Freitag, 19. August 2016

Lob der Dialektik



 
Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.
Die Unterdrücker richten sich ein auf zehntausend Jahre.
Die Gewalt versichert: So, wie es ist, bleibt es.
Keine Stimme ertönt außer der Stimme der Herrschenden.
Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut:
Jetzt beginne ich erst.

Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:
Was wir wollen, geht niemals.

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
 
 
 

Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.

Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen: niemals?

An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird?
Ebenfalls an uns.
 
 
 

Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!

Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen,
Und aus Niemals wird: Heute noch!
 
 
(Bertolt Brecht, 1932)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Anmerkung der Infoblog-Redaktion: Die drei Graphiken sind Variationen zum Bild von El Lissitzky,
"Schlagt die Weissen mit dem roten Keil" (1919) und stammen von Frank Schröder.
Wir danken Frank Schröder ganz herzlich für die Genehmigung zur Verwendung.
 
 


Kommentare:

  1. Es ist erschütternd, dass Brechts Gedicht nach über acht Jahrzehnten nichts von seiner Aktualität verloren hat. "An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns. An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird?
    Ebenfalls an uns."

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  2. Das alles stimmt noch immer. Aber es ist heute zu abstrakt geworden und zu weit weg, um einfach so verstanden zu werden. Die Frage lautet im Augenblick mehr denn je: Wer sind WIR? Und sie wird in einer Gesellschaft, die sich mehr denn je durch populistische Abschottungs- und Ausgrenzungsphantasien verführen und aufspalten lässt, statt in jeder und jedem zuerst den Menschen zu sehen, auch nicht beantworten lassen. Es braucht daher vor allem Solidarität und Mut zur Solidarität, sie zu beantworten.

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  3. Brecht zu abstrakt und unverständlich? Glaube ich nicht. Wie kann man den seit einem Jahrzehnt vor sich hinwuchernden Krisenkapitalismus besser auf den Punkt bringen als mit Brechts Diktum: "Was ist der Überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer Bank?"

    Auch die Frage nach dem WIR ist beantwortbar: das ist die Masse an lohnabhängig Beschäftigten, Arbeitslosen, Rentnern, Studierenden etc (und bevor jetzt wieder ein Schwachsinnskommentar kommt: damit meine ich selbstverständlich Männer und Frauen) die die übergroße Mehrheit der Bevölkerung stellt. Und wenn sich diese riesige Mehrheit nicht von rechten Rassisten oder Kapitalinteressen auseinanderdividieren läßt, dann könnte sie sich ihrer Macht bewußt werden.

    Denn wie schrieb Percy Bysshe Shelley 1819 in einem Gedicht:

    "Rise, like lions after slumber
    In unvanquishable number!
    Shake your chains to earth like dew
    Which in sleep had fallen on you:
    Ye are many — they are few!"

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  4. Ich glaube nicht. lieber "We are the 99%", dass unsere Ansichten sehr weit auseinanderliegen. Aber einen Unterschied gibt es: Dein "Und wenn"-Satz leitet eine Bedingung ein, die du offenbar für leicht erfüllbar hältst. Ich tue das nicht - und ich glaube, die aktuellen politischen Entwicklungen geben mir Recht. Aber wir brauchen gar nicht über Rechtswähler und Rassisten zu reden: nimm einfach die simple Tatsache, dass Ärzte niemals gemeinsam mit Krankenpflegern oder Piloten niemals gemeinsam mit Fluglotsen Gehaltsforderungen durchsetzen - da gibt es kein Bewußtsein der gemeinsamen Abhängigkeit, sondern da herrscht der Narzissmus des minimalen Unterschiedes. Das zu ändern, werden noch große und viele Anstrengungen nötig sein.

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    1. Leuchtet ein! Er hat ja eigentlich nicht gesagt "unverständlich", sondern "nicht einfach so" zu verstehen. Das ist für mich nicht dasselbe.
      Außerdem war es den Leuten zu Brechts sicherlich klarer, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist und welche die revolutionäre Klasse ist. Heute leugnen die meisten einfach, dass es überhaupt Klassengegensätze gibt.
      In den Wirtschaftszeitungen werden die Unternahmer als "die Revolutionäre" gepriesen - und was Marx "Lumpenproletariat" trifft man heute in allen Gehaltsategorien an. Wenn in diesem ganzen ideologischen Drecksverhau einigen Leuten trotzdem alles klar ist, heisst das bestimmt nicht, dass allen alles klar ist. Der Kollege hat also wohl Recht doch, wenn er darauf hinweist!

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  5. Sorry! Es muss natürlich heissen "Brechts Zeiten" und "was Marx --- nannte" und "doch Recht" statt "Recht doch". Aber sonst bleibe ich dabei.

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