Freitag, 16. August 2013

Hugendubel Undercover Boss (1): "Bitte lächeln!"

Erster Teil

Ein unbekannt bleiben wollender Informant aus dem Umfeld der ver.di-Betriebsgruppe von RTL in Köln spielte der Infoblog-Redaktion das Sendemanuskript der Folge der Undercover Boss-Reihe zu, die bei Hugendubel spielt und in einigen Monaten auf RTL ausgestrahlt werden soll.

Protagonisten der Sendung sind bekanntlich Führungskräfte von großen Unternehmen,die mit der Zeit den direkten Kontakt zu den Mitarbeitern und der alltäglichen Arbeit in der Praxis verloren haben. Um dies zu ändern, sollen sie ihr Unternehmen und ihre Mitarbeiter vor Ort als Berufseinsteiger oder Praktikant kennenlernen. Durch Veränderungen von Kleidung und Aussehen (teilweise auch mit Perücken oder falschen Zähnen) soll sichergestellt werden, dass niemand von den Mitarbeitern erkannt wird.

Unter dem Vorwand eine Fernsehreportage zu drehen, die einen Arbeitslosen begleitet, wird die getarnte Führungskraft dabei offen von einem Kamerateam begleitet. Über eine Woche hinweg lernt der Manager verschiedene Mitarbeiter und Unternehmensbereiche kennen und arbeitet dabei wie ein neuer Mitarbeiter aktiv mit. Die Mitarbeiter erzählen dabei neben Verbesserungsvorschlägen für ihren Arbeitsbereich und das Unternehmen meist auch von persönlichen Wünschen und Problemen. Am Ende der Sendung findet eine Aufklärung des Experiments statt, wobei speziell auf die Tätigkeiten und Perspektiven der Beteiligten eingegangen wird. Zum Abschluss erhalten die „Opfer“ vom Geschäftsführer Belohnungen wie einen Gutschein, eine Reise oder auch eine Beförderung (zit. n. Wikipedia).

Wir bringen die wichtigsten Teile des Sendemanuskript ab heute in den nächsten Wochen in einer mehrteiligen Reihe. Liebe Infoblog-LeserInnen, seid also gespannt, welche Hugendubel-Führungskraft sich in welchen Situationen und Unternehmensbereichen bewähren wird. Es wird sehr spannend werden!

Ort:  Hugendubel Headquarter. München, Hilblestraße. Konferenzraum.
Zeit:  Nahe Zukunft.


Der Memory-Effekt

Der Produzent lächelte.
Versonnen blickte er nach rechts aus dem großen Fenster des Konferenzraumes auf die Fassade des gegenüberliegenden Bürogebäudes. Er schien mit sich und der Welt vollkommen im Einklang zu sein.
Tatsächlich war seine ohnehin miese Laune heute noch schlechter als gewöhnlich. Gestern wurde er vom CEO wie ein Schuljunge ins Chefbüro zitiert und mußte dort vor den versammelten Analysten der Investmentfonds, die Anteile am Konzern hielten, erläutern, wie er aus dem Quotentief kommen wolle.
Und jetzt saß er hier und sollte in dieser Firma mit all den Bücherwürmern eine coole und sexy Sendung machen, am besten noch mit einem fetten Skandal. Ein Himmelfahrtskommando! Das schafft niemand -
außer ihm natürlich. Im Konzern hatten sie schon Wetten auf seinen Rausschmiss abgeschlossen. Denen würde er kräftig in die Suppe spucken.
Abends gab es dann noch eine dieser schwachsinnigen Oscar-Parties, wo er auf Befehl des CEO antanzen mußte um zu networken. Wie er das hasste! Oscar-Parties! Jede Kosmetik-Tussi, jeder Kostüm-Heinz kriegt einen Oscar ab, nur die wichtigste Figur nicht: der Produzent! Unglaublich! Unverschämt! Sollte er doch jemals in die Situation kommen, den Produzenten-Oscar zu kriegen - er wäre vorbereitet! Gedanklich hatte er die Situation der Preisrede schon oft durchgespielt, um im entscheidenden Moment mental darauf vorbereitet zu sein. Er wollte ja nicht wie ein Trottel herumstammeln. Kurz, knapp,witzig, sexy, ironisch, gleichzeitig selbstironisch und mit einem kleinen gönnerhaften Seitenhieb auf die Konkurrenten....
Ja, das wär´s und er war bereit!
Einen Vorteil hatte diese Oscar-Party aber doch gehabt. Einer seiner wenigen Schwachpunkte, eigentlich sein einziger, war dieses mürrische Gesicht, das er an den Tag legte.Mit der Freundlichkeit hatte er es nicht so, selbst wenn er es sich gelegentlich aus taktischen Gründen vornahm. Nun erzählte ihm einer dieser Klatsch-Reporter gestern auf der Party vom Memory-Effekt. Man mußte nur fünf Minuten in voller Lautstärke herumbrüllen und dabei - das war der Trick - an verschiedene Tiere denken und deren Grimassen nachäffen. Die Gesichtspartien wirkten dadurch entspannt wie bei einem Lächeln. Der Effekt hielt ungefähr eine Stunde an. Da diese Prozedur etwas unmenschlich-satanisches hatte, sollte sie nicht in Gegenwart Außenstehender durchgeführt werden. Der Produzent hielt sich beim ersten mal nicht daran, weswegen seine Sekretärin bei seinem schreienden Anblick einen Nervenzusammenbruch bekam. Heute war er cleverer gewesen: er machte es kurz vor Konferenzbeginn bei abgedunkelten Fensterscheiben in seinem Hummer-Geländewagen in einem hinteren Winkel der Tiefgarage.



Das Casting

Der Produzent wandte sich nun lächelnd wieder den Anwesenden im Konferenzraum zu.

Produzent: "Damit kommen wir nun zum wichtigsten Teil unserer Sitzung. Wer macht es?"
(Der Produzent blickte genüßlich in die Runde und fokussierte den Konzernmitbesitzer. Face to face-Duell).
"Wie wäre es mit Ihnen? Sie wären prädestiniert für die Rolle!"

Konzernmitbesitzer (ist von der Frage sichtlich unangenehm berührt, versucht sich herauszuwinden, hat dann plötzlich eine rettende Idee): "Ich stehe im Weihnachtsgeschäft an der Kasse. Mein Gesicht kennt man!"

Produzent (wendet sich nun der Schwester des Konzernmitbesitzers zu): "Und Sie? Wie wäre es mit Ihnen?"

Konzernmitbesitzerin: (leicht empört): "Ich stehe im Weihnachtsgeschäft   a u c h   an der Kasse!"

Produzent (leicht genervt): "Nun, das ist freilich ein Argument."
(Konzernmitbesitzer und Konzernmitbesitzerin sinken erleichtert in ihre Sessel zurück).

Personalchef (springt von seinem Chefsessel auf): "Also ICH, ICH wäre bereit dazu! ICH mache es!"

Konzernchefgeschäftsführer (bringt den neben ihm sitzenden Personalchef mit einer sanften Geste seiner Hand an dessen Hemdsärmel dazu, sich wieder zu setzen): "Das ist vielleicht keine, naja,  gute Idee. Ich würde es ebenfalls machen, aber an meinem holländischen Akzent würde man mich erkennen." (Er ist bislang der einzige, dem man seine Entschuldigung glaubt).

Personalabteilungsunterchef: "Also ich würde es ja ebenfalls sehr gerne machen, aber mich erkennt man an meinem französischen Accent!" (grinst etwas doof in die Runde und ist sichtlich  stolz auf seine clevere Schlagfertigkeit).

Produzent (hat langsam genug von den Ausreden und präsentiert seinen insgeheim schon längst vorbereiteten Masterplan,   d i e    a b s o l u t e     Sensation,  die   B O M B E):
"Damit würde es auf Sie hinauslaufen, verehrter Herr Kardinal!  Eine einmalige Chance, wieder in die mediale Offensive zu kommen!  Sie unter den geringsten Ihrer Brüder! (Und triumphierend): Die Letzten werden die Ersten sein, Herr Kardinal. Viele sind berufen, aber wenige auserwählt!"

Kardinal (zögernd, nach einem Ausweg suchend): Nun, da mag viel Wahres darin sein, was Sie sagen, verehrter Produzent, aber (listig blitzt plötzlich ein Lächeln auf), aber ich muß just in dieser Zeit ein Feldkreuz in Oberpfaffenhoffen einweihen. Leider, leider, die Termine, Sie verstehen....".

Produzent: "Mhmm, ja..., da muß ich mich mir jetzt direkt...  was anderes..., tja......"
(hinter seinem Lächeln macht sich tatsächlich langsam Ratlosigkeit breit, er hatte die Mediengeilheit der Anwesenden doch etwas überschätzt. Wo ist Plan C?).



Herr Michael

(Plötzlich klopft es an der Tür. Obwohl niemand "Herein!" sagt, geht die Türe langsam auf. Zuerst wird ein Kopf sichtbar, dann ein ganzer Mann, etwas untypisch für einen Zusteller bekleidet mit schwarzem Rollkragenpullover und dunkler Stoffhose).

Mann (zögernd, mit leiser Stimme): "Bitte verzeihen Sie die Störung, ich soll ein Dokument für die Geschäftsleitung abgeben, Eilzustellung!".

Personalabteilungsunterchef (mit betont lauter Stimme): "Was erlauben Sie sich? Wie kommen Sie dazu, unsere Sitzung zu stören?"

Personalchef (springt aus seinem Sessel, mit noch lauterer Stimme rufend): "Wer sind Sie überhaupt?
Wie heißen Sie eigentlich?"

Mann (immer noch leise, aber bestimmt): "Mein Name ist Michae...".

Produzent (fährt brutal dazwischen, hat plötzlich eine Idee): "Herr, ähem,  Michael, wollen Sie 500 Euro verdienen? (wedelt siegessicher mit einem überfallartig aus seiner Brusttasche gezogenen Geldschein).

Mann (zögert): "Nun ja...".


Produzent (jetzt mit voller Routine in seiner Produzentenrolle): "500 Euro für 4 Tage Arbeit. Kost und Logis frei. Wir organisieren die Freistellung bei ihrem Arbeitgeber. Plus (grinst) Sonderspesen und (grinst) Erfolgsprämie!"

Mann: "Das könnte ich machen, ja..." (Will nach dem Geldschein greifen...)

Produzent: "Haaaaaalt!" (zerreißt laut lachend den 500-Euro-Schein in zwei Hälften): "Die eine Hälfte jetzt, die andere zum Schluß! OK?"

Mann: "Gut!"

Produzent: "Schlag ein!"

(Mann schlägt ein).

Produzent: "Der Pakt gilt!"

(Alle Anwesenden nicken, stehen auf, packen ihre Sachen zusammen und machen sich für die Abreise zu anderen Terminen fertig.)

Der Produzent steht nun allein mit Herrn Michael im Konferenzzimmer.

Das Lächeln ist ganz aus seinem Gesicht verschwunden.


***













Kommentare:

  1. Tiefschwarzer Humor, leider mit realen Elementen. Max und Nina H. standen früher tatsächlich an der Kasse, lang ists her. Der Kardinal weihte am Tag der Demo tatsächlich ein Feldkreuz ein. Bin auf die kommenden Folgen gespannt.

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