Donnerstag, 30. August 2012

Gestern auf dem Flur...

Ein paar Gedanken zur Gewerkschaft und zu meinen Kollegen bei Hugendubel


Eine Kollegin gestern in der Mittagspause zu mir: "Ach, hör mir doch auf mit der Gewerkschaft. Ich kanns nicht mehr hören. Die machen eh nur alles schlecht. Das ist der Job der Gewerkschaft. Alles schlecht machen. Panik verbreiten. Um neue Mitglieder zu bekommen. Aber nicht mit mir."


Bei solchen Gelegenheiten frage ich mich schon, wie ich darauf eigentlich reagieren soll. Wütend? Schreiend? Stattdessen schweige ich und schüttele nur ungläubig den Kopf. Resigniert.

Man sag ja immer, dass Buchhändler besonders belesen und deshalb auch besonders klug sind. Leider demaskiert sich der Buchhändler durch Aussagen wie oben immer wieder selbst und ich komme nicht umhin mich zu fragen: lebt der Buchhändler in einer Illusionsblase und meint, nur weil er Buchhändler ist, besonders klug zu sein, und ist er deshalb vielleicht sogar viel dümmer, weil es einfach oftmals nicht der Realität entspricht?

Wie soll man ernsthaft darauf reagieren, wenn vom Kollegen XY zwar immer fleißig die Tariferhöhung mitgenommen wird, das Weihnachtsgeld, die Urlaubstage. Wenn man bei genau jenem Kollegen jedoch das Thema Gewerkschaft im persönlichen Gespräch anschneidet, stößt man oft auf Ablehnung, ja sogar auf Kritik.



Ist es die Angst, sich mit den Problemen in der Firma zu beschäftigen, mit dem möglichen Arbeitsplatzverlust? Möchte man nicht so gerne daran erinnert werden, dass man zwar hart erkämpfte Annehmlichkeiten gerne entgegennimmt, man aber nichts dafür getan hat? Warum wechselt man so gerne das Thema, sobald das Gespräch auf die Gewerkschaft kommt? Bitte, bitte sich nicht mit negativen Themen beschäftigen? Lieber über das neue Smartphone sprechen, das man sich bald kaufen möchte?

Muß sich die Gewerkschaft selbst an die Nase fassen und sich fragen, was sie eigentlich falsch gemacht hat bei ihrer Kernklientel, warum der Ruf so schlecht ist?

"Ich gehe nicht zu einer Betriebsversammlung, wenn sie im Gewerkschaftshaus stattfindet."
O-Ton einer Kollegin.

Von der Gewerkschaft kann man halten, was man möchte. Auch ich bin nicht immer zufrieden, was bei verdi so vor sich geht. Auch ich kann nicht jede einzelne Entscheidung nachvollziehen, bin manchmal auch anderer Meinung. 
Aber ist das ein Grund, GEGEN die Gewerkschaft zu sein? Mich also auf die Arbeitgeberseite zu stellen und zu sagen: das was die Gewerkschaft macht, schadet meinem Arbeitsplatz! Das sind nur Leute, die alles schlechtreden?

Definitiv NEIN!
Ich möchte nicht wissen, wie mein Arbeitsplatz aussehen würde, wenn es keine Gewerkschaft gäbe.
Die Hugendubel-Geschäftsleitung hat mir in den letzten Jahren oft genug Gelegenheit gegeben, "hinter die Kulissen" zu schauen und die Motive der GL zu durchschauen. Wie oft schon wurde Dinge versucht, die nicht rechtens sind. Und das, obwohl es einen Betriebsrat und die Gewerkschaft gibt. Silvesterarbeitszeit, Sozialplan etc...
Wenn keiner wachen würde, wenn keiner aufpassen würde, glaubt da wirklich noch jemand, dass es uns genauso gut gehen würde, wie jetzt?

Glaubt wirklich jemand, dass Hugendubel weiterhin fröhlich und pünktlich 150% Weihnachtsgeld bezahlen würde, wenn da nicht vorher unsere Gewerkschaft (und wir) dafür gekämpft hätten? Glaubt das wirklich jemand?

Kommentare:

  1. Stimme voll und ganz zu! Mehr noch, ich bin sicher: ohne Gewerkschaft wäre unsere Arbeitssituation bei Hugendubel nicht nur sehr viel schlechter - viele von uns wären ihre Jobs schon längst los ...

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  2. Typisch Hugendubel-Belegschaft: Auf ver.di schimpfen, sich den Gewerkschaftsbeitrag sparen, nicht zur Betriebsversammlung gehehn, weil man gut da stehen will - und dann mit der größten Selbstverständlichkeit die von den gewerkschaftlich organisierten kollegInnen erkämpfte Gehaltserhöhung (Entgelttarifvertrag) einstecken.

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  3. Bin absolut der gleichen Meinung. Danke für dieses Statement!

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  4. Ein guter Artikel.
    Das könnte ganz genau so auch an meinem Arbeitsplatz abgelaufen sein. Die ganze abgedroschene ver.di-Kritik kann ich nicht mehr hören.
    Ich bin mittlerweile auch etwas resigniert. Was soll man bei solchen Kollegen nur tun? Anscheinend ist vielen gar nicht bewußt, was wir durch die Gewerkschaft und durch die Mitglieder (ja, eine starke Gewerkschaft braucht nun mal viele/starke Mitglieder) erhalten; was von ihnen erkämpft wurde.
    Ich sage nur Tariferhöhungen und vieles mehr.
    Es kann doch wirklich keiner glauben, dass Hugendubel alles freiwillig gibt und tut, weil sie ja ach so nett sind?
    Was glaubt ihr, wenn das nicht aller erkämpft worden und vertraglich festgehalten wäre, wie schnell wir uns von allem verabschieden könnten?

    Viele Kollegen wollen sich einfach nicht mit Gewerkschaft beschäftigen. Morgens in die Arbeit, abends heim und das wars dann. Nur nicht nachdenken.

    "Ich will doch nur meine Arbeit machen. Laßt mich mit allem anderen in Ruhe"

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  5. Bei Hugendubel gibt es noch Mitarbeiter, die Weihnachtsgeld bekommen?
    Ich kann mich nur anschließen: Wer seinen Arbeitsplatz mit einer angemessenen Bezahlung behalten will, wer bei einer betriebsbedingten Kündigung einen Sozialplan will, wer will, dass unsere Arbeitsplätze nicht von Mini-Jobbern übernommen werden, die nur deshalb Mini-Jobs machen müssen, um überhaupt arbeiten zu können...
    Sollte jetzt den Arsch hochkriegen und in die Gewerkschaft eintreten und einen Betriebsrat gründen, wo es geht.

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  6. Bei Hugendubel gibt es noch Mitarbeiter, die Weihnachtsgeld bekommen?
    Ich kann mich nur anschließen: Wer seinen Arbeitsplatz mit einer angemessenen Bezahlung behalten will, wer bei einer betriebsbedingten Kündigung einen Sozialplan will, wer will, dass unsere Arbeitsplätze nicht von Mini-Jobbern übernommen werden, die nur deshalb Mini-Jobs machen müssen, um überhaupt arbeiten zu können...
    Sollte jetzt den Arsch hochkriegen und in die Gewerkschaft eintreten und einen Betriebsrat gründen, wo es geht.

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  7. Viele Dinge, die uns heute selbstverständlich erscheinen, wurden in der Vergangenheit von den Gewerkschaften erkämpft, z. B: neben der ständigen Lohnanpassung und der geregelten Arbeitszeit mit festem Gehalt, Überstundenzuschlägen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bezahlten Pausen, 30 Tage Urlaub, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, Maßnahmen zur Sicherheit am Arbeitsplatz und zur Sicherung des Arbeitsplatzes.

    Um so trauriger, dass es immer wieder abhängig Beschäftigte die mit der Gewerkschaft nichts zu tun haben wollen und dem Vernehmen nach dabei u. a. auch die Meinung "... die Gewerkschaft ist etwas für abhängig Beschäftigte mit geringen Bildungsabschluss ..." vertreten. In andere Worte gefasst könnte diese Meinung auch so ausgedrückt werden: "die Gewerkschaft ist etwas für Beschäftigte in der Fabrik, die im Blaumann am Fließband stehen ... aber doch nicht für mich, der/die ich doch (z. B.) im Büro arbeite ...".

    Dabei sind abhängig Beschäftigte mit einer derartigen oder vergleichbaren Meinung nichts anderes als Trittbrettfahrer, die keine Zivilcourage haben um sich selbst (zumindest passiv) zu engagieren ... und wenn sich wahrscheinlich eines Tages auch ihre eigenen Arbeitsbedingungen merklich verschlechtert haben (i. d. R. schleichend „stepp by stepp“), dann wird oftmals die aus eigener Frustration herrührende Aggression auf die Gewerkschaft verschoben - die Gewerkschaft wird zum Sündenbock gemacht. In diesem Zusammenhang wirf sich die Frage auf, ob dies möglicherweise das Ergebnis einer (über mehrere Generationen hinweg erfolgten?) Indoktrination durch neoliberalen Arbeitgeberlobyismus in der heutigen Gesellschaft ist?

    Ein Kunde

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