Montag, 23. Januar 2017

"Kunst macht sichtbar, was sonst nicht zu sehen ist"

Strafbefehl für den Künstler Wolfram Kastner wegen Anti-Nazi-Aktion



Politische Kunst ist in der BRD eher selten. Zu den wenigen Künstlern, die dezidiert politische Kunst machen, gehört der Maler, Zeichner, Photograph, Installations- und Objektkünstler Wolfram P. Kastner.  Er macht Kunst, wie auf seiner Homepage zu lesen ist, "die stört und sich einmischt; Kunst, die sichtbar macht, was sonst nicht zu sehen ist". Bekannt geworden ist er mit Interventionen im öffentlichen Raum wie der Brandstelle auf dem Rasen des Königsplatzes in München als Ort der Bücherverbrennung oder einer Erinnerungs-Aktion an das Konkordat der Kirche mit den Faschisten.

Seine Interventionen nehmen den Begriff wörtlich:  intervenire als Dazwischengehen, und wenn es sein muß auch als Dazwischenhauen. Seine Kunst provoziert Nachdenken und Diskussion, nicht selten auch Widerspruch, Verbote und Strafanzeigen. Solche Kunst eignet sich nicht zur Dekoration von Konzernzentralen und mit ihr macht man sich erst recht keine Freunde im Staatsapparat, vor allem, wenn der sich in Bayern befindet.

So auch bei Kastners jüngster Kunstaktion gegen eine immer noch existierende Gedenkstätte für den Nazi-General Jodl auf der Fraueninsel im Chiemsee, für die ihm die bayerische Justiz einen Strafbefehl über 10.500 Euro schickte. Wir dokumentieren hier im folgenden einen Protestbrief des Gewerkschafters Fritz Schmalzbauer an die für den Strafbefehl verantwortliche Richterin Wand am Amtsgericht Rosenheim.








Fritz  Schmalzbauer
Tölzer Straße 8A
Taufkirchen
 
 
Frau Richterin Wand
Amtsgericht Rosenheim
 
                                                                                                                                                           Almería den18/12/2016
 
 
Sehr geehrte Frau Wand

Gerade (im Urlaub in Andalusien) erfahre ich von einem Strafbefehl, den Sie an den mir gut bekannten Aktionskünstler Wolfram Kastner *zugesandt haben. Mir geht es dabei nicht um die  Höhe, schon 1€ wäre eine Ungeheuerlichkeit. Es geht vielmehr um die Rolle und das Verständnis der bayrischen Justiz bei Aktionen, die auf einen historischen Missstand hinweisen.

Alfred Jodel alias Baumgärtler alias Archibold K. Struthers hat die Hitler-Offensive gegen die UdSSR geplant und maßgeblich mit verantwortet. Sie kennen das Ergebnis von einer kaum vorstellbaren Anzahl an Ermordeten, Verhungerten…  (Verbrechen gegen die Menschlichkeit…). Das späte Attentat auf Adolf Hitler hat er als „die schwärzesten Tage in der deutschen Geschichte“ beschrieben und eine entsprechende Bestrafung befürwortet (Folter, Todesstrafe).


In der Ardennen-Offensive machte er sich weiter am Tod alliierter und deutscher Soldaten schuldig  und zögerte die Niederlage des Hitlerregimes hinaus. Der Wahnsinn wurde von ihm  im April 1945 mit weiteren mörderischen Befehlen fortgesetzt, bis er schließlich im Mai die Kapitulation unterzeichnet hatte. Kurz davor ließ er sich noch ein paar Orden umhängen, obwohl sich sein geliebter Führer durch Selbstmord der Verantwortung entzogen hatte.

Möglicherweise stützen Sie sich auf den von den US-Amerikanern  kassierten Persilschein eines bayrischen Gerichts und der skandalösen Rückgabe seines Erbes an die NS-Funktionären, mit der er verheiratet war.  Sollte das so sein – im Interesse der heutigen bayrischen Justiz hoffe ich das nicht – heben Sie die „die schwärzesten Tage in der deutschen Geschichte“ (Sie wissen, in welchem Zusammenhang das Zitat gefallen ist) auf den Plan.

Es könnte natürlich auch sein, dass Sie dem gleichen Irrtum wie die Passauer Neue Presse aufliegen und die Jodl-Gedenkstätte – sinniger Weise in einem christlichen Friedhof – für ein Grab halten. Zitat: Fraueninsel  |  03.12.2016  |  12:36 Uhr: NPD-Aufmarsch zum Jodl-Grab auf Fraueninsel vor den Touristen.  Sollte es so sein, ließe sich der Irrtum leicht korrigieren, indem Sie die Täter (NPD-Demonstranten) mit einem Strafbefehl zur demokratischen und humanistischen Ordnung des Grundgesetzes rufen und sich bei dem, der sich seit Jahren redlich bemüht, diesen Schandfleck auf der von mir hoch geschätzten Fraueninsel mit seiner mehr als Tausendjährigen Geschichte zu entfernen, entschuldigen.

Stellen Sie sich vor, welches Bild Bayern und die Inselgemeinde über ein halbes Jahrhundert vermittelte, indem man den Reisenden aus aller Welt den Namen eines Hauptkriegsverbrechers, gehenkt und mit seiner Asche die Isar beschmutzt, auf einem Grabkreuz präsentierte.


Stellen Sie sich weiter vor, was es heißt, wenn die heutige Justiz die wirklichen Täter schützt und historisch bewusste Künstler verfolgt. Stellen Sie sich schließlich die Kommentare vor, die dann – ob der Schutt nächstes Jahr weggeräumt ist oder nicht – durch Führungen auf dem Inselfriedhof erfolgen: die Blickrichtung über das Jodel-Mal hinweg geht nämlich genau zum Fenster auf der Herreninsel, hinter dem 1948 das Grundgesetz der Bundesrepublik vorberaten wurde.
 
Mit freundlichen, wenn auch nicht gerade hochachtungsvollen Grüßen
Fritz Schmalzbauer
 
*Herr Wolfram Kastner und ich waren über mehrere Jahre Münchner Sekretäre des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) – ich für die Jugend und er für die Bildung. Unsere Überzeugung und unser berufliches Verständnis hatten uns schon damals zum aufklärenden Engagement über die Nazi-Verbrechen verpflichtet.
 
 
 
Frédéric Schmalzbauer
Dipl. Economie sociale

9 Allée du Quercy
F-31100 Toulouse

Tölzer Strasse 8A
D-82025 Taufkirchen/München





Kommentare:

  1. Solange Nazis in Nadelstreifen wie Höcke den Stichwortgeber für den braunen Mob geben, ist das Engagement von Menschen wie Wolfram Kastner bitter notwendig.

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  2. Dringend notwendig ist auch eine viel intensivere politische Bildungsarbeit innerhalb der Gewerkschaften. Denn es ist klar, dass eine Massenorganisation mit Millionen Mitgliedern ein Abbild der Gesellschaft ist, d.h. es wird auch bei uns einen gewissen Prozentsatz an rechten Rassisten geben. Denen muss mit politischer Aufklärung entgegen getreten werden.

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    1. Das sehe ich ganz genau so wie Gewerkschaftsmitglied. Darum ist es auch echt toll, dass hier im Blog immer wieder Leute gegen Rechte und Rassisten schreiben. Da ist für mich auch ganz egal, an was oder an wen die sonst noch glauben oder nicht glauben, und es ist schade, wenn das nicht all so sehen. Ich glaube si machen alle einen prima Job!!!

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    2. Richtig, Anonym! Hier (und nicht bei irgendwelchen Gretchenfragen) sind in einer Gewerkschaft Solidarität und Wahrhaftigkeit wirklich gefragt.

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    3. Solidarität und Wahrhaftigkeit sind immer gefragt, nicht nur wenn es gerade opportun und ohne Risiko ist.

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    4. So wie deine unterirdischen Anspielungen und falschen Unterstellungen? Wirklich nett, wie manche mit anderen umgehen!

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    5. Was soll bitteschön an dem Satz "Solidarität und Wahrhaftigkeit sind immer gefragt, nicht nur wenn es gerade opportun und ohne Risiko ist" falsch und unterirdisch sein?

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    6. @ 13:23

      vermutlich - und logisch wäre es nach der graphischen Darstellung auch - dass sich dieser Einwurf auf den Beitrag des Gewerkschaftsmitglieds bezieht und dabei namentlich auf die Vorstellung, dass es in einer Massenorganisation wie Verdi auch Rechte und/oder Rassisten gibt. Wobei nichts an dieser Vorstellung abwegig ist. Schließlich gibt es keinen Gesinnungscheck und auch Rassisten werden wohl gerne mehr in der Tasche haben. Viel Lärm um nix das Ganze.

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    7. Aha! Wenn das so gemeint ist, dann haben wir uns ja jetzt hoffentlich alle richtig verstanden!

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  3. Was in dem Schreiben des Kollegen Schmalzbauer vor allem sehr gut zum Ausdruck kam, ist, dass es hier kein bißchen um Grabschändung geht, sondern darum, dass Verbrechern keine Denkmäler gesetzt werden dürfen. Ich finde, das Ding muss weg!

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