Montag, 19. Februar 2018

Wir allein haben es in der Hand!

Ein Kommentar

 
Fünf Finger sind eine Faust
 



Wer liest, mit welchen Unverschämtheiten und Scheinangeboten die Arbeitgeber im Bayerischen Buchhandel neuerdings bei Tarifverhandlungen aufwarten, muss sich tatsächlich fragen, weshalb Leute mit wenig Geld bei uns in Deutschland als "sozial schwach" betitelt werden. Wenn überhaupt jemand sozial schwach ist, dann solche Arbeitgeber - und so wie es leider aussieht, nichtzuletzt der unsere!

Wir Buchhändlerinnen und Buchhändler sollen nicht nur immer mehr schuften und dabei immer flexibler werden, sondern wir dürfen - geht es nach den Arbeitgebern - auch noch dafür bezahlen. Ihr Verhandlungsführer, der zugleich bei Hugendubel Geschäftsführer ist, kommt in jeder Verhandlungsrunde mit stets derselben Forderung daher: wir sollten jetzt endlich für weniger Geld arbeiten. Denn genau hierauf liefe eine Lohnerhöhung von zwei Prozent im Entgelttarif hinaus, wenn sie mit der Streichung unserer Spätzuschläge im Manteltarif erkauft würde: ein Verlustgeschäft ohnegleichen, das auf gar keinen Fall in Betracht kommt!


Das ist natürlich auch den Arbeitgebern klar; es wird bloß nicht offen ausgesprochen. Sähe ja echt irgendwie aso aus - und könnte böse am Lack kratzen, wenn im Börsenblatt oder Buchreport stünde, Hugendubel sei an Verhandlungen mit unserer Gewerkschaft nicht länger interessiert und wolle das Thema Tarifbindung nun ein- für allemal vom Tisch haben. Da spielt man vor der Öffentlichkeit doch lieber den gesprächsbereiten Musterunternehmer und innovativen Zukunftsvisionär, um ihr nach eingehender Nabelschau der Arbeitgeberweisheit letzten Schluss zu verkünden: dass Tarifleistungen wie Spätzuschläge heutzutage einfach "nicht mehr zeitgemäß" seien.

In der oft und gern zitierten Populärfassung für Menschen, die mit Gedanken eher sparsam umgehen, klingt das etwa so: "Wer im Handel arbeitet, arbeitet eben bis 20 Uhr und hat schließlich gewusst, worauf er sich einlässt." Wir müssen ehrlich zugeben: wäre die Altersstruktur in unseren Läden nach Jahren Befristungswahnsinn und Personalabbau nicht so versaut, dass du dort inzwischen fast nur noch Leute antriffst, die sich bereits vor Ausweitung des Ladenschlusses für den Buchhandel entschieden haben, würde dieser Satz sogar stimmen. Der Witz ist bloß: dass aus ihm trotzdem keineswegs folgt, dass wir uns mit schlechteren Löhnen zufrieden geben müssten.

Mit demselben Schwachsinnsargument könnte jemand verlangen, Fr. Merkel oder Hr. Steinmeier sollten den Mindestlohn kriegen: die wussten schließlich ebenfalls, worauf sie sich einließen. Haut nicht hin, weil Bundeskanzlerin oder Bundespräsident nicht jede/r kann? Mag sein! Doch ganz so selbstverständlich, wie ein Bürozeitenpublikum, das um 17 Uhr heimgehen und unterwegs schnell noch einkaufen will, immer meint und tut, ist es dann auch wieder nicht, dass andere dafür länger arbeiten. Wir erbringen eine Dienstleistung, die denen nützt, die sie nicht erbringen möchten. Warum sollte das nicht entsprechend gewürdigt und vergütet werden?

Es gibt nämlich nicht nur Firmeninteressen; es gibt auch Arbeitnehmerbedürfnisse. Man zahlt an der Supermarktkasse nicht damit, dass man einen Arbeitsplatz hat, sondern mit dem Geld, das man für seine Arbeit bekommt. Die meisten arbeiten daher, um leben zu können - statt zum Zeitvertreib! Unternehmer und Ökonomen sprechen zwar ständig von Sachzwängen: gebetsmühlenartig wird eine wirtschaftliche Notwendigkeit beschworen, die es verbiete, angemessene Löhne zu zahlen. Aber wer weiß denn am besten, was Sachzwänge sind? Doch wir, die bei stetig steigenden Preisen saftige Mieten aufbringen, sich einkleiden und ernähren müssen.

Wir können uns schlicht nicht leisten, magere und magerste Gehaltserhöhungen mit Zins und Zinseszins zu refinanzieren. So bleibt uns am Ende nur eine Alternative: entweder Solidarität, Arbeitskampf und Streik oder sozialer Absturz! Denn von selbst wird jetzt nichts mehr gut. Wir allein haben es in der Hand!








Kommentare:

  1. Striken,streiken,streiken,streiken,streiken!

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  2. Interessanterweise gibt es im Einzelhandel nach wie vor Tarifverträge, die genau dieselben Spätzuschläge festschreiben wie die unseren. Was heißt also hier veraltet und unzeitgemäß? Wenn überhaupt irgendetwas von gestern ist, dann unsere Arbeitgeber im Buchhandel.

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  3. Genau.Ich will mehr Geld für meine Arbeit. Sofort. GL: Ihr beutet uns aus.

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  4. Lasst uns streiken! So geht das nicht mehr weiter.

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