Montag, 4. Februar 2019

Frau Lesensberater


Häufige Kundenanfrage: Wo ist der Notausgang?


Von nichts kommt nichts, möchte man meinen. Aber unser Arbeitgeber will sich und uns 
gerade das Gegenteil beweisen – und das, soweit es ihm darum geht, in seinen Filialen 
aus stark verringertem Personal für stets geringere Bezahlung immer höhere
Leistungen herauszuquetschen, wie es scheint, mit erstaunlichem Erfolg, nur halt leider
nicht dem gewünschten.

Wer aufmerksam verfolgt, was bei Hugendubel am Stachus ausprobiert wird, kommt sich 
vor wie in einer Abenteuergeschichte. Man bricht zu neuen Ufern auf – aber natürlich 
ohne die alten Sortimentsstrukturen, Regaleinteilungen und -beschilderungen.
Denn dem zeitgemäßen Publikum sagen Wörter wie „Reise“ oder „Roman“ einfach nichts
mehr. Heute sind „Welten“ zum „Entdecken“ bzw. „Abtauchen“ gefragt. – Da hast
du was! Da bist du wer! – Außerdem lesen Kunden laut einer altbewährten
Unternehmensberaterweisheit ja sowieso nicht. 


Das ist in Supermärkten so, das ist in Sportgeschäften so, das ist in Spielzeugläden so. 
Warum zum Teufel sollte es ausgerechnet im Buchhandel anders sein? Bei den
Kolleginnen und Kollegen freilich verhält es sich kraft einer mystischen Kausalität,
die gewöhnlich Sterblichen zu begreifen versagt ist, ganz genau gegenteilig.
Sie müssen um so deutlicher erkennbar und beschriftet sein. 

Dabei darf natürlich auch jenes geniale Wortspiel mit „Lesen“ statt „Leben“ nicht fehlen,
das schon seit geraumer Zeit mit nahezu kindlicher Freude gnadenlos durchdekliniert wird.
Es hat mit „Das Lesen ist schön“ begonnen, seine würdige Fortsetzung in „Das Spiel meines 
Lesens“ oder „Die Lieben meines Lesens“ gefunden, um nun seinen vorläufigen 
Höhepunkt im „Lesensberater“ zu erreichen, der übrigens als solcher auch weiblichen
Geschlechts sein kann. Wir lesen – äh ... leben ja schließlich im Zeitalter der Gleichberechtigung!

Aber keine Sorge: sollte dies ein sexistischer Lapsus sein, nimmt er sich aus Sicht der
Betroffenen zum Glück als vergleichsweise harmloses Schönheitsfehlerchen aus, 
solange es genügend andere und größere Probleme gibt, mit denen Frau Lesensberater
sich herumschlagen darf.

Unser Arbeitgeber hatte zwar für seinen Buchshop der Zukunft eine Menge höchst
origineller Ideen, die ihm alle schrecklich innovativ vorkamen. Aber in einem Punkt
ist er sich mehr als treu geblieben: viel weniger Buchhändlerinnen und Buchhändler
sollen viel besseren Service bieten – und nicht nur das Aktiv-Verkaufen auf die Spitze
eines sitzmöbelfreien und stehilfelosen Actus purus treiben, sondern sich darüber hinaus
auch in der Rolle des Kaffee servierenden Gastgebers gefallen.

Das wäre soweit die Vision. Der Alltag hingegen besteht nach Auskunft der Beschäftigten
vor allem in Büchersucherei. Denn es ist nicht so leicht einen bestimmten Titel zu finden, 
wenn du ihn weder nach Gattung noch nach Thema zuordnen kannst. Man muss den freien
Assoziationen dessen folgen, der ihn aus irgendwelchen Gründen irgendwo hingestellt hat.

Wer sich mit alten Schriften und deren Entschlüsselung befasst, den erinnert das,  was unsere
Kolleginnen und Kollegen dort über ihre Investigationsarbeit berichten, verdächtig an  die
Hieroglyphendeutung, ehe der Stein von Rosette gefunden und Jean-Francois Champollion
geboren wurde.

Da hilft es auch wenig, dem Kunden zu erklären, dass es einer ist, der gar nicht mehr existiert: 
ein Zielkäufer. Denn erstens fehlt so jemandem meist jedes Gespür, die Vorzüge eines
zukunftsweisenden Konzepts und den illusorischen Charakter des eigenen Daseins zu durchschauen – und zweitens: wer möchte sich schon mit einem Gespenst anlegen?

Kommentare:

  1. Ich habe zwar keine Ahnung, was ein Actus-Dingsda sein soll. Hoffentlich nix Unanständiges! :) Aber was Hugendubel da von seinen MitarbeiterInnen verlangt, hat mit einem serviceorientierten Verkaufskonzept wenig zu tun. Das ist reine Schikane. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Kunden dafür einen einzigen Cent mehr ausgeben.

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  2. 9 von 10 Kunden sind unzufrieden mit dem Laden. Tagein - tagaus Kundenbeschwerden.
    Kein Wunder, der Laden gleicht einer unfertigen Lagerhalle und hat den Charme eines Kühlschranks. Unheimelige Atmosphäre, kühl, ohne Wohlfühlcharakter und finden tun nicht mal wir Buchhändlerinnen etwas. Und das soll der Buchshop der Zukunft sein?

    Arme Zukunft. Dafür wurde Geld für eine Beratungsfirms ausgegeben?
    Wie viel?
    Auf uns Buchhändlerinnen wird halt nicht gehört, oder?

    Wir brauchen wieder mehr Beratung in den Läden und dazu natürlich mehr Kolleginnen und Kollegen.
    Wie kann man einen Buchshop der Zukunft planen mit dem Slogan: Freundlichkeit vor Kompetenz?
    Wie einen Laden mit so geringem Service, geringer Beratung, weil wir einfach zu wenige sind?

    Die Zitrone hat noch viel Saft oder wie?
    Nein, eben nicht! Wir sind genug ausgepresst worden die letzten Jahre, ohne die geringste Anerkennung.
    Jetzt reicht es echt.

    Ich bin engagiert, aber das will ich endlich auch honoriert haben. In Geld, das zum Leben reicht.
    Mehr Mitarbeiter, ansonsten kann sich Hugendubel schon mal ausrechnen, dass wir zusammenbrechen vor Arbeitsüberlastung und wegen Krankheit.

    Flasche leer....

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  3. Es muss BuchhändlerInnen heißen. Oder Buchhändler und Buchhändlerinnen. Oder Buchhädnler(in) Wann achtet ihr endlich auf Gendergerechte Sprache ?!

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    1. Wenn alle anderen Probleme in dieser Firma und auf der Welt gelöst sind, kommt bestimmt der Gendergedöns ganz oben auf die Tagesordnung. Bis dahin schreiben wir brav die Adjektive klein und da Sprache gerne auch gesprochen wird, beantworte mir die Frage, die mich seit so langer Zeit umtreibt - wie lese ich bei einer Präsentation o.ä. vor, wenn da BuchändlerInnen oder Buchhändler(in)steht?

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