Mittwoch, 13. April 2016

Union Busting und Lohndumping bei KNV

Rüde Methoden gegen Betriebsräte und Gewerkschafter






Bei KNV Logistik (Koch, Neff & Volckmar GmbH) handelt es sich - wie allen Buchhändlerinnen bekannt sein dürfte - um einen Großhändler und Lieferanten des deutschen Buchhandels.
KNV beliefert laut Fachpresse ungefähr 20% des deutschen Buchhandels. Weniger bekannt sein dürfte, wie KNV mit seinen Beschäftigten umspringt. Nun hat die Initiative Arbeitsunrecht e.V. das Unternehmen zusammen mit sechs anderen skrupellosen Firmen wie z.B. Amazon, Helios Kliniken und drei Union Busting-Dienstleistern wie McKinsey für ein Online-Voting der Kampagne “Jetzt schlägt’s 13!” nominiert.


Ziel der Kampagne “Jetzt schlägt’s 13!” ist es, Druck auf Unternehmen und deren Marken aufzubauen. Dadurch sollen drangsalierte Beschäftigte und Betriebsratsmitglieder solidarisch unterstützt und in ihrem Widerstand gegen aggressive Unternehmermethoden bestärkt werden.

Abrissbirne West | Turbo-Ausbeutung Ost


Am Beispiel des hochmodernen Versand-Zentrums von KNV Logistik in Erfurt-Mittelhausen lässt sich ein wichtiges Kapitel aggressiver deutscher Wirtschaftsgeschichte nachvollziehen: auf Massenentlassungen im Westen folgt die Ausbeutung in einer hochmodernen Anlage im Osten. Üblicherweise wird ein solches Manöver auch noch durch staatliche Subventionen gefördert. Unter den Deckmäntelchen "Aufbau Ost" und "Schaffung von Arbeitsplätzen" werden in Wahrheit die Beschäftigten in West und Ost gegeneinander ausgespielt - die einen gefeuert, die anderen für kleines Geld geheuert - und ein Rattenrennen um immer billigere Arbeit in Gang gesetzt.


Im Jahr 2011 kündigte KNV den Wegfall von 900 Stellen an den Standorten Köln und Stuttgart an. Ver.di organisierte damals Proteste gegen das Schleifen der Standorte (http://knoknv-verdi.blogspot.de/search/label/KNV). Das neue Logistik-Zentrum in Erfurt konnte nach 20 Monaten Bauzeit am 1. Oktober 2014 eröffnet werden (http://www.boersenblatt.net/834410/). Tatsächlich gibt KNV für Erfurt im Jahr 2016 eine Beschäftigtenzahl von rund 1.000 an. Es wurde also keine Arbeit geschaffen, sondern bestehende Arbeitsplätze in eine tarifvertrags- und betriebsratsfreie Zone verlagert.


Arbeitsbedingungen wie im 19. Jahrhundert

Der Gewerkschaftssekretär Ronny Streich schreibt, er unterstütze die Nominierung von KNV Logistik Erfurt:
  • wegen unregulierter, willkürlich zu Lasten der Mitarbeiter ausgeübter Arbeitsbedingungen, die den Eindruck hinterlassen, man befände sich im 19. Jahrhundert,
  • wegen systematischer Verhinderung der gewerkschaftlichen Organisierung der Mitarbeiter durch Drohen mit Abmahnungen bei Kontakt mit ver.di, durch Abmahnungen und Kündigungen von aktiven Gewerkschaftern und Interessierten, durch betriebsöffentliche Hetze gegen die Gewerkschaft,
  • wegen Lohndumpings in der Branche durch Flucht aus dem zutreffenden Tarifvertrag des Großhandels (KNV betreibt Buchgroßhandel, vgl. Libri) an den ehemaligen Standorten Stuttgart und Köln und unverbindlicher Orientierung am Tarifvertrag Logistik am jetzigen Standort in Erfurt.
Mitarbeiter aus dem Unternehmen berichten glaubhaft von unregelmäßigen Arbeitszeiten auf Zuruf, die zudem von willkürlich angeordneten Überstunden begleitet sind. Ein Kollege schreibt:
"Schichtende ist, wenn der Vorgesetzte dies verkündet und nicht etwa, wenn die Arbeitszeit laut Arbeitsvertrag um ist. Dann ist der Mitarbeiter aufgefordert, fluchtartig den Arbeitsplatz zu verlassen, damit dem Unternehmen keine Zeit entsteht, für die der Mitarbeiter nicht ertragsbringend ist.
Die Spanne der Arbeitszeit bewegt sich jeden Tag von 5-10 h, wobei die ARBEITSZEIT SPONTAN FESTGELEGT wird. Der Mitarbeiter erfährt es erst, wenn es soweit ist, d. h. es sind keine Kräfteeinteilung oder Vorausplanungen möglich z. B. Arzttermine, Freizeitgestaltung."


Bezahlung ohne Tarif



Die Bezahlung orientiert sich (d.h. unverbindlich und frei nach dem Ermessen des Unternehmens) offiziell am Tarif der Logistikbranche Thüringen, ohne die Zahlung von Weihnachts- oder Urlaubsgeld.
Laut Arbeitsvertrag handelt es sich um eine 40-Stunden-Woche, verteilt auf eine 6-Tage-Woche, es wird aber entweder deutlich weniger als 40 Stunden gearbeitet oder deutlich mehr, oftmals 50 Stunden pro Woche. Ein Ausgleichstag wird vielen Beschäftigten nur willkürlich genehmigt.
Im Sommer 2015 wurde auf der Betriebsversammlung bekannt gegeben, dass es eine Entgelterhöhung von 3 % gibt. Diese wurde aber nur wenige Tage später unscheinbar am schwarzen Brett wieder zurück genommen, mit der Begründung, dass sich der Fehlerteufel eingeschlichen hat und man sich im Jahr geirrt hätte.


Offene Feindschaft gegen Gewerkschaften | betriebsratsfreie Zone



Als Verdi (22.09.2015) vor dem Gebäude von KNV (freies Gelände, nicht Eigentum von KNV) Flugblätter zum Beitritt der Gewerkschaft verteilt hat, um z. B. einen Betriebsrat aufzubauen, hat der Vorstand von KNV mit Polizei gedroht, um Verdi zu vertreiben. Mitarbeiter, die sich für einen Betriebsrat einsetzen oder sich bereits bei öffentlichen Gewerkschaftstreffen informiert haben, müssen mit Schikane durch KNV rechnen. Sie sind einer ständigen Beobachtung und sukzessiven Einschüchterungsmaßnahmen z. B. haltlose Abmahnungen, Kündigungen ausgesetzt.
Geschäftsleitung und Vorstand haben laut Schilderung von Beschäftigten ganz klar auf der Betriebsversammlung am 23. 09. 2015 bekannt gegeben, dass KNV „null mit einer Gewerkschaft“ z. B. Verdi zusammenarbeiten wird.
Beschwerden von Beschäftigen aufgrund von Beleidigungen, Standpauken vor Kollegen durch Vorgesetzte bleiben oft folgenlos. Ausfallendes Verhalten scheint für die Geschäftsleitung zum üblichen Umgangston im Lager zu gehören.


Drangsalierung von Kranken



Beim Umgang mit Krankheit setzt KNV ebenso auf Einschüchterung. Arbeitsunfähigkeit in der Probezeit kann bedeuten, dass der Arbeitsvertrag ausläuft. Mitarbeiter müssen nach Genesung (dabei ist unerheblich ob eine Arbeitsunfähigkeit eine Woche oder sechs Wochen andauert) mit persönlichen Gesprächen durch Vorgesetzte rechnen.
Bei längerer Krankheit (ca. ab 5 Wochen) kann es der Fall sein, dass keine betriebliche Eingliederung stattfindet, sondern dem Mitarbeiter nahegelegt wird, sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen, ansonsten wird gekündigt.


Japanische Management-Methode: Kaizen



KNV Logistik legt auf der Firmen-Website die Karten offen auf den Tisch. Man ist stolz darauf, die japanische Management-Philosphie Kaizen aus der Autoproduktion seit 2004 auf die Buchhandels-Logistik übertragen zu haben. Das Lager in Erfurt wurde von Porsche Consulting von Grund auf nach Kaizen konzipiert, so ist zu lesen. Kern-Prinzipien sind ständige Verschlankung der Lieferkette, Null-Fehler, ständige Steigerung der Effizienz. Zufriedene Beschäftigte und humane, familientaugliche Arbeitsbedingungen gehören nicht dazu.


Wie können wir gegen die Machenschaften bei KNV Logistik vorgehen?

Der deutsche Buchhandel hat ein gemütliches, menschenfreundliches Image. Fast möchte man ihn - angesichts skrupelloser Konkurrenten wie amazon - unter Artenschutz stellen oder als Weltkulturerbe deklarieren. Doch hinter den Kulissen stinkt es gewaltig.


Quelle: www.arbeitsunrecht.de












Kommentare:

  1. Porsche! Die hatten ja auch bei uns schon ihre Finger im Spiel. Wie das alles immer zusammenhängt...

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    1. Genau, es ist alles eine große Verschwörung. Komm mal runter. Und Kaizen ist im Grunde etwas gutes. Man kann es natürlich auch zum schlechten anwenden.

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    2. Daß Kaizen etwas Gutes zu bewirken sucht, sagt ja schon der Name. Die fünf Grundpfeiler sind Komponenten, auf die sich jede und jeder im Handel Beschäftigte einigen können müßte. Das Problem bei Porsche war, daß von Kritikorientierung keine Spur zu sehen war. Keine Ahnung, ob das im japanischen Original besser umgesetzt wurde, aber uns eher so zu 0 %. Und wenn einer der Pfeiler fehlt, bröckelt auch der Rest

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    3. Hugendubel hat Porsche ein Schweinegeld für ein Projekt bezahlt, dessen Nachhaltigkeit zweifelhaft ist. In das Potenzial der eigenen Führungskräfte hat man anscheinend kein Vertrauen. Ebenso wurde das betriebliche Vorschlagwesen ewig verschleppt. So entwickelt man kein Unternehmen weiter.

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    4. @Anonym 14:59

      Kaizen, KVP, TQM und wie sie alles heissen, sind Rationalisierungsprogramme. Aber nicht zur Schaffung einer humanen Arbeitswelt, sondern am Ende immer zur Profitsteigerung. Bei Hugendubel dient es vorwiegend dazu, mit der ohnehin extrem dünnen Personaldecke weitermachen zu können und dabei möglichst wenig Personal einzustellen. Mit Verschwörungstheorie hat das alles wenig zu tun. Das ist ganz normales kapitalistisches Business.

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  2. "Im Sommer 2015 wurde auf der Betriebsversammlung bekannt gegeben, dass es eine Entgelterhöhung von 3 % gibt. Diese wurde aber nur wenige Tage später unscheinbar am schwarzen Brett wieder zurück genommen, mit der Begründung, dass sich der Fehlerteufel eingeschlichen hat und man sich im Jahr geirrt hätte."

    Das ist tatsächlich 19. Jahrhundert. Dagegen hilft nur gewerkschaftliche Organisierung.

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