Samstag, 9. April 2016

Die Obergrenze des Humanen

- oder vom Weltinnneraum der Zipfelhaube


Wir Bayern sollten uns gelegentlich selber zuhören: zum einen, wenn wir Blödsinn verzapfen; zum anderen, wenn wir unsere Hymne singen. Soweit bekannt ist sie - in ihrer Nachkriegsfassung zumindest - die einzige, die über die nationale Selbstbeweihräucherung hinaus einen universalen Menschenrechtsanspruch formuliert: "Gott mit uns und Gott mit allen, die der Menschen heilig Recht treu beschützen und bewahren von Geschlechte zu Geschlecht." Immerhin in einem Punkt scheinen unser Landesvater und seine Zündlerunion diese Worte zu beherzigen: wer anderen hilft, die Not leiden, bleibt im Ernstfall auf himmlischen Beistand angewiesen; mit ihrer Unterstützung jedenfalls braucht er nicht allzu sehr zu rechnen.

Hier schlägt die verblasene Protestinterpretation der christlichen Anthropologie im christsozialen Parteiprogramm durch: wo Liberalität und Menschenwürde unter dem vielsagenden Titel der >Eigenverantwortung< auf seltsame Weise zugleich garantiert und einkassiert werden. Getreu dieser Eleutherologie der Ausgrenzung und Responsiblität allvor dem eigenen Wohlstand lokalisiert mancher im Freistaat jetzt auch betreffs Immigration die Obergrenze des Humanen ziemlich genau dort, wo es beginnen müsste - bzw. nach unten irgendwie nichts mehr geht. Doch was für den echten weisblauen Patrioten zweifellos das Schlimmste ist: die meisten übrigen sind auch nicht besser - sie haben nur keine so schöne Nationalhymne.


Unlängst schrieb ein vielgelesenes Wochenmagazin, die Flüchtlingspolitik unserer Bundeskanzlerin werde im Ausland zunehmend kritisiert - und zitierte keinen geringeren als Mr. Giant Wall, der in solchen Fragen bereits internationale Autorität zu genießen scheint: Yankee doodle, guard your coast - lautet die Devise! Dass indes Merkel-Deutschlands generöse Willkommensgeste (so gut sie unzählige anständige und hilfsbereite Nicht-Horste unter uns auch meinen) Teil einer Außenpolitik ist, bei der es einmal mehr darum geht, sich innerhalb der Europäischen Union als Hegemonialmacht zu profilieren, sieht in unseren Nachbarstaaten wohl jeder - allein dem alten Michel dürfte seine Schlafmütze mittlerweile vollends über die Augen gerutscht sein.



Jetzt glaubt der Ärmste gar, an der Innenseite genannter Kopfbedeckung - die ihm als Inbegriff aller Realität gilt - etwas wahrzunehmen, von dessen Unwirtschaftlichkeit und Unerträglichkeit er zutiefst überzeugt ist: das Phantasma des Altruismus. Wurde ihm nicht lange genug gesungen und gesagt, man müsse ein Schwein sein; Sozialmoral und Menschenliebe seien in Fragen der Politik und Ökonomie schlechte Ratgeber, weil im gnadenlosen >struggle for life< der Globalisierung alles darauf ankäme, konkurrenzfähig zu bleiben? - Und nachdem er dies endlich ganz geschluckt und halb verdaut hat, taucht wie aus untergegangenen Märchenwelten eine angelische Lichtgestalt auf und verkündet ihm die humanitäre Frohbotschaft: Wir schaffen das!



Längst nicht mehr der uralte Stiefel, dass Die-da-oben sittliche Ideale vortäuschen, um ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen zu verschleiern, jedoch bringt den besorgten Neidbürger und Radfahrer spätkapitalistischen Zuschnitts in Rage, sondern die Befürchtung, es könnte just umgekehrt sein - und er dürfe die Zeche zahlen: die Perversion der Perversion! Wenn in der linken Gehirnhemisphäre unserer politischen "Mitte" daher die Einsicht aufdämmert, jener barbarische >Furor Teutonicus< gegen Asylsuchende, der heute zum Nachrichtenalltag der Republik gehört, hänge mit ihrer jahrelangen Praxis des Sozialabbaus zusammen, stimmt daran zumindest dies: wir verdanken ihn derselben Gefühlskälte und Schadenfreude. Der profunden Missgunst vieler, die wenig, das andere haben, für alles halten, weil es nicht nichts ist!



Dass die Scheinheiligste Partei Deutschlands verspätet ihr Herz für die Schlusslichter der volkswirtschaftlichen Nahrungskette entdeckt, ehrt sie zwar, wird den unverhohlenen Fremdenhaß weiter Kreise der Bevölkerung aber kaum abschwächen, ihn eher anheizen. Was sich in Bautzen und Clausnitz ereignete, war kein verkappter Klassenkampf, sondern eine sozialdarwinistische Eruption. Es sind mehrheitlich weder Opfer noch Gegner, sondern

dieselben Freunde und ehernen Säulen gesellschaftlicher Ausgrenzung, welche nun laut und tätlich werden, auf deren exklusiven Egoismus und Narzißmus die Scheinheiligste Partei Deutschlands zählen konnte, als sie zu Jahrtausendbeginn jene schäbigen "Reformen" durchdrückte, die sie nach Ansicht ihrer zynischen GroKo-Partnerin jetzt nicht plötzlich bereuen sollte.



Wer nämlich glaubt, er könne mit dem Teufel paktieren und ihn hinterher um seinen Lohn prellen oder (wie schon einmal fälschlich angenommen) in die Ecke stellen, bis er quietsche, der irrt: ein sozialer Zusammenhalt, den man über Jahre gezielt untergraben hat, lässt sich nicht beliebig abrufen - da hülfe es wenig, den Zu-kurz-Gekommenen ein paar Brocken vorzuwerfen. Die all den demagogischen Mist vom in dekadentem Luxus schwelgenden >Sozialschmarotzer< oder >Asylschmarotzer< gefressen haben, sind das Problem, nicht die all das ausbaden. Kurzum: des alten Michels enge Horizonte sind das Problem, weil er den Sloterdijkschen >Dingsbums des Kapitals< mit dem Weltinnenraum der Zipfelhaube verwechselt, die ihm über die Augen - ja eigentlich nicht gerutscht ist, sondern gezogen wurde.



Wie also, wenn unsere >Etablierten< tatsächlich Mut zu (am eigenen Populismus gemessen) unpopulären Entscheidungen aufbrächten? - Schon Luther wußte: "Wer mit eim Dreck rammelt, er gewinne oder verliere, so gehet er beschissen davon." Statt mit mehr oder minder faschistischen und rassistischen Eutopien á la >Festung Europa< herumzuexperimentieren, täten sie folglich besser daran, es mit Solidarität und Sozialismus zu versuchen. Und sollte auch hierbei einigen Wählern das Original lieber sein als die Kopie, wäre das - nebenbei bemerkt - kein Beinbruch.

Kommentare:

  1. Wann singt man die denn so, diese Bayerenhymne? Vor oder nach dem Weizenbier mit kollektivem Jammern über die garstigen Arbeitszeiten in der bösen Welt da draußen. Wieder einmal einer dieser Texte bei denen man nicht recht weiß, waren es die Albträume oder der Absinth, der die Themenverquickung in Gang setzte.

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    1. Iwan Petrowitsch Pawlow hätte seine helle Freude an Dir: immer wenn in einem Blog-Artikel die Worte "Bayern" oder "München" austauschen, schon tritt Schaum vor Deinen Mund und Du hackst einen Wut-Kommentar in Deine Tastatur. Vielleicht kann ein Therapeut gegen Bavariophobie Dein Schicksal als vermutlich frustrierter Ex-Weiland-Mitarbeiter lindern.
      Aber irgendwie schon lustig, dass Du Deine Jeremiaden hier in diesem Gewerkschaftsblog ablässt, wo Du doch weder für Betriebsrat noch für Gewerkschaft Sympathien hegst und Kritik nur als "Jammern" diffamierst.



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    2. Liebe Auroraborreliose,

      wer einen Text nicht kapiert hat, sollte ihn nicht so runterputzen, und schon gar nicht mit dem Argument, der Verfasser sei ein Bayer. Das ist rassistisch, und dumm ist es auch. Ich finde es gut, dass in diesem Blog solche kritischen Beiträge wie "Die Obergrenze des Humanen" zu lesen sind. Von einer Themenverquickung kann überhaupt keine Rede sein, sondern der Autor versucht Zusammenhänge aufzuzeigen; das ist etwas völlig Anderes. Eine Wurzel des Fremdenhasses in unserem Land sieht er in einer falschen Politik der etablierten Parteien, die über Jahre hinweg den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft untergraben haben. Damit hat er meiner Ansicht nach Recht, und damit, dass das nicht sehr gut zu einer christlichen Partei passt, auch. Sein Gegenrezept heißt Solidarität und Sozialismus. Darüber sollte man ernsthaft diskutieren. Ein Gewerkschaftsthema ist das auf jeden Fall.

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    3. Ich bin zwar selbst nicht aus Bayern. Aber mir hat das mit dem Zitat aus der Hymne sehr gut gefallen. Es scheint, dass hier trotz aller Bissigkeit jemand schreibt, der tatsächlich an Werte und Traditionen glaubt. Während so viele andere bloß von Abendland reden, weil sie einen Grund brauchen, um andere abzukanzeln und auf die Schnauze zu hauen.

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    4. Ihr solltet mit "aurora borealis" nicht so hart ins Gericht gehen. Er hat einen sehr nützlichen und hilfreichen Beitrag zum Textverständnis geleistet. Jetzt kann ich nämlich viel besser verstehen, was der Autor mit dem "Weltinnenraum der Zipfelhaube" meint, und mir einigermaßen vorstellen, wie es da drin so aussieht. Denn es ist für einen modernen Menschen ja schließlich nicht ganz einfach, die Dinge aus dem Blickwinkel eines präwilhelminischen Provinzialismus und Protektionismus zu betrachten. Aber dafür haben wir unser Nordlicht, das uns zeigt, wie's gemacht wird.

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  2. Mit der Klage über eine fortschreitende soziale Atomisierung, den Verlust des sozialen Zusammenhalts und die damit verbundenen Gefahren für Zivilgesellschaft und Demokratie ist der Verfasser der "Obergrenze" nicht allein. Allerdings frage ich mich, ob PEGIDA und AfD nicht eigentlich die Gegenveranstaltung dazu sind, nur eben leider anders als die meisten es gern hätten. Wenn da steht, es seien "weder Gegner noch Opfer ... gesellschaftlicher Ausgrenzung, welche nun laut und tätlich werden", so bin ich mir bei der letzten Gruppe nicht so sicher. Dass PEGIDA und AfD keine Randguppen sind, sondern sich aus der Mitte der Gesellschaft rekrutieren, stimmt zwar. Das heisst aber längst nicht, dass das auch für diejenigen gilt, die übergriffig werden. Wenn hier generell von "Freunden" und "Säulen gesellschaftlicher Ausgrenzung" die Rede ist, scheint mir das zu pauschal. Darüber wüßte ich gerne Genaueres. Auch die Frage, welche Rolle die Parteien der Mitte dabei spielen, ist nicht so einfach zu beantworten. Ihnen wird einerseits vorgeworfen, dass sie mit dem Feuer spielen. Andererseits heisst es, ein sozialer Zusammenhalt, der so lange untergraben wurde, ließe sich nicht bliebig abrufen, was doch suggeriert, dass sie diesen Zusammenhalt wollen. Das ist keineswegs ganz klar. In einem Punkt muss ich dem Artikelschreiber aber Recht geben: Wenn sie es nicht wollen, ist das umso schlimmer. Ob allerdings Sozialismus wirklich verlorene Gemeinschaftswerte wieder bringen kann, möchte ich bezweifeln. Ich weiss auch gar nicht, ob ich wirklich in einer Gesellschaft leben wollte, in der alle ständig am selben Strang in dieselbe Richtung ziehen müssen. Das wäre vielleicht eine noch größere Gefahr für Zivilgesellschaft und Demokratie als das augenblickliche Comeback der Rechten.

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    1. Holla Michelchen!
      Jetzt wäre dir vor lauter Räsonnieren beinahe die Zipfelmütze hochgegangen!
      Die Frage ist doch nicht, ob in der Welt des Sozialatomismus noch Allianzen möglich sind, sondern ob das im vorliegenden Fall irgendetwas mit sozialem Engagement und Gemeinsinn zu tun hat. Und da würde ich bei unserer neuen Rechten sagen: klarer Fall von Fehlanzeige!
      Was die Unterscheidung zwischen Mitte und Rand angeht, würde ich sagen, es ist doch in der Geschichte nichts Neues, dass die einen das geistige Klima fabrizieren, in dem die anderen dann zuschlagen. Das war bei den Hexenverfolgungen so, das war bei den Judenverfolgungen so, und das ist auch bei den Übergriffen gegen Ausländer so.
      Dein Argument gegen den Sozialismus verstehe ich. Man muss aber bedenken, dass damit nicht zwangsläufig eine totalitäre Gleichmacherei gemeint sein muß. Wenn in Deutschland heute zwei oder drei Parteien regieren, die alle auf je eigene Art den Kapitalismus bedienen, dann könnte es ja auch zwei oder drei verschiedene Wege geben, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen.
      Und vor allem so fundamentale Fragen wie Menschenrechte oder Asylrecht müssen und dürfen auch in einer Demokratie nicht zur Disposition stehen.

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