Sonntag, 16. Juli 2017

Der Engel der Geschichte

Zum 125. Geburtstag von Walter Benjamin

 
 Paul Klee "Angelus Novus" (Zeichnung von 1920), zeitweise im Besitz von Walter Benjamin


Auf der Flucht vor den Nazis brachte sich der jüdische Philosoph Walter Benjamin 1940 in einer für ihn aussichtslosen Situation im kleinen nordspanischen Ort Portbou um. Kurz zuvor schrieb er den geschichtsphilosophischen Aufsatz "Über den Begriff der Geschichte", dessen Manuskript er Hannah Arendt mitgab, die es so rettete. In der IX. These dieses Textes beschäftigte sich Benjamin auch mit der Zeichnung Angelus Novus von Paul Klee, die ihn stark berührte. Wir erinnern damit an den 125. Geburtstag dieses bedeutenden  Denkers.

„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. 


Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Walter Benjamin, "Über den Begriff der Geschichte", These IX (1940)