher und politischer Natur. Um das zu durchschauen, bedarf es jedoch einer radikaleren Ideologiekritik, als sie im Augenblick geübt wird. Eine gegen den Islam gewendete Religionskritik würde sich hingegen eher kontraproduktiv auswirken. Der langen Rede kurzr Sinn: lies einfach Marxens Kritik an der Hegelschen Rechtsphilosophie über die Stelle, wo es heisst "Religion ist das Opium des Volkes", noch ein paar Seiten hinaus - und du wirst restlos verstehen, was ich meine.
      P.S. Dass meine Haltung als "Frechheit" aufgefasst wird, ist mir übrigens eine noch größere Ehre. Ich habe mit nichts anderem gerechnet.

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    7. Richtig, Jürgilein! Damit aus der Sache ein Schuh wird, solltest du nur vielleicht noch dazu sagen, dass die wirtschaftlichen und politischen Interessen, von denen du sprichst, ganz bestimmt nicht die der Mehrheit, sondern die der Reichen und der Herrschenden sind. Und das sind genau die, die wahrscheinlich durch ihre Medienmacht dafür sorgen, dass die anderen lieber über irgendwelchen Religionsquatsch, Aufklärungsquatsch, Voltairequatsch, Kulturquatsch Kreuzzugs- und Kopftuchquatsch diskutieren als über die Verbesserung ihrer soziale Situation. Das müsste dann eigentlich auch der Dümmste kapieren, sieht nur leider im Augenblick nicht danach aus.

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    8. Stimme Dir zu, Anonym 20:20 Uhr!
      Es ist jeder Zustand zu kritisieren, in dem Ausbeutung und Unterdrückung herrschen. Und zwar nicht nur zu kritisieren, sondern auch dagegen aufzustehen. Die Wahrheit liegt nicht in irgendwelchen Wortklaubereien und Spiegelfechtereien, sondern wird sichtbar, wenn der Kampf beginnt. Dann - und nur dann - kann man sehen, wer solidarisch und kämpferisch ist - und wer als bloßer Schwadroneur sich mit faden Ausreden verpisst und aus dem Staub macht, wenn es brenzlig wird. Wer Everybodies Darling sein will, wird schnell zu Evyerbodies Ars.... Das stammt nicht von Brecht, sondern von F.J. Strauß, stimmt aber trotzdem.

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    9. Der Text von Marx zu Hegels Rechtsphilosophie ist glasklar. Wer danach noch immer Gott/Göttern und ihren jeweiligen Pfaffen hinterherläuft, dem ist halt nicht zu helfen. Dass es letzten Endes um die Kritik der Politischen Ökonomie geht ist eh klar.

      Anstatt in Marxens Text nach Hintertürchen und Hintertreppchen zu suchen (die es dort nicht gibt), um sich irgendwie heraus zu winden, sollte man sich der Grundfrage stellen, nämlich ob man es mit Karl oder Reinhard M. hält. Auf beiden Hochzeiten gleichzeitig tanzen geht nicht. Alles andere ist lebenslanger Selbstbetrug.

      Ich stimme außerdem Anonym 19.26 ausdrücklich zu, wenn er/sie die Schönschwätzer anspricht, die sich verdrücken, wenn es ernst wird. Alles schon erlebt, auch bei Hugendubel.

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    10. Der falsch verstandene Anonym vom 11.01 um 20.20Donnerstag, 12. Januar 2017 um 21:50:00 MEZ

      Ach ja! Und die aktionistischen Heroen sind die, die einem anderen erst das Wort im Mund herumdrehen, um ihm dann unter dem Schutz der Anonymität mit ihrem angestaubten Wollschläger eins auf die Mütze zu geben? So, ihr Helden, und nun zu dem Text von Marx! Da steht: "Es ist die Aufgabe der Philosophie, die im Dienst der Geschichte steht, nachdem die Heiligengestalt der menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven." Genau das hat er gemeint, wenn er von den profanen Kreuzzügen spricht, die heute ohne religiösen Überbau geführt werden. Mit Spiegelfechterei oder Wortklauberei oder Drückebergerei oder Selbstbetrug hat das überhaupt nichts zu zun, sondern mit klarem Denken.

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    11. Ich fürchte, das Pseudonym "Feuerbach" ist hervorragend gewählt, zumindest was die Frage betrifft, ob sein Benutzer im einundzwanzigsten Jht angekommen ist. Wenn nämlich die Kreuzzüge des einundzwanzigsten Jhts. nach innen (gegen Migranten) und nach außen (gegen sog. Schurkenstaaten) nicht mehr im Namen Gottes, sondern irgendwelcher säkularen Ideologien geführt werden, ist es folgerichtg, dass die Initiatoren und Agitatoren dieser modernen Kreuzzüge nicht mehr im Klerus, sondern in Politik und Medien zu finden sind. Wenn also heute jeder Priester seinen Weihwasserwedel gegen einen Wollschläger eintauschen würde, wäre kein einziges unserer politischen und sozialen Probleme gelöst. Diese Feststellung eures Kollegen hat nichts mit falschem Bewußtsein zu tun, sondern ganz einfach, schlicht und ergreifend damit, dass man wissen sollte, wer der Feind ist, ehe der Kampf beginnt. Because we have 2011, liebes totes Spukgespenst Feuerbach!

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    12. Bislang war ich der Überzeugung, dass die Bedeutung eines Textes aus der Qualität seiner Gedanken resultiert, aber anscheinend ist das Erscheinungsdatum entscheidend. Der aktuellste Autor des 21. Jhd., nämlich Marx (Karl, nicht Reinhard) hätte mit seinem Geburtsdatum 1818 dann natürlich schlechte Karten, von den Vorsokratikern ganz zu schweigen.

      Das mit dem "Gespenst, das in Europa umgeht" ist auch so eine Sache. Gespenster sind manchmal lebendiger als man glaubt.
      Und da Du soviel Wert darauf legst up to date zu sein: wir befinden uns nicht im Jahre 2011 wie Du schreibst, because we have 2017.

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    13. Daß moderne Kreuzzüge anders geführt werden als vor 1000 Jahren ist eine Binsenweisheit. Wenn man alle Verhältnisse umwerfen will, in denen der Mensch ein geknechtetes Wesen ist, dann gehört zu dieser Knechtschaft eben auch die Religion.
      Deshalb bringt Marx in der Einleitung zur Hegelschen Rechtsphilosophie noch vor der "Kritik der Politik" die "Kritik des Himmels". Und diese Gretchenfrage, nämlich wie hältst du es mit der Religion, um die drückst Du Dich.

      Und zum anderen Punkt: nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten sollt ihr sie erkennen, schreibt so schön der Evangelist. Recht hat er! Und das hat nichts mit "Aktionismus" zu tun, sondern mit Solidarität und Wahrhaftigkeit.

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    14. Eine inzwischen noch GelangweiltereSonntag, 15. Januar 2017 um 18:10:00 MEZ

      Sorry, ich hab mich bei der Jahreszahl tatsächlich vertippt. Aber wenn ihr Jungs in 2011 ankommen würdet, wäre das auch schon was wert. Wenn ihr dann auch noch besser lesen könntet, was bei Texten auch entscheidend sein kann, einfach Zucker! Ich hab nämlich nicht gesagt, der alte Marx passt nicht mehr in die Zeit oder "das Gespenst des Kommunismus", ich meinte unser Gruselgespenst "Feuerbach" mit seinem Crash-Kurs in Marxismsus, für das alles, was es vorher anscheinend nicht geschnallt hat, nachher eine Binsenweisheit ist.
      Oder gehört ihr selber zu irgendsoeiner abgefahrenen Sekte, die an Wiedergeburt glaubt, dass das für euch dasselbe ist?

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  2. Interessant der Hinweis auf Müntzer; das dürfte im Jubel-Reformations-Jahr ziemlich untergehen, auch wenn nun mit einer kommentierten Ausgabe von Luthers Hetzschrift (Hrsg. von M. Morgenstern/ Geleitwort des EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm) sowie der Studie "Luthers Juden" des Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann zwei wichtige Schriften vorliegen. Der christliche Antijudaismus als Vorstufe des rassistischen Antisemitismus ist m.E. Erachtens von den Kirchen immer noch nicht richtig aufgearbeitet worden.

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    1. Das Buch über Müntzer aus dem Beck-Verlag ist nicht neu. Es wird also nicht erst im Reformationsjubel untergehen, sondern ist schon vorher im allgemeinen Leckmichamarsch untergegangen.

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    2. Ich lach mich weg! Das Volk der Richter und Henker, dessen Justiz die Nazi-Mörder laufen bzw. in Amt und Würden gelassen hat, dessen Polizei gleich nach dem Krieg in München schon wieder auf jüdische Demonstranten schießen wollte, dessen Regierung sich noch heute vor der Verantwortung für den Völkermord in Namibia drückt, soll sich bei der Aufarbeitung seines Rassismus aufs christliche Mittelalter konzentrieren? Echt geil!
      Da ist man wenigstens vor Schadensersatzforderungen sicher - und im Zweifelsfall bitte an den Vatikan wenden! Über unsere brennenden Asylantenheime und Tausende von Juden, die augenblicklich aus Europa nach Israel emigrieren, weil sie sich hier nicht mehr sicher fühlen, können wir dann ja demnächst in 500 Jahren reden!

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    3. Niemand behauptet, dass man sich bei der Aufarbeitung des Rassismus auf das Mittelalter konzentrieren oder andere Epochen vernachlässigen solle; wie im Blogartikel angedeutet, gehört dazu der christliche Antijudaismus, aber auch obrigkeitshörige Traditionen wie man sie bei evangelikalen Strömungen oder der Bekämpfung der Befreiungstheologie durch die katholische Kirche sehen konnte. Aber eine Figur wie Müntzer könnte ein Anknüpfungspunkt sein, um über Befreiungspotentiale nachzudenken, die in jeder Religion auch enthalten sein könnten.

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  3. Übrigens: Wenn wir schon mal beim Aufarbeiten wichtiger Beiträge zum rassistischen Antisemitismus sind, könnten wir gleich auch noch ein paar zeitlich näherliegende aufarbeiten: z.B. den der Karikaturisten in Satiremagazinen von The Punch bis Charlie Hebdo oder die rassistische Interpretation der Darwinschen Evolutionstheorie durch namhafte englische und deutsche Ärzte und Anatomen, die Phrenologie und Charakterkunde, Theosophie und Psychoanalyse, die antijüdisch eingefärbte Propaganda (auch der Sozialdemokraten) gegen die Bayerische Räterepublik (inklusive der zwar nicht den Antisemitismus, aber den Rassismus überhaupt betreffenden Frage, warum Eugen Leviné, der halt auch irgendwie ein Kind seiner Zeit war, es so besonders schrecklich fand, dass bei deren Zerschlagung angeblich auch Schwarze eingesetzt worden sein sollen) u.s.w., u.s.f. Im Vergleich zu alledem ist der Antijudaismus der Kirchen wahrscheinlich sogar ein gut beackertes Feld.

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    1. Du magst der Liste der aufzuarbeitenden Antijudaismen gerne den der Neubürger aus dem "Orient" hinzufügen, schließlich ist von diesem fiktiven Raum gleich in den ersten beiden Buchempfehlungen die Rede. Wenig verwunderlich dass Menschen, die mit Arafat-Verehrung, Hamas-Lügen und panarabischer Propaganda groß geworden sind, Anti-Israelismus mit Antijudaimus verwechseln oder gleichsetzen. Weniger verständlich ist mir das bei Menschen aus der ach so proeuropäischen Türkei. Gleichwie dürfen wir diese Stimmungen und Tendenzen nicht hinnehmen. Und diese Aussage gönne ich mir auch als Angehöriger des Volks der Richter und Henker.

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    2. Woran sich die Frage anschließt, warum sich ausgerechnet eine am Islam geübte Religionskritik "eher negativ auswirken" sollte? Ist das nicht ein bisschen zu wohlmeinend-paternalistisch gedacht? Marx ausgerechnet denjenigen vorzuenthalten, die von ihm profitieren könnten?

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  4. Eigentlich wollte ich ja "Feuerbach" und "Anonym" keinen Anlass geben, nochmal ihre Phrasendreschmaschine anzuschmeissen. Aber auf die Gefahr, dass ich jetzt gleich verdächtigt werde, ein auf drei Hochzeiten tanzender Derwisch vom papistisch-lutherischen Flügel des Islamischen Kalifats zu sein, möchte ich die Antwort auf diese Frage nicht schuldig bleiben. Sie lautet kurz und grob gesagt: weil Islamkritik unter den augenblicklichen Bedingungen - "im Katzenjammer der Globalisierung" - ein verlogenes Kulturkampf-Ideologem im Wirtschaftskrieg der Reichen gegen die Armen wäre.
    Man sollte zwei Formen der Religionskritik unterscheiden. Ich kann zu einem sagen: du bist dämlich, weil du an Gott glaubst, obwohl es keinen gibt. Er wird antworten: du bist dämlich, weil du an keinen Gott glaubst obwohl es einen gibt. Ich könnte das Ganze noch wissenschaftstheoretisch oder freudianisch untermauern - und er würde antworten: das beweist gar nichts. All diese Varianten, die letztlich auf eine Pattsituation hinauslaufen, wie sie auch bei der Frage nach der wahren Religion (s. Lessings Ringparabel) entsteht, haben eines gemeinsam: man kann sie (was seinerzeit übrigens auch Wollschläger vorgeworfen wurde) "vorsoziologisch" nennen.
    Denn es gibt eine andere Sicht, bei der Gottes- und Glaubensfragen (das sage ich, damit "Feuerbach" und "Anonym" was zu nörgeln haben!) letztlich egal sind. Ihr ist Religion ein gesellschaftliches und politisches Phänomen: "der Seufzer der bedrängten Kreatur ... das Opium des Volkes." Sie zielt daher auf die Ursachen der Religiosität und ist - ganz wesentlich! - verbunden mit dem Versprechen einer Verbesserung konkreter Verhältnisse. So sagt Marx: "Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks." Dieses "wirkliche Glück" hat er damit der Arbeiterklasse vor Augen gestellt, um zu sagen: es ist da, wir müssen nur danach greifen!
    Seine Botschaft konnte überall, wo sie angekommen ist, also deshalb ankommen, weil ihre reale ökonomische Basis (in den Produktionsbedingungen) sichtbar war. In der "islamischen Welt" von heute ist das - hauptsächlich dank westlicher Interventionspolitik - ein nicht ganz so klarer Fall. Versuche einem Islamisten, der seine Religion als alternative Sozialutopie zum Wirtschaftsimperialismus eines "gottlosen" Westens versteht, zu erklären, er könne durch die Abkehr von ihr seine gegenwärtige Lage verbessern! Er wird vermutlich jedem mit erhobenem Mittelfinger antworten: Schickt dich Uncle Sam? Dann hau ab und sag ihm, er soll aufhören, uns platt zu bomben! Das würde meine Lage verbessern.
    Damit will ich kein Apologet des Islamismus sein, sondern nur aufzeigen, dass er samt inhärenter Gewaltstrukturen letztlich als Analogon zu den irreligiösen Kreuzzugsideologien des Westens zu sehen ist. Das aber heisst: jede Islamkritik, die momentan im Westen geübt wird, macht sich schuldig, wenn sie nicht zugleich eine klare Perspektive auf die Verbesserung wirtschaftlicher und politischer Verhältnisse enthält - und das bedeutet unter Globalisierungsbedingungen: nicht nur der Verhältnisse in den Ländern, sondern auch zwischen den Ländern. Sie muss aus meiner Sicht mit der Hegemonie eines internationalistisch orientierten Sozialismus einhergehen, der sich dem Problem weltweiter Ungleichheit (s. Migrationsdruck) stellt, statt geistig Ärmeren wie der AFD die Butter vom Brot klauen zu wollen.

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  5. Hallo Jürgen, schön, dass du anerkennst, dass der Islam wesentlich eine politische Dimension beinhaltet.
    Auf der Grundlage dieser Einsicht lässt sich nämlich viel besser einschätzen, welche Folgen der Kontakt mit dieser Religion für alle hat, die mit ihr freiwillig oder unfreiwillig in Berührung kommen.
    Der von dir angeführte Islamist würde auf deine Vorschläge für die "Hegemonie eines internationalistisch orientierten Sozialismus ... der sich dem Problem weltweiter Ungleichheit (s. Migrationsdruck) stellt" sicherlich in ganz ähnlicher Weise reagieren, wie er eben alles negiert, was nicht seiner islamistischen Ideologie entspricht; so wie du es selbst in Bezug auf einen säkularen Argumentationsversuch ja auch schon skizziert hast.
    Ein Islamist wird hingegen die soziale Gerechtigkeit immer auf seine eigene Weise zu verwirklichen suchen. Durch den Verzicht auf Zinsen (Riba) und durch Almosen (Zakat), im Wohlfahrtsstaat (Bayt al-mal), untrennbar verbunden mit allen anderen Grundsätzen der Scharia, wie sie beispielsweise in so attraktiven Staaten wie Iran, oder Saudi-Arabien bereits verwirklicht sind
    Das, lieber Jürgen,sind in sich geschlossene Systeme, in denen du mit deiner Auffassung von Menschenrechten und sozialen Ideen nicht so leicht Fuß fassen würdest, mit denen man sich aber aufgrund der inhärent politischen Verfasstheit des Islams auch hierzulande mehr und mehr wird auseinandersetzen müssen.

    Und noch ein Wort zu Schaumwollschlägers Einlassung, "Natürlich sind Feminismus, Laizismus u.s.w. nicht gleichzusetzen mit Rassismus. Aber man kann sie zu seiner Rechtfertigung missbrauchen - und tut es. Oder anders gesagt: die Dinge sind nicht immer, was sie zu sein scheinen."
    Dass nicht immer das drin ist, was draufsteht, gilt selbstverständlich auch für die linke Seite. Dann wird sofort klar, dass Frauenrechte und Aufklärung zugunsten einer fragwürdigen Auffassung von gedeihlichem Zusammenleben (nämlich via Selbstaufgabe) von Teilen der Linken schon lange nicht mehr ernstgenommen, sondern zusehends zu (einem falsch verstandenen Multikulturalismus untergeordneten) Etiketten marginalisiert werden. So wird man den Rechten kein Paroli bieten können, da muss erst einmal Selbstkritik und anschließend eine klare Positionierung erfolgen.

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  6. Da hast du völlig Recht - und es freut mich wirklich sehr, dass sich endlich mal jemand sachlich mit mir auseinandersetzt. Meine Hoffnung allerdings ist schon die, dass der Islamismus auch künftig nicht die einzige politische Kraft in den arabischsprachigen Ländern sein wird. Denn ich glaube nicht, dass "geschlossene Systeme" auf Dauer überlebensfähig sind. Alternativen gibt es und gab es ja in der Vergangenheit auch schon - und vor allem auch sie wurden vom Westen als Schurken und Satane verteufelt und bekämpft.

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