Montag, 18. August 2014

Aufstand gegen Amazon

1000 Autoren protestieren gegen Amazon-Praktiken

Nachdem bereits am 10. August über 900 US-AutorInnen in einer ganzseitigen Anzeige in der New York Times Stellung gegen erpresserische Versuche Amazons gegenüber Verlagen bezogen haben, schlossen sich jetzt auch in Deutschland über 1000 SchriftstellerInnen dem Aufruf an.

In einem Offenen Brief, der an Amazon-CEO Jeff Bezos und den Deutschlandchef Ralf Kleber adressiert ist, rufen sie den Konzern zur Umkehr im Konditionenstreit und zur Unterlassung von Manipulationen bei Empfehlungslisten auf:

"Liebe Leserinnen und Leser,
sehr geehrter Herr Bezos, sehr geehrter Herr Kleber,

Amazon befindet sich in einem Machtkampf mit der Bonnier-Verlagsgruppe und Hachette. Solche Auseinandersetzungen zwischen Firmen geschehen ständig, und normalerweise finden sie in den Büros der Firmen zwischen zwei Verhandlungspartnern statt.

Aber diesmal hat Amazon etwas Ungewöhnliches getan. Es hat direkt die Autoren und Autorinnen der Bonnier-Gruppe (Aladin, arsEdition, Berlin Verlag, Carlsen, Hörbuch Hamburg, Piper, Thienemann-Esslinger, Ullstein) angegriffen, um damit die Verlagsgruppe zu zwingen, in die neuen Vertragsbedingungen einzuwilligen.

In den letzten Monaten werden Bonnier-Autoren und Autorinnen boykottiert und ihre Bücher nicht auf Lager gelegt, selbst wenn es gängige Werke sind. Die Bücher werden verlangsamt ausgeliefert, über die Lieferbarkeit finden sich Falschaussagen, und die Autoren und Autorinnen tauchen nicht mehr in den Empfehlungslisten auf. In den „Kunden haben auch gekauft / sich angesehen“-Listen fehlen die Bonnier- Autoren und Autorinnen. Gerade diese Listen wirkten als Empfehlungen, manche bisher unbekannte Autorin, mancher Autor ist dadurch bekannt geworden. Obendrein hatten Amazon-Kunden bisher den Eindruck, dass diese Listen nicht manipuliert würden und sie sich auf Amazon verlassen konnten.

Doch das stimmt offenbar nicht.

  Amazon manipuliert Empfehlungslisten. Amazon nimmt Autoren und Autorinnen und ihre Bücher als Druckmittel her, um noch mehr Rabatte zu erzwingen.

Wir Autorinnen und Autoren sind der Meinung, dass kein Buchverkäufer den Verkauf von Büchern behindern oder gar Kunden vom Kauf von Büchern abhalten sollte. Amazon hat kein Recht, eine Autorengruppe, die am Konflikt nicht beteiligt ist, „in Beugehaft“ zu nehmen. Obendrein sollte kein Buchverkäufer seine eigenen Kunden falsch informieren oder ihre Einkäufe durch künstlich verlängerte Lieferzeiten behindern. Damit widerspricht Amazon seinem eigenen Versprechen, das kundenorientierteste Kaufhaus der Welt zu sein.

Viele Autoren und Autorinnen haben Amazon unterstützt, als es eine kleine Startup-Firma mit neuen Ideen war. Auch unsere Bücher haben Amazon geholfen, eines der größten Unternehmen der Welt zu werden. Wir haben Amazon Millionen in die Kassen gewirtschaftet, viele haben mit Amazon kooperiert und tun das noch heute. Viele von uns haben ihre Backlist bei Amazon, haben Rezensionen und Beiträge geschrieben.

Diese Autoren und Autorinnen, uns, jetzt „in Beugehaft“ zu nehmen, ist keine Art mit Geschäftspartnern umzugehen und fördert nicht das Vertrauen der Autoren und Autorinnen in einen der wichtigsten Vertriebspartner.

Wir wollen im Streit zwischen Amazon und Bonnier nicht Partei ergreifen, sondern wir fordern Amazon entschieden auf, nicht länger Bücher und damit auch Autoren und Autorinnen als Geiseln zu nehmen, sondern eine lebendige, ehrliche Buchkultur zu gewährleisten und die benannten Maßnahmen zu stoppen.

Wir bitten alle unsere Leserinnen und Leser, dass sie dem Gründer von Amazon Jeff Bezos (jeff@amazon.com) und dem Chef von Amazon Deutschland Ralf Kleber (rkleber@amazon.de) schreiben und ihm ihre Meinung über die jüngsten Erpressungsmethoden mitteilen. Jeff Bezos und Ralf Kleber sagen, dass sie sich freuen, wenn sie die Meinung von Kunden kennenlernen, und dass sie alle E-Mails lesen. Wir hoffen, dass wir, AutorInnen und LeserInnen, Jeff Bezos und Ralf Kleber davon überzeugen können, dass nur ein fairer Buchmarkt ein Buchmarkt mit Zukunft ist."

Quelle: www.fairer-buchmarkt.de


Der Auseinandersetzung mit den Verlagen bzw.mit den Autorinnen und Autoren ist derzeit aber nicht das einzige Konfliktfeld bei Amazon.

Mit dem Verweis darauf, man sei ein Logistikunternehmen und kein Unternehmen des Einzel- und Versandhandels, versucht Amazon in Deutschland zu rechtfertigen, dass man Beschäftigten - ohne jegliche tarifvertragliche Absicherung – Einkommen zahlt, die sich an der Logistikbranche orientieren. Dass es anders geht, zeigt Italien: Dort wendet Amazon an einem Standort in Piacenza (Emilia Romagna) den Tarifvertrag des Einzelhandels an. Das Unternehmen ist in Italien dazu verpflichtet, einen der existierenden Branchen-Tarifverträge anzuerkennen – und hat sich explizit für den Tarifvertrag des Einzelhandels entschieden, der eine höhere Entlohnung als in der Logistik vorsieht. Doch auch in Italien will Amazon nicht mit Gewerkschaften verhandeln: Das Unternehmen weigert sich, mit Arbeitnehmervertretern einen Unternehmenstarifvertrag abzuschließen, der in Italien üblicherweise einen Branchentarifvertrag für die Beschäftigten ergänzt und bessere Konditionen bietet.

„Das global agierende Unternehmen Amazon will den Beschäftigten in vielen Ländern einseitig die Arbeits- und Einkommensbedingungen diktieren – Respekt und Wertschätzung von Beschäftigten sieht anders aus. Die internationale Solidarität und grenzübergreifende Vernetzung von Gewerkschaften ist ein wichtiges Signal an Amazon und eine wesentliche Voraussetzung, um für die Amazon -Beschäftigten in Deutschland und an anderen Standorten bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen“, unterstrich Stefanie Nutzenberger, ver.di-Bundesvorstandsmitglied für den Handel.

ver.di treibt deswegen die internationale Vernetzung sowie die Bildung von Betriebsräten  und den Aufbau von Organisationsstrukturen an den Amazon-Standorten weiter voran:
Vertreter und Vertreterinnen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) und von Gewerkschaften aus Polen, der Tschechischen Republik, Großbritannien und den USA trafen sich am 2. und 3. Juli in Berlin, um gemeinsam zu beraten, wie der Kampf für existenzsichernde Einkommen und bessere Arbeitsbedingungen beim Versandhändler Amazon grenzübergreifend koordiniert werden kann. Das Treffen findet auf Einladung der internationalen Gewerkschaftsdachverbände UNI Global Union und der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF) statt.


Quelle: http://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/++co++8fd13fca-0135-11e4-b376-5254008a33df

Kommentare:

  1. Amazon baut in Polen und Tschechien in Grenznähe zu Deutschland neue Logistikzentren, um im kommenden Weihnachtsgeschäft sich gegen Streiks zu wappnen. Verlage werden aufgefordert, sich daran zu beteiligen. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Strategie unserer Gewerkschaft langsam aufgeht, auch wenn es noch Jahre dauern kann. Und wenn bei Amazon ein Tarifvertrag erkämpft worden ist, dann sind Zalando & Co dran.

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  2. "Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Strategie unserer Gewerkschaft langsam aufgeht" --> dass die Arbeitsplätze nach Polen verlagert werden?

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    1. Bei den ersten Streiks in Leipzig und Bad Hersfeld gab das deutsche Amazon-Management triumphierende Presse-Mitteilungen heraus, dass die Arbeitskampfmassnahmen keinerlei Wirkung gezeigt hätten. Davon ist nichts mehr zu hören.

      Und zu Deiner Frage: wenn Du den zweiten Abschnitt des Artikels gelesen hast, dann konntest Du lesen, dass auch Gewerkschafter aus Polen und aus Tschechien an dem von ver.di organisierten Treffen teilgenommen hatten. Denn auch in diesen Ländern geht es um die Erkämpfung von Tarifverträgen, um eben gerade eine Billigkonkurrenz der lohnabhängig Beschäftigten zu verhindern. Das nennt man internationale Solidarität.
      Und nur das hilft, nicht ein Standort-Nationalismus, von dem nur die Internationale des Kapitals profitiert.

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    2. Wenn Amazon-Beschäftigte in der Tschechei oder anderswo gut bezahlt werden, ist das sicherlich eine gute Sache. Wenn der Job vorher in Deutschland angesiedelt war und zufällig meiner war, wird mir das aber so was von egal sein!
      Richtig ist, von der ungehinderten Auslagerung von Firmen und Jobs profitieren nur große Konzerne, am Ende bleiben keine Jobs hier und schlecht bezahlte in Albanien oder Bangladesch. EU und Globalisierung sind die Geißeln des 21. Jahrhunderts.

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