Mittwoch, 15. August 2018

Du mußt die Führung übernehmen

Zum 120. Geburtstag von Bertolt Brecht

 
Giuseppe Pelliza da Volpedo, Der vierte Stand (1901)



Lerne das Einfachste! Für die
Deren Zeit gekommen ist
Ist es nie zu spät!

Lerne das Abc, es genügt nicht, aber
Lerne es! Laß es dich nicht verdrießen!
Fang an! Du mußt alles wissen!
Du mußt die Führung übernehmen.

Lerne, Mann im Asyl!
Lerne, Mann im Gefängnis!
Lerne, Frau in der Küche!
Lerne, Sechzigjährige!
Du mußt die Führung übernehmen.

Suche die Schule auf, Obdachloser!
Verschaffe dir Wissen, Frierender!
Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe.
Du mußt die Führung übernehmen.

Scheue dich nicht zu fragen, Genosse!
Laß dir nichts einreden
Sieh selber nach!

Was du nicht selber weißt
Weißt du nicht.
Prüfe die Rechnung
Du mußt sie bezahlen.

Lege den Finger auf jeden Posten
Frage: Wie kommt er hierher?
Du mußt die Führung übernehmen


Bertolt Brecht, Lob des Lernens (1940)
 (geb. 16. Februar 1898 in Augsburg, 
gest. 14.August 1956 in Ost-Berlin)
 

Montag, 6. August 2018

Die Weigerung, den Clown zu spielen



Bildergebnis für starker betriebsrat


Gewährte eine Zauberfee jedem Arbeitgeber drei Wünsche, würde der nach dem klar positionierten Betriebsrat und der voll organisierten Belegschaft garantiert so gut wie nie geäußert. Gewerkschaftsbekämpfung und Betriebsratsvermeidung stehen in vielen Firmen auf der Agenda – und wenn schon Betriebsrat, dann bitte wenigstens einen, der sich dem Arbeitgeber gegenüber loyal und im Übrigen neutral verhält. Daher oft auch die allergische Reaktion auf den gewerkschaftsnahen Betriebsrat: er wird als Fremdkörper, ein gefährliches Bakterium, die linke Bazille im Betrieb, betrachtet und behandelt.


Wer sich überwindet und gelegentlich einen Blick ins Betriebsverfassungsgesetz wirft, bemerkt vielleicht mit Erstaunen, dass der Betriebsrat dort nirgendwo ausdrücklich als Interessenvertretung der Arbeitnehmer definiert ist. Stattdessen wird er gleichsam als Bestandteil eines partnerschaftlichen und ganzheitlichen Wellnessprogramms gesehen: „Arbeitgeber und Betriebsrat“ – heißt es dort – „arbeiten unter Beachtung der geltenden Tarifverträge vertrauensvoll und im Zusammenwirken mit den im Betrieb vertretenen Gewerkschaften und Arbeitgebervereinigungen zum Wohl der Arbeitnehmer und des Betriebs zusammen.“

Donnerstag, 2. August 2018