Montag, 18. Juni 2012

Buchhändler und Schriftsteller: Zukunftsallianz "Pro.Buch.Kultur."




Offener Brief eines Buchhändlers: eine Antwort auf die Rede Norbert Niemanns "Wir Schriftsteller brauchen Euch!"  


Bernhard Rieger

Autoren und Buchhändler, gemeinsam:
Pro Kultur.
Kein Gedicht, keine Predigt – ein Appell !  


cc:
die deutschen katholischen Bischöfe, besonders aber Kardinal Marx;


Der Verdrängungswettbewerb im Buchhandel hat seinen Höhepunkt überschritten: Noch sind die Großflächen der Buchhandelsketten halbwegs gefüllt mit Bestsellertürmen, Boulevardstapeln und Buch-Ersatz-Ware. Doch die Verkaufsareale der Branchenriesen schrumpfen und ihre Flaggschiffe sinken. Die Marktführer sind soeben dabei, das Feld zu räumen; sie suchen neue Zuflucht in Onlineshops. 

Dabei wird meist übersehen: Die vergangenen Expansions-Jahre der Filialketten haben nicht nur „den kleinen inhabergeführten Buchladen“ in arge Bedrängnis gebracht. Auch die bei den großen Filialisten angestellten Buchhändler, der „lebendige Kern“ einer jeden Buchhandlung also: sie wurden (und werden) von ihren das Sortiment gestaltenden Plätzen verdrängt. 

Ein „Buchhandel ohne Buchhändler“ meinte, weitestgehend ohne qualifiziertes Personal auskommen zu können - und ist mit seinem Konzept gescheitert. Die „Aldisierung“ vollzog sich auf Kosten der Buchkultur – und zugleich auf Kosten der angestellten Buchhändler. Diese müssen auf den verbleibenden Buchverkaufsflächen nicht nur um die Qualität ihrer Tätigkeit, sondern auch um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze insgesamt fürchten. 

„Die Verhältnisse im Buchhandel können den Schriftstellern nicht gleichgültig sein.“ Das haben Günter Grass, Marcel Reich-Ranicki und viele weitere Autoren bereits 1968 anlässlich der Frankfurter Buchmesse gesagt - und die Buchhändler zum Gewerkschaftsbeitritt aufgefordert. 

„Wir brauchen Buchhändler, die Buchhändler sind.“ Das sagt Norbert Niemann (Verband deutscher Schriftsteller/VS) jetzt, im Mai 2012, bei einer Kundgebung von Buchhändlern in München. Er spricht von „Raubbau“, „Monokultur“ und „Discounter-Mentalität“ bei den Buchhandelsketten – und warnt davor, buchhändlerische Arbeit auf das „Niveau einer Hilfskraft“ abzusenken. 

„Enorme Verantwortung“ tragen die Eigentümer der großen nationalen Buchhandelsunternehmen – dazu gehört zuvorderst auch die katholische Kirche als Inhaberin des Weltbild-Konzerns, den die Bischöfe jetzt veräußern wollen. Kardinal Reinhard Marx entzieht sich seit Monaten einem dringlich geforderten Gespräch mit der Belegschaft des Weltbild-Tochterunternehmens Hugendubel. 

Angesichts drastischer Rückbaumaßnahmen und Filialschließungen warten die Hugendubel-Beschäftigten und ihre Betriebsräte bisher vergeblich auf tatkräftige Unterstützung (statt unverbindlicher „Sonntagsreden“ zur katholischen Soziallehre) seitens des Münchner Kardinals. Ihren Unmut äußern die Angestellten auch im Internet mittels des Hugendubel-Verdi-Infoblogs. 

Beim Konkurrenten Thalia stehen gleichfalls massive Einschnitte mit Standortschließungen und Entlassungen bevor; Aktionäre der Douglas AG befürworten den Verkauf der „sanierungsbedürftigen“ Konzerntochter Thalia. Andererseits kann der Internethändler Amazon (der am konsequentesten „Buchhandel ohne Buchhändler“ – aber mit Beschäftigten im Niedriglohnsektor – betreibt) weiterhin ungebremst im Online- und Ebook-Geschäft expandieren. 

Die angestellten Buchhändler benötigen dringend Unterstützung. Sie brauchen eine Lobby, um nicht ganz auf der Strecke zu bleiben. 

Wenn nun Autoren feststellen „Wir Schriftsteller brauchen euch Buchhändler“ und sich für den Erhalt dieses gefährdeten Berufsstandes engagieren, dann markiert das den Beginn einer Hoffnung machenden Zukunftsallianz.

Pro Buch. Pro Kultur. Pro Buchkultur.

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LINKS (in derselben Reihenfolge wie oben zu Textbeginn):

Bernhard Rieger  
„Sonntagsreden, Werktagsgeschäfte“ (Publik-Forum, 2011)

Norbert Niemann
„Wir Schriftsteller brauchen Euch!“ (2012)

Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki
„Die Verhältnisse im Buchhandel können den Schriftstellern nicht gleichgültig sein“ (Frankfurter Buchmesse 1968)

Gottfried Honnefelder
„Sie sind die Urheber!“ (FAZ, 2012)

Frank Bsirske
Hugendubel-Verdi-Infoblog  -  Impressum

Kardinal Marx
Ergebnisliste für Suchbegriff „MARX“  -  Hugendubel-Verdi-Infoblog (nicht chronologisch)

Parfümerie-Aktionäre
Hugendubel-Verdi-Infoblog  -  Schlagwort „THALIA“

Kindle-Fans
„Abschied vom Buch“ (Hendrik Ankenbrand, FAZ, 2012)

Pro-Buch-Aktivisten
„Aussortiert in Ketten“ (Hannes Hintermeier, FAZ, 2008) 
www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/buchhaendler-aussortiert-in-ketten-1514613.html

viele andere
„Vernetzt, verramscht - verloren?“ (Helmut Schümann, Tagesspiegel, 2009)
www.tagesspiegel.de/politik/geschichte/kulturgut-in-gefahr-buchhandel-vernetzt-verramscht-verloren/1488806.html

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Bernhard Rieger:
Germanist, Buchhändler bei Hugendubel/München, Gründer der Initiative „Pro Buch“, Verfasser des offenen Briefs Sonntagsreden, Werktagsgeschäfte


Warum eigentlich verkaufen wir Bücher - und keine Thunfischdosen?


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INFOBLOG-DOKU-AKTUELL
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Kommentare:

  1. Es wäre natürlich sehr gut, wenn eine breitere Kooperation zustande käme. Aber ich bin da nicht so optimistisch. Die Zwänge des Marktes sind nicht zu unterschätzen.

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    1. Der knallharte Grundsatz des Kapitalismus, daß allein Gewinnmaximierung zählt und sonst gar nix!, ist jetzt auch in der Buchwelt angekommen. Sieht schlecht aus für die Idealisten!

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  2. Sehr zu begrüßen wäre durchaus, wenn sich mehr SchriftstellerInnen Gedanken über den Zustand der Buchhandelsszene und deren Zukunft machen würden; es geht hier schließlich auch um den "Absatzmarkt" für ihre eigenen "kulturellen Produkte". Oder wollen sie das tatsächlich den Platzierungen und Kundenempfehlungen bei Amazon überlassen?

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  3. "Allianzen" zwischen Buchhändlern und Autoren erregen zwar öffentliche Aufmerksamkeit und deshalb haben sie ohne Frage positive Folgen für die gemeinsamen Anliegen. Für uns bei Hugendubel ist entscheidend, daß der Kampf für unseren STV bald vorankommt: Viel Zeit haben wir nicht mehr sehr. Denn die Umsätze der Firma stürtzen dramatisch ab. Massiver Stellenabbau ist in Kürze zu erwarten!

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    1. Dramatischer Umsatzeinbruch und Stellenabbau in Kürze? Was sind das für Spekulationen???

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    2. Warum wird trotzdem Personal gesucht?

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    3. Außer Aushilfen (und das auch nur in Ausnahmefällen) wird für die Filialen überhaupt niemand mehr gesucht oder eingestellt!

      Die einzigen Stellenangebote
      http://www.hugendubel.com/karriere/stellenangebote.html
      beziehen sich ausnahmslos auf die Münchner Zentrale in der Hilblestraße.

      Die Filialen sterben! Nur das zentrale Management und der Internetshop haben noch eine Zukunft.

      Genau das wird übrigens gerade im Blogartikel über die Technokraten diskutiert:
      http://hugendubelverdi.blogspot.de/2012/06/die-technokraten-haben-das-ruder.html

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  4. Wir verlieren gerade unsere Arbeitsplätze! Bei Thalia wird es jetzt richtig ernst: "freiwillige" Aufhebungsverträge mit lächerlichen Abfindungssummen, enormer Druck, Mobbing, keine Vertragsverlängerungen (unbefristete Übernahmen) mehr, Angst der Kollegen. Wer hilft uns? Wer berichtet darüber in der Presse??

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    1. Gründet auch einen Verdi-Blog. Oder schickt Eure Anliegen hierher. Die Blog-Redaktion wird Eure Beiträge bestimmt posten, da bin ich mir sicher! So kriegt Ihr Öffentlichkeit. Die Medien werden aufmerksam und nehmen sich dann Eurer Situation an!

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  5. Wir brauchen die Buchhändler!! Denn ohne sie gäbe es diesen Flair der Bücher nicht. Diese wunderbare entrückte Welt, dieser einzigartige Geruch des Buches, dieses eintauchen in eine andere Welt. So etwas kann manchmal wunder wirken bei der Seele. Wie wollen wir den Kindern und Jugendlichen die Liebe zum Lesen vermitteln ohne Buchhandlungen? Wie finden wir Autoren/Schriftsteller den direkten Weg zum Leser? Daran arbeite ich im Moment. Wie Norbert Niemann sagte:" Bücher sind nicht nur Unterhaltung, sondern in ihrem Wesenkern ERKENNTNISMEDIEN!" Zudem fördern sie auch die Kreativität, die Aussprache( gebildet einen ganzen Satz aussprechen in einer Sprache,nicht in 2 Sprachen), die Liebe zur Sprache, und was ganz wichtig ist das Gespräch miteinander über die geschriebene Lektüre. Ich wünsche mir eine gut funktionierende Kette zwischen Verleger-Autor/Schriftsteller-Buchhandlung-Leser. Das man Miteinder kommuniziert, Konzepte entwickelt, in die Tat umsetzt und präsentiert. Ohne Buchhändler wären wir als Autor/Schriftsteller verloren.

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