Donnerstag, 4. Februar 2016

Die ganze Härte des Geschwätzes

Silvester in Köln - ein gefundenes - Fressen? Ein kräftiger Spritzer Eau de Cologne jedenfalls für den deutschen Kulturrassismus - und ein Dufthauch des Femininen, auf dass er nicht zum Himmel stinke! Eines nämlich scheint unter Regierungsvertretern abgemachte Sache zu sein: sexuelle Gewalt gegen Frauen? - das ginge vielleicht noch irgendwie: ist ja bisher schließlich auch gegangen! Aber von Fremden gegen deutsche Frauen? - das geht gar nicht! Wenn so einer sowas macht, tönt es vollmundig, müsse er "die ganze Härte des Gesetzes" zu spüren bekommen.

Doch steckt hinter dieser verbalen Kraftmeierei ein Rechtsverständnis, das nicht das unsere sein darf. Sie ist ein verkappter Appell an die Judikative, auf Wunsch den rasenden Roland zu spielen. Und während nun der gute Baron de Montsquieu in seinem Grab vermutlich rotiert wie ein Schlagbohrer, scheint unser schlimmster Oberrichter (incognito, versteht sich) durch die Köpfe der Republik zu spuken. Eventuell wäre in solchen Fällen der CDU-Vorschlag doch recht hilfreich: "Ha' Du Gewaltenteilung in Demokratie nix verstanden! Mu' Du Kreuz unter Integrationspapierchen malen und lernen!"


Indes hat kaum jemand sich die Mühe gemacht, den Sinn der jüngsten Kampfansage genauer zu erfragen. Gilt sie Unschuldigen, die lediglich das Pech haben, Ausländer oder Flüchtling zu sein? - etwa nach dem Motto: wir haben unsere Lektion aus dem Gemetzel von Glencoe gelernt - und diesmal fliegt ihr vorher raus! Oder heißt es: wer dem Tod und der Not des Krieges entkommen ist, nur um bei uns ein Handtäschlein zu klauen, wird sich demnächst von Rechtswegen mit hundertfünfzigprozentiger Sicherheit in den Händen seiner Peiniger wiederfinden - und wer grobfahrlässigerweise verabsäumt hat, aus den qualmenden Trümmern seines zerbombten Hauses unter Feindbeschuß den Passport zu bergen, sowieso?

Aber warum überhaupt diese Torheiten und Ausrutscher? Hätte nicht ein Kanzlerinnenehrenwort genügt, alles zu tun, was möglich wäre, damit die Kölner Missetäter vor Gericht gestellt und gerecht bestraft werden würden? Wenn es sich um keine Sexualdelikte handelte, verübt von mutmaßlichen Migrantenmachos, sondern um eine zünftige und rassenrein bajuwarische Wirtshausschlägerei mit Todesfolge - Maßkrug auf den Schädel, dass das Hirn bloß so spritzt - dann wahrscheinlich schon! Sobald jedoch etwas anderes spritzen könnte, fängt die xenophobe Volksseele zu brodeln und die Geschichte an, äußerst heikel zu werden.

Schon das Massaker von Amritsar wäre Opfern wie Tätern vielleicht erspart geblieben, hätten britische Offiziere nicht - befeuert durch allerlei Berichte und Gerüchte - das für sie so unerträgliche Bild des dunkelhäutigen Inders in sich emporsteigen sehen, der englische Ladies befummelt. Wer fragt, was das mit uns hier und heute zu tun hat, möge sich an die Titelseite des vorletzten Focus erinnern: unser blondes Gretchen, betatscht, befleckt, beschmutzt von schwarzen Händen - Beute frauenverachtender Barbaren und Wüstlinge! - Kein Wunder, dass es der Rechtsstaat denen jetzt mal zeigen soll, dass er auch gehörig was in der Hose hat!

Bleibt zu hoffen, das zivilgesellschaftliche Über-Ich werde letztlich fit genug sein, die ganze Härte des Geschwätzes zu durchschauen. Denn wie die Dinge derzeit liegen, laufen alle Debatten auf die eine Frage hinaus: wollen wir ein Volk sein, das zu den Werten seiner Verfassung und seiner christlichen Tradition steht, oder nur ein Haufen kleinmütiger Krämerseelen, die in einem Augenblick weltweiter Verantwortung unter scheinheiligen Ausflüchten lieber ans Abschieben und Abschotten denken?



Kommentare:

  1. Oho, die Linken erkennen plötzlich die christliche Tradition!
    Wie sie das auch gerne hinsichtlich der Sonntagsarbeitszeit machen und plötzlich beste Freunde mit den Vertretern der Kirche sind.
    By the way, es heißt Amritsa-r. So viel Zeit muß sein.

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    1. by the way... es gibt durchaus einen "christlich religiösen Sozialismus". zwar eher bei den Protestanten, als bei den Katholiken, aber es gibt ihn. übrigens war rudi dutschke bekennender und praktizierender christ.

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  2. Wer sagt, dass ich ein Linker bin? Ich bin seit meiner Taufe gläubiger Katholik und nie etwas anderes gewesen. In einem Punkt bin ich allerdings ein wenig eigen: wenn sogar Atheisten wie Marx oder Engels den richtigen Blick auf die herrschenden Verhältnisse haben konnten, dann kann ich als Christ das erst recht. Vielleicht kannst du es als Ichweißnichtwasdubist ja auch. Versuch doch mal! Jedenfalls möchte ich dir - auf die Gefahr hin, dass ich aus dem Gedächtnis schon wieder ungenau zitiere - ein Wort des Heiligen Apostels Paulus mit auf den Weg geben: "Die Wahrheit wird uns frei machen."

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  3. Selbstverständlich verbünden sich Gewerkschaften mit Christen gegen Neonazis oder arbeitnehmerfeindliche Sonntagsöffnungen.

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  4. Ob sozialistisch oder katholisch ist mir eigentlich ziemlich egal. Was mich stört, ist der Vergleich mit dem Nazi-Richter. Es wird doch wohl noch möglich sein, als Frau in der Nacht auf der Straße herumzulaufen, und ein Staat, der das garantiert, ist deshalb noch lange keine Diktatur.

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  5. " wer dem Tod und der Not des Krieges entkommen ist, nur um bei uns ein Handtäschlein zu klauen, wird sich demnächst von Rechtswegen mit hundertfünfzigprozentiger Sicherheit in den Händen seiner Peiniger wiederfinden "

    Es ging in Köln ja wohl nicht darum, "nur" ein "Handtäschlein" zu klauen-das empfinde ich als massive Verniedlichung von massenhaften sexuellen Übergriffen gegen Frauen....Sonst hätte ich dem Tenor dieser Glosse vielleicht beipflichten können.

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  6. Straftaten müssen geahndet werden, egal wer sie begangen hat. In der medialen Öffentlichkeit ist allerdings ein krasses Ungleichgewicht festzustellen. Laut ARD-Sendung Monitor gab es seit Jahresbeginn 92 Anschläge auf Flüchtlingsheime. Anzahl der Talkshows zum Thema: Null. Zu den Vorfällen in Köln an Silvester gab es 11 Sendungen.
    Ähnlich verhält es sich beim Thema "Sexuelle Übergriffe". Laut Statistik gibt es 7000 Anzeigen (die Dunkelziffer dürfte ein Vielfaches höher sein). Wo ist das in den Medien thematisiert worden? ich kann mich an keine einzige Sendung erinnern. Wenn ein Thema nur dann aufgegriffen wird, weil es von Flüchtlingen begangen wurde, dann ist das Rassismus.

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